Test: Standlautsprecher Naim Ovator S600
Der Dreh mit der Scheibe
Wenn sich findige britische und deutsche Ingenieure zusammenfinden, um mittels einer „Schwungscheibe“ einen besonders musikalischen Lautsprecher auf die Spikes zu stellen, sollte man aufhorchen. Vor allem, wenn „Naim“ draufsteht
von Tom Frantzen
Die Ovator S 600 bricht insofern mit einer Naim-Tradition, als sie von Anfang an ausdrücklich nicht für die wandnahe Aufstellung, sondern als frei zu positionierender Standlautsprecher konzipiert wurde. Das bildet die Realität zumindest der meisten Wohnzimmer besser ab, die von den Raumabmessungen eine respektive zwei Boxen dieser Größe überhaupt sinnvoll aufnehmen können, selten aber freie und geeignete Wände aufweisen. Aber auch, wenn Ihre gute Stube weniger als 25-30 Quadratmeter aufzuweisen hat, sollten Sie weiterlesen, denn, so viel vorab, der hier getestete Lautsprecher wird ebenso begehrenswerte größere und kleinere Geschwister bekommen.
Vereinte Kompetenz
Das Ovator-Projekt, das bereits vor drei Jahren seinen Anfang nahm, ist eine gemeinsame Arbeit von Naim und dem Team von Fink Audio-Consulting, dessen Chef Karl-Heinz Fink zweifellos zu den meistbeschäftigten Lautsprecherexperten überhaupt gehört und – zu Recht – als Koryphäe des Boxenbaus gilt. Als ehemaligen Redakteur der STEREOSchwester HiFi Vision dürfen wir ihn wohl auch ein wenig als Kollegen sehen. Zuvor hatte er – zeitweise übrigens auch gemeinsam mit dem ehemaligen STEREO-Chefredakteur Heinz Schmitt – die Selbstbauszene aufgemischt und in den letzten fast 25 Jahren neben festen Engagements etwa bei ALR Jordan und IQ zahlreiche Lautsprecher im Auftrag projektiert. Zu seinen Kunden, die genannt werden dürfen, zählen etwa Denon, Magnat, Mission, Tannoy oder Yamaha.
Waren und sind die klanglichen Hauptziele der Naim-Entwickler um Roy George stets Fluss, Lebendigkeit und Timing, so setzt Fink die Priorität ganz klar eher auf Tonalität – und die sucht und findet er seit Jahrzehnten in der Optimierung der Mittenwiedergabe. Dass als Schnittmenge beider miteinander in Einklang zu bringender Ansätze ein Breitbänder herauskam, ist im Grunde nicht weiter verwunderlich. Doch dieser Breitbänder, der gewissermaßen das „Herzstück“ der Ovator bildet, hat es in sich. Es gibt durchaus Verwandtschaften etwa zu den NXT-Treibern oder Biegewellenwandlern, eher jedenfalls als zu konventionellen dynamischen Konustreibern.
Denn ein herkömmlicher Lautsprechertreiber schwingt bei tiefen Frequenzen so lange als „steifer, pistonischer Kolben“, bis er seine so genannte „Break Up“-Region erreicht und zum unkontrolliert (partiell) schwingenden Objekt wird. Die Laserinterferometrie etwa zeigt die angeblich feste Membran dann eher als unkoordiniert schwabbelnde Masse. Außerdem neigt das „ordinäre“ Chassis mit zunehmender Frequenz zur Bündelung, richtet also den Schall.
Eine unscheinbare, knapp achteinhalb Zentimeter messende Scheibe soll es als Membran richten. Der „Balanced Mode Radiator“ des großen Naim-Lautsprechers überstreicht jedenfalls nicht nur bruchlos sechs Oktaven, was allein schon sensationell genug erscheint, er ist laut Naim zudem so ausgelegt, dass er gewissermaßen bis knapp zwei Kilohertz gewohnt kolbenartig schwingt und darüber kontrolliert in zahlreiche kleine Schall - entstehungszentren „aufbricht“ – und deshalb auch weitaus weniger bündeln soll als übliche Hochtöner.
Hinsichtlich der Bauteile wie Schwingspule, Sicke, Zentrierung, Antriebsmagnet etcetera unterscheidet sich der nunmehr kurz „BMR“ genannte Treiber indes gar nicht so sehr vom üblichen Schema. Seine breite Abstrahlcharakteristik soll aber dafür sorgen, dass die Ovator ihren Besitzer zum Hörgenuss nicht so sehr auf einen festen Fleck der Couch zwingt wie manche ihrer Konkurrentinnen. Außerhalb der Achse wird hier laut Naim insbesondere im Hochtonspektrum erheblich mehr Schallenergie abgestrahlt.
