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19.09.2014

Test: Vollverstärker Music Hall A50.2

Klangfarben satt

Music Halls großer Amp kostet nur 1100 Euro und liefert tolle Klangbilder

von Tom Frantzen

Geht man vom Live-Erlebnis als Maßstab für HiFi aus, liegt es eigentlich nahe, hochwertige Geräte „Konzertsaal“ zu nennen. Gesagt, getan, und so ging Roy Hall, ein waschechter Schotte, ehemaliger Linn-Mitarbeiter und danach als Auswanderer lange Zeit Creek-Importeur in den USA, vor einigen Jahren mit seinen eigenen Kreationen als „Music Hall“ an den Start. Erfolgreich, wenn man sich allein die Tests von Elektronik (STEREO 10/05, 7/07 und 8/09) und Plattenspielern (STEREO 11/07 und 5/08) ansieht. Die Geräte laufen übrigens in derselben Fabrik in China vom Band, in der auch Creek seine Evo-Reihe produziert, die Plattenspieler kommen aus dem Pro-Ject-Werk in Tschechien.

Stimmig und stämmig

Music Halls derzeit größter Vollverstärker namens A50.2 ist mit rund elf Kilogramm ein stattliches Gerät, zugleich aber ein Purist. Eine Klangregelung sucht man vergebens, die Bedienung ist so glasklar und geradlinig wie das Design. Dafür hat er aber, um den Vinylfreund zu erfreuen, Phono MM und MC sowie, für den Aufnahmefan, eine Monitor-Funktion für die Hinterbandkontrolle serienmäßig an Bord.

Die Sanken-Transistoren machen ordentlich Dampf, der über Kühlkörper abgefangen wird

Die fast fingerdicke, massive Frontplatte, der beeindruckende Ringkerntrafo mit dem Quartett großer Elektrolytkondensatoren und die im Gegentakt arbeitenden legendären, bipolaren Transistoren aus dem Bauteile-Adelshaus Sanken belegen die Großzügigkeit des Angebotenen fürs Geld. Diese Transistoren werden Sie auch in weitaus teureren Geräten finden. Der selbstredend nicht ganz ernst gemeinte Indikator „Kilopreis“ liegt bei diesem Verstärker um 100 Euro – das kommt einem doch wirklich verdammt fair vor.

Im Hörraum machte der „Konzertsaal“ denn auch  seinem Namen alle Ehre, bildete groß, opulent sowie farbenprächtig ab. Seine besonderen Stärken liegen neben der für die Klasse außergewöhnlich guten Räumlichkeit und Tiefenstaffelung in den eminent wichtigen mittleren Lagen, sprich im Grund- und Mitteltonbereich, wo der Music Hall auf besonderen Fluss, Natürlichkeit und Eleganz gezüchtet wurde. Dieser Charakterzug führt einerseits zu einem ausgewogenen, angenehmen Klangbild und andererseits zu einer ganz exzellenten Stimmenwiedergabe. Wenn Diana Krall oder auch Al Jarreau singen, geht hier die Sonne auf. Das kommt ausgesprochen geschmeidig, frei und sonor. Nichts, aber auch gar nichts nervt. Sogar 80er Jahre-Aufnahmen mit spitzen S-Lauten reproduziert der Amp erträglich. Selbst Yamahas sehr guter A-S1000 muss sich dem Music Hall in diesem Frequenzbereich letztlich geschlagen geben. Der Japaner klingt bei Stimmen vergleichsweise etwas angestrengter, gepresster, während er dafür den Bassbereich ein wenig straffer kontrolliert und durchzeichnet. Interessanterweise reagiert der Yamaha zudem sensibler auf unterschiedliche Netzkabel, auch in den Mitten!

Roy Halls Ableger mit seinem eher gutmütig-satten, aber noch keineswegs gemütlichen Punch geht grobdynamisch durchaus forsch zur Sache. Bei Chuck Mangiones legendärer Filmmusik „Children Of Sanchez“ etwa platzen die enorm dynamischen Drums und Hornsätze geradezu explosionsartig zwischen den Lautsprechern auseinander. Da kann mancher Zaungast am Ende mit offenem Mund auf der Couch sitzen. Das ist kein Abklatsch, sondern wirkt in den Dimensionen sehr glaubhaft und souverän. Tatsächlich ist die Kontrolle im Bassbereich stark vom Lautsprecher abhängig. Die standesgemäßen Neat Acoustics Elite SX oder eine Canton Vento 890 DC, beide zur 2500-Euro-Liga gehörig, führte der Music Hall prima und autoritär, während ihm die B&W 804 Diamond in den tiefen Registern und den Weiten des großen STEREO-Hörraums mitunter ein klein wenig entglitt.

