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26.11.2014

Test: Plattenspieler Scheu Analog Diamond

Schwarzer Diamant

Pop-Sängerin Katie Melua ist Fan von ihm. Wenn das nicht Anlass genug ist, sich den „Diamond“ von Scheu Analog eingehend anzuhören. Unser Testmodell war denn auch mit Schieferzarge, Top-Tonarm und Edel-Tonabnehmer absolut prominent ausgestattet

Von Tobias Zoporowski

Ulla Scheu hat sich verändert. In zweierlei Hinsicht: Erstens zog die Chefin der Analogschmiede mit Sack, Pack und ihrem gesamten Unternehmen jüngst von Solingen ins hauptstädtische Berlin. Zweitens hat sie ihre Firma vertriebsmäßig komplett neu ausgerichtet: Waren ihre Platten-Preziosen bislang ausschließlich im Direktverkauf erhältlich, finden interessierte Kunden „Cello“, „Diamond“, „Das Laufwerk No.1“ und „Das Laufwerk No. 2“ – mehr Modelle gibt es derzeit nicht, die aber dafür in vielen individualisierbaren Variationen – künftig im gut sortierten HiFi-Fachhandel. Was nicht nur die Suche, sondern vor allem die Entscheidung zugunsten eines Scheu-Drehers vereinfacht. „Touch, feel and listen“, diese drei so wichtigen Kriterien, die man im Vorfeld einer Kaufentscheidung stets beachten sollte, sind nun problemloser als bisher mit Leben zu füllen. Das Fachhandelspartner-Netz wird jetzt kontinuierlich ausgebaut.

Gerätefüße- und Basenspezialist SSC liefert die Untersetzer für das Laufwerk. Die sollte man auch einsetzen

Der von uns getestete „Diamond“ ist wie alle Scheu-Modelle bereits seit einigen Jahren im Programm. Zahlreiche Ausbaustufen (es gibt allein drei verschiedene Tonarme als Neun- und Zwölfzoll-Version) und Zargenvarianten (Acryl, Holz und Schiefer in diversen Wunschlackierungen) halten die Laufwerke dabei stets up-to-date. Unser Kandidat freilich ist im „Mehr-geht-nicht“-Ornat angetreten: Eine nahe an der Perfektion verarbeitete und knapp 20 Kilogramm schwere Schieferzarge, die auf drei höhenverstellbaren und spitz zulaufenden Stahlfüßen ruht, dient ihm als Basis für sein „Rotations“-Werk. Damit die Spikes – alternativ stellt Scheu den Diamond auch auf „Plattfüße“ – kein edles Möbel zerkratzen, liegen im Karton Untersetzer bei, die Basenspezialist SSC Hi- Fi zuliefert und mit dazu beitragen sollen, dass der Dreher so beschwingt und souverän aufspielt. Dazu aber später.

Scheu’scher Standard – nicht abwertend gemeint! – ist das inverse Edelstahllager für den satinierten, etwa viereinhalb Kilogramm wiegenden und 50 Millimeter hohen Teller, dessen Lagerbuchse über einen langlebigen Teflonspiegel verfügt. Die Kraftübertragung vom externen Gleichstrommotor, der neben der Umschaltung zwischen 33,3 und 45 Umdrehungen pro Minute eine praktische Feinjustage für beide Geschwindigkeiten bietet, erfolgt bei unserem Testmodell über einen Flachriemen. Alternativ gibt´s auch einen Nylonstring zum Selbstkonfektionieren, dem wir klanglich den Vorzug geben würden. Unbedingt beachten sollten Sie, dass der Gummizügel mittig über die Wölbung des Motorpulleys verläuft. Legt er sich nicht von alleine in diese, einfach behutsam mit der Fingerspitze nachhelfen.

Der Tacco ist ein feinmechanisches Kunstwerk

Die Kerbe im Headshell bietet freien Blick auf die Nadel und hilft so bei der Justage des Systems

Ein kleines feinmechanisches Kunstwerk für sich ist der Zwölf-Zoll-Tonarm „Tacco“ – mit einer effektiven Länge von 293 Millimetern gleichsam das Topmodell im Portfolio der Neu-Berliner. Und, nebenbei bemerkt, mit rund 2700 Euro Verkaufspreis nur unwesentlich günstiger als das etwa 3600 Euro teure Laufwerk selbst. Das konisch zulaufende Armrohr ist in zwei Echtholzvarianten (Thuja- oder Amboinaholz) verfügbar. Auf Kundenanfrage fertigt Scheu den Tacco in exklusivem „Cocobolo“-Holz. Je nach Material schwankt seine effektive Masse zwischen 14 und 16 Gramm, was bei der Auswahl des Tonabnehmersystems Berücksichtigung finden sollte. Zu „weich“ aufgehängte Nadelträger könnten hier kapitulieren.