Tatsächlich soll sich der BMR auch dank seines hinsichtlich Schwingspule und Membran optimal ausbalancierten Antriebskonzeptes annähernd wie das Ideal eines Punktstrahlers verhalten. Und wird dabei in seinem Zuständigkeitsbereich ab etwa 380 Hertz von keiner Weiche mehr tangiert.
Dieses Ausnahme-Chassis aus Nomex, einem hochstabilen Kunststoff von DuPont, und Papier, das sich noch in weiteren, künftigen Modellen der angefangenen Serie wiederfinden soll, wird in Deutschland gefertigt.
Flottes Woofer-Duo
Die tieferen Register verantworten in der neuen Naim gleich zwei acht Zoll respektive 20 Zentimeter messende, langhubige Basstreiber mit gutmütigen Langfaser-Papiermembranen, die ihren Dienst unter unkonventionell nach vorn ausgestülpten Schutzgittern versehen. Unter diesen geht es ein wenig konventioneller zu, denn die mit langhubigen, nach strömungsidealen Erkenntnissen konzipierten Konuschassis sind zweifelsohne ausgesprochen hochentwickelte Konstruktionen, aber lange nicht so exotisch wie ihr Spielpartner, die BMR-Scheibe.
Mit dieser harmonieren sie allerdings in der „Spielpraxis“ hervorragend. Auch die Tieftöner der Ovator kommen aus Deutschland, werden aber bei Naim auf der Insel in die S 600 verbaut.
Ausgefeilte Mechanik
Nichts an diesem Lautsprecher wurde dem Zufall überlassen. Selbst kleinste Details sind dem angestrebten Klangresultat geschuldet und das Ergebnis aufwändiger Simulationen wie der legendären Klippel-Software. Oder aber sie gehen unmittelbar auf Hörtests zurück.
So arbeiten die beiden 20er-Basstreiber, deren Membranfläche sich fast mit einem einzigen, größeren 30er-Basstreiber vergleichen lässt – ohne aber dessen nachteilige Trägheit zu besitzen – auf zwei etwa gleich große Kammern in einem geschlossenen Gehäuse. Dieses weist durch eine sorgfältige Materialauswahl, nichtparallele Wände und Versteifung einen wohldosierten Kompromiss aus Neutralität, Rigidität und Elastizität auf, der sich in besagten Hörversuchen als optimal für das musikalische Erlebnis erwies.
Auch der sichere Stand des immerhin 61 Kilogramm schweren Lautsprechers ist ein dualer Ansatz, denn frontseitig steht der aufwändig gestaltete Fuß aus Aluminiumguss den Bodenkontakt suchend auf zwei speziell gehärteten, querschnittstarken Spikes, hinten aber wird er von einer Blattfeder entkoppelt. Es war Music Line offenbar ein Anliegen, dass wir die ergän-zenden Spiketeller benutzen, was die Boxen tatsächlich mit einem Schuss mehr Räumlichkeit und Offenheit belohnten.
Die während des bereits angelaufenen Tests gestellte Frage, ob wir denn die Transportsicherungen entdeckt und gelöst hätten, nehmen wir aber sportlich. Netter Versuch, Jungs!
„Zappelphilipp“
Auch der „BMR“ sitzt – nach erwähnter Lösung der rückseitigen, aus zwei Inbusschrauben bestehenden Transportsicherung – (!), mechanisch vollkommen vom Restgehäuse entkoppelt in einer Aluminiumröhre, in der er wie das Subchassis eines Plattenspielers „herumschwabbelt“. Tatsächlich spielt das Chassis auch mit „angeknallter“ Sicherung, das haben wir natürlich probiert. Aber längst nicht so gut. Und, wo wir gerade dabei sind, auch das Naim-typisch ausschließlich bananataugliche und für Single-Wiring ausgelegte Terminal ist entgegen jeglicher klangschädlicher Mikrofonie schwimmend gelagert. Zudem handelt es sich um eine Eigenentwicklung mit optimiertem Leitermaterial. Wer an Bioder gar Tri-Amping denken sollte, kann es auf Wunsch auswechseln lassen.