Da man einen 1100-Euro-Amp aber eher selten an einem 7000-Euro-Lautsprecher findet und wenn, dann nicht unbedingt in einem Saal betreibt, ist das kein Beinbruch.

Langzeittauglicher Begleiter

Der Phono-Eingang lässt sich an der Rückseite umschalten

Nach oben spielt der A50.2 offen und löst fein, aber nicht übertrieben auf. Komplexe Klangbilder dröselt er entsprechend nicht sehr stark in Einzelereignisse auf, sondern betrachtet sie eher ganzheitlich. Die Energiebilanz ist ausgeglichen, das Timing prima. Er nimmt den etwas dickeren Pinsel, was sehr gut funktioniert und zu einem kraftvoll-souveränen Auftritt führt. Das saturierte Timbre, das wir schon vom röhrenbestückten Wandler des Hauses kennen, blieb auch bei Phono über den Brinkmann Bardo erhalten. Damit wird er gegenüber einigen eher dünn klingenden integrierten, analogen Notlösungen die Nase oftmals vorne haben. Um hier keineswegs missverstanden zu werden: Der A50.2 macht aus Anna Netrebko keine Montserrat Caballé, kehrt also den Charakter manches detailverliebten Analytikers nicht etwa ins ebenso unerwünschte Gegenteil um. Das passt schon!

Punkten kann der Music Hall unterm Strich als einer der musikalisch stimmigsten und ausgereiftesten Vollverstärker seiner Preisklasse. Sein farbiger, erdverbundener Klang inspiriert, lädt ein und motiviert zur erneuten Durchforstung der angesammelten Softwarebestände, seien sie „noch“ in CD-/Plattenform oder „schon“ als Streaming vorhanden – oder beides.

Er klingt ausgesprochen langzeittauglich, ist kräftig genug für die meisten Lebenslagen und zudem relativ kombinationsunempfindlich, was ihn quasi zu einem Universalisten seiner Zunft macht. Nur Lautsprecher, die im Bass den strafferen Zügel brauchen, sind möglicherweise weniger sein Ding. Er ist ein Gönner.

Dieser Artikel wurde in STEREO 5/2010 veröffentlicht

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Profil

Music Hall A50.2

um €1100
Maße: 43x10x36 cm (BxHxT)
Garantie: 2 Jahre
Vertrieb: Phonar
Tel.: 04638/89240
www.phonar.de

Fazit

Ganzheitlich agierender, kraftvoll-samtig aufspielender Amp mit tollem Timbre, preisklassenbezogen guter Räumlichkeit und satten Klangfarben. Kein Detailfanatiker, aber ein echter Charakterkopf mit musikalischem Esprit. Puristisch anmutende, aber dennoch verblüffend komplette Ausstattung inklusive Phono MM/MC.

Messwerte

Dauerleistung an 8 | 4 Ohm
106 | 155 Watt pro Kanal
Impulsleistung an 4 Ohm
257 Watt pro Kanal
Klirrfaktor bei 50 mW | 5 Watt | Pmax –1 dB
0,03 | 0,038 | 0,12 %
Intermodulation bei 50 mW | 5 Watt | Pmax –1 dB
0,07 | 0,027 | 0,07 %
Rauschabstand CD bei 50 mW | 5 Watt
60 | 79 dB
Rauschabstand Phono MM/MC (5 Watt)
77 | 60 dB
Kanaltrennung bei 10 kHz
53 dB
Dämpfungsfaktor bei 4 Ohm
111
Obere Grenzfrequenz (–3 dB, 4 Ω)
110 kHz
Anschlusswerte
in Ordnung
Gleichlauffehler Lautstärkesteller bis –60 dB
0,1 dB
Leistungsaufnahme Aus | Standby | Leerlauf
0 | - | 15 Watt

Laborkommentar

Hohe Leistungsreserven, praxisgerecht auch für kurze Impulsspitzen. Die Messwerte für Verzerrungen und Übersprechen sind gut, die Rauschwerte dagegen knapp. Sehr gutes Lautstärkepoti.

Ausstattung

Fernbedienung, Phono MM/MC, vier Hochpegeleingänge, Tape-Monitor-Funktion, Vorverstärkerausgänge, Anschluss für ein Paar Boxen und Kopfhörer

Stichwort

Gegentakt
Bei dieser Verstärkerschaltung zeichnet die Hälfte der Transistoren für die positive, die andere für die negative Halbwelle verantwortlich.