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21.11.2014

Test: Lautsprecher B&W 802 Diamond

Lady Diamond

Als fast verwechselbare „kleine“ 800er ist die ähnlich aufwändig wie das B&W-Flaggschiff bestückte 802 der heimliche Star des Portfolios. Denn der Kompromiss ist denkbar klein, der Preis dafür um 8000 Euro niedriger. STEREO hat genau hingehört

B&W 802 Diamond

von Tom Frantzen

Das Modell 802 hatte stets eine gewisse Sonderstellung im B&WPortfolio. Vor allem, als es die 801 noch regulär und die 800 noch nicht gab, wurde die 802 von nicht wenigen als der heimliche Star der Nautilus-Baureihe gesehen. Zwei etwas kleinere Basstreiber ermöglichten nicht nur ein schlankeres, wohnraumtauglicheres Auftreten gegenüber der doch recht massigen, untersetzt wirkenden 801 mit ihrem 38er Tieftöner, sie sprechen zudem aufgrund ihrer geringeren bewegten Masse je Antrieb spontaner an und fügen sich so integrativer ins Klanggeschehen ein.

Zwar gibt es in der brandneuen Diamond-Serie mit der 800 ein eindeutiges Spitzenmodell, aber das ähnliche Konzept, die identische Mittelhochtonbestückung und die eher geringfügigen Unterschiede im Durchmesser der beiden Basstreiber von 20 zu 25 Zentimetern sowie in den leicht größeren Gesamtabmessungen der 800er zeigen doch eine sehr enge Verwandtschaft beider Modelle auf. Preislich klafft mit 8000 Euro Differenz eine größere Lücke als technisch, so viel ist sicher. Und damit bleibt die 802 als Kronprinz eine Art Geheimtipp.

Diamant-Hochtöner

Die neue B&W-Generation hört auf den Namen „Diamond“. Dafür zeichnet die in einem hochkomplexen reaktiven Produktionsverfahren aus synthetischem Diamant generierte und anschließend per Laser zurechtgeschnittene Membran des Hochtonsystems verantwortlich. Diamant ist bekanntlich das härteste und steifste Material der Welt, was eine extrem akkurate Schwingungsbewegung bewirken soll. Zudem liegt Diamant als Stoff in Sachen Schallausbreitungsgeschwindigkeit und Resonanzverhalten sehr günstig. Hinsichtlich der Kosten aber landet der neue Hochtöner laut B&W beim 1200-fachen einer üblichen Kalotte. Die materialtypische Resonanzspitze liegt hier mit 70 Kilohertz deutlich oberhalb einer Metallkalotte und zudem weit außerhalb des direkten Hörbereichs.

Auch der Antrieb wurde komplett neu entwickelt, was aufgrund einer speziellen Anordnung ringförmiger Magneten zu einer extremen Präzision und zu außergewöhnlichen Dynamikreserven führen soll. Man hätte mit diesem Mehrfach-Antrieb alternativ auch einfach lauter machen können, aber Souveränität und Stabilität in allen Lebenslagen waren das Entwicklungsziel.

Während uns der neue Diamant-Hochtöner schon in der 805 sattsam beeindruckte, kommt bei der 802 auch das legendäre sickenlose Mitteltonchassis mit Kevlarmembran zum Einsatz. In den Modellen 804 bis 800 ist seine Anwendung problemlos möglich, weil den für den Bassbereich unabdingbar notwendigen Hub im Bass andere Chassis übernehmen.

B&W 802 Diamond

Die Aufhängung des speziellen sickenlosen Kevlar-Mitteltöners (links) muss für den Betrieb von einer Transportsicherung befreit werden. Rechts daneben sind der aufwändige Fuß und das Terminal zu sehen.

Zunächst gilt es, dieses für die Musikalität der B&W verantwortliche Chassis von der rückseitigen Transportsicherung zu befreien, sie spielt zwar auch „mit“, aber lange nicht so „gelöst“ – die Entkopplung ist wichtig.

Bei diesem Mitteltöner ist natürlich weniger die aus entsprechenden Schutzwesten bekannte Kevlar-Eigenschaft gefragt, Geschosse aufzuhalten als vielmehr das unkontrollierbare Aufbrechen anderer Membranmaterialien zu vermeiden.

Optimierte Chassisgeometrie

Auch wenn sich die „Diamond“ äußerlich nur wenig von ihrer Vorgängerin unterscheidet, ist hier doch einiges geschehen, was den bereits sehr guten Lautsprecher nochmals hat reifen lassen. Vor allem die Magnetantriebe der Chassis wurden auf ihre dynamischen Eigenschaften hin optimiert.

Im STEREO-Hörraum zeigte die 802, dass sie keineswegs nur ein theoretisch perfektionierter Schallwandler ist. Sie ist keine Diva, benötigt gleichwohl eine standesgemäß stabile Elektronik, die den Bass kontrolliert. Das gelang sowohl einem Dartzeel-Vollverstärker als auch Accustic Arts-Verstärkerbausteinen hervorragend.