Timing ist alles
Der vom STEREO-Labor ermittelten Sprungantwort ist unschwer anzusehen, dass die beiden Basstreiber schnell, aber dennoch einen kleinen Tick langsamer sind als der extrem schnell reagierende BMR.
Dass massebedingt der Hochtöner spontaner anspringt als die größeren Treiber, ist bei praktisch allen passiven Mehrwege-Lautsprechern zu erwarten und Fakt. Wir erwähnen es hier auch nur deshalb, weil der BMR einen so ungewöhnlich großen Teil des Frequenzbandes im Alleingang abarbeitet. In der Bruchlosigkeit ohne Sprünge in Phase, Pegel oder Dispersion (Abstrahlung) liegt der enorme Vorteil eines Breitbänders, als den wir den BMR hier einmal sehen wollen. Dennoch ist auch die Ankopplung der Treiber untereinander exemplarisch gelungen. Die arbeitsteilige Trennung erfolgt bei sehr tiefen 380 Hertz mit einer Flankensteilheit von satten 24 Dezibeln pro Oktave. Die entsprechend aufwändig bestückte Weiche sitzt in einer eigenen, von Schalldruck unbeeinflussten Kammer im unteren Gehäuseteil der Box. Die Tieftöner harmonieren in der Praxis hervorragend mit der Scheibe, zumal das menschliche Gehör im Bassbereich ohnehin deutlich unempfindlicher reagiert als im für die Tonalität eminent wichtigen – da ist er wieder, lieber Karl-Heinz Fink! – Mitteltonbereich.
Stimmiges Konzept
Selten haben selbst wir als täglich mit HiFi-Pretiosen umgehenden Redakteure das Vergnügen, ein derart stimmiges, homogenes Klangbild zu hören. Und das ungeachtet der Preisklasse, denn die Ausdruckskraft, Souveränität und Präzision paart sich mit einer Spielfreude, die auch in höheren Euroregionen keineswegs selbstverständlich ist. Nun sind gut 8000 Euro für die meisten Haushalte zweifellos kein Pappenstiel, aber die neue Naim erreicht klanglich Regionen, die diese Summe ohne weitere Argumentation gerechtfertigt erscheinen lassen. Das hier ist kein in ein oder zwei Punkten mit allen Mitteln auf die Spitze getriebenes Produkt, sondern ein ganzheitliches Konzept, das vom Gehäusedeckel bis in die Spikespitzen hinein höchste Musikalität verkörpert. Und sie auch dem Hörer vermittelt, vor allem. Denn was nutzt es, wenn ein Lautsprecher nur theoretisch prima ist? Der Spaßfaktor kommt bei dieser Naim jedenfalls nie zu kurz. Sie fasziniert vom ersten Takt an, weckt Emotionen und packt den Hörer dank des ausgeprägten Fundaments auch physisch. Dabei liefert die Ovator eine ganze Menge Details, aber gottlob nie um des Selbstzweckes Willen auf dem polierten Silbertablett, sondern als organisch funktionierende, sich selbstverständlich einfügende und unterordnende Teile des Gesamtgeschehens.
Gutmütige Natur
Auch in Sachen Aufstellung haben wir es hier unseres Erachtens keineswegs mit einer Diva zu tun. Die Ovator spielte schon in einer Art vorgegebener Standardposition im großen STEREO-Hörraum grandios und ließ sich durch Rücken, Drehen und Schieben nur mehr marginal weiter ausreizen, aber nicht mehr grundlegend verbessern. Sie ist auch mitnichten raumkritisch – mit einer Ausnahme: Denn ihr potenter Bass erfordert Raum zur Entfaltung. Nicht einmal einen besonderen Anspruch an Elektronik konnten wir feststellen. Dazu trägt auch die in einem schmalen, flachen Korridor zwischen 3,3 und elf Ohm verlaufende Impedanzkurve bei, die als angeschlossene „Last“ Verstärkern weder mit Niederohmigkeit hohe Ströme abverlangt noch durch starke Schwankungen bei Röhrenverstärkern für Eskapaden sorgt. Schon ein Naim Super-NAIT oder Symphonic Line RG 9 gehen wunderbar, dennoch „wächst“ auch die Naim proportional mit der Elektronik.