Die Installation des einpunktgelagerten Arms, dessen Lagerspitze aus einer Rubinkugel besteht, die ihrerseits auf einem gehärteten Metallstift sitzt, erfordert eine gewisse Übung und Sinn für Filigranes. Die Höheneinstellung, die mittels Verschieben der kompletten Armbasis mit Lift und Lager erfolgt, ist dabei die leichteste Übung. Das Einstellen der Auflagekraft und des Azimuts mit zwei Gegengewichten aus Wolfram erfordert unbedingt eine entsprechende Schablone und eine exakte Tonarmwaage. Oder Ihren Fachhändler, je nach individuellem Geschick. Sind aber erst einmal alle Madenschräubchen festgezogen und die Einstellungen überprüft, zieht der Arm genauso stoisch durch die Rillen wie ein konventioneller Drehtyp.

Das Low-Output-MC Scheu S wird von Benz Micro in der Schweiz zugeliefert
Der Zwölfzoll-Tonarm „Tacco ist ein Kunstwerk für sich und will penibel justiert werden

Für den guten Ton sorgt dabei das bei Benz gefertigte und auf der „ACE“-Serie basierende Low-Output-MC-System „Scheu S“ mit Namiki-Diamant, das für 680 Euro erhältlich ist. Eine klanglich sehr gute Arm-Tonabnehmer-Kombination, wie wir finden. In unserem Hörcheck lief der „schwarze Diamant“ im Wechsel an den Phonostufen „Balance+“ von Clearaudio (um 1500 Euro) und einer schon etwas älteren, aber nicht minder exzellenten „P5x“ von Ayre (Neupreis 2005: um 3200 Euro), die jeweils über Einsteins exzellenten Pre „The Tube“ (um 10900 Euro, Test in STEREO 7/10) unter anderem an Mangers neuem Aktivmonitor „MSM c1“ spielten (Paar ab 8600 Euro), der in einer der nächsten Ausgaben ausführlich besprochen wird.

Groß, schwungvoll, souverän

Der Antriebsriemen muss für den korrekten Lauf unbedingt mittig über die bauchige Wölbung der Motorachse (l.) geführt werden

Und das mit einer insgesamt entspannt anmutenden und druckvoll-dynamischen Diktion bei flüssigem Swing und großem Raumeindruck. An Clearaudios hochdynamischer Balance+ zeigte der Diamond eine schonungslos ehrliche, jeden Aufnahmefehler gnadenlos aufdeckende Darbietung, die mit knackigem Punch, zarter Detailverliebtheit und knorrig- trockenem Bass gefiel, die insbesondere bei qualitiativ hochwertig gemasterten Scheiben Freude bereitete. Das rasante Bassface Swing Trio etwa, bei seiner Gershwin-Interpretation in Drei-Mann-Besetzung (Kontrabass, Schlagzeug, Fazioli-Flügel) – von Stockfisch- Records-Chef Günter Pauler höchstpersönlich live aufgenommen und abgemischt –, „wuselte“ mit irrwitzigem Tempo und bis in die höchsten Tonlagen sauber durchhörbar die Tonleiter hinauf und wieder hinunter. Die Wiedergabe war schlackelos und quirlig. Stillsitzen? Keine Chance!

AC/DCs „Black Ice“ oder „Stadium Arcadium“ von den Red Hot Chili Peppers genossen wir dagegen lieber über die „saftiger“, emotionaler und insgesamt wärmer timbrierte Ayre-Vorstufe, die dadurch mit Kompressionsartefakten gnädiger umging und es eben auch mal gepflegt krachen ließ.

Ganz „großes Laufwerk“, hält sich der stets souveräne und stoisch in sich ruhende Diamond aus solchen Interpretationen, die eben von der Kette, in denen er betrieben wird, abhängen, vornehm heraus. Er pflegt eine ebenso musikalische wie neutrale Perspektive und kann sich mit Top-Wettbewerbern wie zum Beispiel McIntoshs MT-10 (Test in STEREO 3/08) problemlos messen. Nach diesen Eindrücken können wir sehr gut nachvollziehen, warum es Katie Melua mit Marilyn Monroe hält: „Diamonds are a girl’s best friend.“

Dieser Artikel wurde in STEREO 10/2010 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.

Stichwort

Invers-Tellerlager
Bei einem Inverslager liegt der Lagerpunkt oben im Plattenteller. Dieser stützt sich also nicht auf die Lagerspitze, sondern „hängt“ an ihr dran, was Kippmomente verhindert und so zur Laufruhe beiträgt.

Profil

Scheu Analog Diamond
ab € 3600 (Laufwerk)
Testmodell mit 12“-Arm „Tacco“ und MC Scheu S: um €6980
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Scheu Analog
Tel.: 030/28832860
www.scheu-analog.de

Fazit

Da wird man gern zum Fan. Aus feinsten Zutaten baut Ulla Scheu ein stabiles Masselaufwerk, das mit hauseigenem Arm und System erstklassig klingt: Beschwingt und dynamisch, dabei souverän und stimmig – dieser Dreher ist feinstes analoges Handwerk.

Ausstattung

Zarge aus Acryl, Holz oder Schiefer, Füße höhenverstellbar, SSC-Pucks, Invers-Tellerlager, externer, elektronisch geregelter Gleichstrommotor, 50 Millimeter hoher Acrylteller

In unseren Downloads finden Sie eine Auswahl von Desktop-Hintergründes des Scheu Diamond