Die neue 802 liegt besser „am Gas“ als die alte, springt auch bei wenig Leistung schon gut an, und auch der gemessene Wirkungsgrad bewegt sich mit mehr als 88 dB etwas über dem Durchschnitt. Die Minimalimpedanz von 2,7 Ohm bei etwa 100 Hertz, also im durchaus kritischen Leistungsbereich, lassen aber manchen A/V-Receiver oder mittelprächtigen Verstärker in den Schutzschaltungsmodus wechseln, vor allem bei höheren Pegeln. Und gerade die machen mit der dynamischen B&W mächtig Spaß.

Dies ist bei aller Ausgewogenheit keine auf extreme Labor-Linearität gezüchtete Box, sondern ein echter Star mit dezenten Kurven an den richtigen Stellen. Eine Hörsession mit ihr ist ein von Dramatik, Temperament und Spannungsbögen geprägtes Erlebnis. Äußerst universell und aufstellungsunkritisch vermag sie mit allen denkbaren Musikrichtungen perfekt umzugehen, zieht das Auditorium bei Klassik geradezu magisch zur Inspektion in den Orchestergraben, den sie hervorragend ausleuchtet, ohne den Kontext aufzudröseln. Mit diesem Lautsprecher lohnen sich auch klanglich besonders ausgefuchste Produktionen wie etwa Ravels Bolero im Pfleid-Marot-Mix mit dem Münchener Patentorchester.

Kraft und Emotion

Saftig und mit Verve geht es auch bei Rockmusik zur Sache, sei es Grobschnitt „Live 2010“, UFO oder Manfred Mann. Die im tropfenförmigen Marlan-Gehäuse beheimatete Hochmitteltonsektion bildet auch akustisch eine gelungene Einheit, wirkt tatsächlich noch einen guten Tick geschmeidiger und feiner als bei der Vorgängerin – und dank des Top-Mitteltöners sogar noch überzeugender als bei der in der Kompaktklasse überragenden Schwester 805, der sie allein dank ihrer Größe naturgemäß an Fundament deutlich überlegen ist. Der Bass ist „für Erwachsene“, spielt sich nicht in den Vordergrund, auf ihn ist schlicht Verlass. Er kommt satt, konturiert und auf den Punkt, bläht aber bei ausreichend großen Räumen, etwa ab 20-25 Quadratmeter, und etwas Wandabstand nicht auf. Und auch bei kleinen Besetzungen beweist die „Neue“ Feingefühl und zaubert eine Atmosphäre und Livehaftigkeit, die bei guten Aufnahmen garantiert für Gänsehaut sorgt. Klangfarben, präzises Timing, aber auch die räumlichen Bezüge sind famos, lassen den Vorgänger – und nicht nur den – hinter sich.

Ein Lautsprecher der Extraklasse, womöglich die Box fürs Leben – und somit für Anspruchsvolle jeden einzelnen Cent wert.

Stichwort

Diamant
Das mit „Härte 10“ widerstandsfähigste Material der Erde, entstanden aus reinem Kohlenstoff unter 2 Milliarden Jahren vulkanischer Gas und Druckprozesse.

Profil

B&W 802 Diamond
Paar ab €14000
Maße: 37 x 114 x 56,3 cm (BxHxT)
Garantie: 10 Jahre
Vertrieb: B&W Group Germany
Tel.: 05201/87170
www.bowers-wilkins.de

Fazit

B&Ws jüngster Streich, die „Diamond“-Baureihe, setzt der Nautilus-Technologie die diamantene Krone auf und macht die neue 802 zum universellen Top-Lautsprecher. Super.

Messergebnisse

Nennimpedanz
4 Ohm
minimale Impedanz
2,7 Ohm bei 105 Hertz
maximale Impedanz
24,1 Ohm bei 2765 Hertz
mittlere Empfindlichkeit (2,83 V/m)
88,7 dB SPL
Leistung für 94 dB (1 m)
5,6 Watt
untere Grenzfrequenz (-3 dB)
32 Hertz

Kommentar

Der Amplitudenfrequenzgang verläuft etwas wellig in einem insgesamt noch ausgewogenen Korridor. Einer einfacheren Weiche erster Ordnung wurde hier der klangliche Vorzug gegeben. Auffallend ist eine breitbandige Senke im Präsenzbereich um zwei Kilohertz. Die B&W zeigt zügiges Ausschwingen im gesamten Bereich, im Hochton sogar extrem zügig. Das Timing ist für eine Drei-Wege-Bassreflexbox durchschnittlich. Der Impedanzverlauf ist mit 2,7 Ohm Minimum, noch dazu im leistungzehrenden Bassbereich, ausdrücklich nichts für mittelmäßige Verstärker.

B&W 802 Diamond
Das Gehäuse der 802 verbirgt den betriebenen Aufwand, den die Explosionsgrafik veranschaulicht
Typisch B&W: Der 802 Diamond liegen ein pralles Ausstattungspaket und eine hochwertige Produkt-Dokumentationen bei