Was, wie eingangs erwähnt, absolut nicht geht, ist der zu wandnahe Betrieb, dafür ist dieser Lautsprecher zu potent. Es geht auch nicht allzu gut mit eingeengter Basisbreite, und es geht nie und nimmer auf zwölf Quadratmetern. Aber das erwartet wohl auch niemand ernsthaft von einer Box dieses Kalibers, Preises und knapp 117 Zentimetern „Schulterhöhe“.
Unter allen anderen Bedingungen hat die Naim indes das Zeug zum absoluten Traumlautsprecher, wie er vollständiger, universeller und „erwachsener“ kaum sein kann. Insbesondere ihre größte Stärke, die unfassbar schlüssige, tonal ebenso wie auch rhythmisch ausgesprochen natürliche Wiedergabe etwa von Holzinstrumenten und Stimmen, soll ihr erstmal eine Box dieser Preisklasse nachmachen, auch wenn die Fokussierung auf Einzelereignisse von Fall zu Fall beinahe noch eine Spur schärfer hätte sein können.
Echter Tausendsassa
Hinzu kommen aber noch uneingeschränkt sehr gute, fein wie grobdynamische Fähigkeiten samt hoher Pegelfestigkeit, sprich das Vermögen zu überzeugenden Tutti. Egal ob mit „rasender“ E-Gitarre, wie bei Grobschnitts epischer „Solar Music“, oder dem Dynamikgewitter bei Strauss’ „Also sprach Zarathustra“. Mit knackigem, opulenten Bass, der nur ganz leicht auf der warmen Seite spielt.
Ihr Repertoire ist umfangreich und wohl für die meisten Hörer alltagstauglich. Wir sind jedenfalls von der ausgewogenen Universalität begeistert! Claire Martin, Diana Krall oder Christy Baron kommen mit seidiger Stimmlage dreidimensional ins Wohnzimmer, was alles andere als unangenehm ist. Und: Ein Klavier, vielmehr ein Konzertflügel, ist hier noch ein Flügel. Majestätisch, farbig, mit Schwebungen im faszinierenden Akkord und schlichtweg groß – keine kompakte Sperrholzkiste mit artifiziell abgehacktem Ausschwingen!
Nochmal: Diese Naim ist kein exzentrischer Spezialist, sie ist eher darauf ausgelegt, alles richtig, nein, wirklich überzeugend zu können. Das Ziel wurde erreicht – und das auch in allen wesentlichen Teildisziplinen mindestens gut, tendenziell eher sehr gut bis – etwa in Sachen musikalischer Schlüssigkeit – ganz hervorragend. Dafür sind „nur“ 8200 Euro ein eher erstaunlicher Preis.
Das also kommt dabei heraus, wenn sich renommierte Top-Spezialisten zusammenraufen und ihre Ideen gemeinsam weiterentwickeln. Respekt – mehr davon! Über die Entstehung der Ovator könnte man fast ein Buch schreiben, sechs Seiten sind am Ende wider Erwarten knapp. Wer sich für das entsprechende YouTube-Produktvideo interessiert, der sollte mal im STEREO-Blog danach suchen. Wir werden es vorab entsprechend verlinkt haben. Dort ist unter anderem die Rede davon, dass die Entwicklung dem Team Blut, Schweiß und Tränen abverlangt habe.
Das glauben wir sofort, aber der Einsatz hat sich definitiv gelohnt. Ein ohne Wenn und Aber toller Lautsprecher!
Dieser Artikel wurde in STEREO 09/2010 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.
Profil
Naim Ovator S 600
Paar ab 8200 Euro (weiß € 8850)
Maße: 40 x 117 x 43,4 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Music Line
Tel.: 04105/77050
www.music-line.biz
Fazit
Diese Naim bringt zwar typisches Erbgut mit, dieses wurde aber derart mit Hightech erweitert, dass die Ovator zum universellsten, musikalischsten und besten Naim-Lautsprecher geriet. Und einem der spannendsten und faszinierendsten überhaupt. Superb musikalischer Klang!
Messergebnisse
Labor-Kommentar
Innerhalb eines +/-3dB-Korridors verlaufender und damit insgesamt noch ausgeglichener, wenngleich wellig anmutender Frequenzgang mit kräftigem Bass. Aufgrund des abaxial entgegen dem „White Paper“ doch messbaren Hochtonabfalls empfehlen wir eine leicht eingewinkelte Aufstellung, die wir auch im Hörraum favorisierten. Gutmütiger Impedanzverlauf, durchschnittlicher Zeitversatz von Tief- zu Hochtöner.




















