Sie sind hier: HiFi-Test / Neue Medien / Streaming Client Linn Majik DS-I
31.10.2014

Test: Vollverstärker/Streamer Linn Majik DS-I

Die Vereinigung

Linn verschmilzt den ­Streamer und den Vollverstärker der „Majik“-Baureihe zur einzigartigen integrierten Netzwerklösung „DS-I“. Wir durften das erste Serienmuster begutachten

von Carsten Barnbeck

Oha, das wird dem Sneaky aber gar nicht schmecken. Der kleinste Linn-Streamer (um 1450 Euro) hatte unsere Herzen vor knapp einem Jahr im Sturm erobert, da er neben seinem hervorragenden Netzwerk-Player gleich noch einen kleinen, feinen Vollverstärker an Bord hat und somit als einzige Komplettanlage seiner Art mit wahrhaft audiophilem Anspruch gelten durfte. Tja, und nun kommen die schottischen Entwickler so mir nichts, dir nichts auf die Idee, sein einzigartiges Prinzip auf die Majik-Baureihe, also eine Preisstufe weiter nach oben zu übertragen. So schnell kann’s vorüber sein mit dem alleinigen Ruhm.

Selbst der Majik-I kann da nicht mithalten

Majik DS-I lautet der pragmatische Name der verheißungsvollen Symbiose aus dem Streamer Majik DS sowie dem rassigen Vollverstärker Majik-I. Der Preis dieser omnipotenten Universalmaschine liegt mit knapp 3000 Euro gerade einmal doppelt so hoch wie der des kleinen Bruders. Die Tests der beiden Vorbilder finden Sie ergänzend übrigens in den STEREO-Ausgaben 3/08 (Majik-I, um 2300 Euro) und 8/08 (Majik DS, um 2400 Euro).

Tatsächlich ist dieser neue Netzwerk-Vollverstärker eine hundertprozentig integre Kombination aus den beiden Einzelmodellen, für die separat immerhin 4700 Euro fällig wären. Damit setzt er sich dann auch konzeptionell deutlich vor den abgeschlagenen Sneaky. Während der nämlich „nur“ ein handlicher und natürlich sehr gut klingender Streamer mit Digitaleingang und Lautsprecherausgängen ist, kann der DS-I die Rückansicht eines ausgewachsenen – und damit meinen wir eines wirklich üppig ausgestatteten – Vollverstärkers vorweisen: Seine sage und schreibe elf Signaleingänge bieten reichhaltiges Potenzial für eine riesige Quellenvielfalt. Sechs dieser Inputs sind analog – fünf am Rücken und einer als praktische Miniklinke auf der Front. Die übrigen fünf sind digital, zwei davon elektrisch und drei optisch ausgeführt. Die zusammengenommen fünf Ausgänge (Pre-Out und Record-Out analog sowie drei digitale) runden das Quellen-Megapaket ab.

Daneben sieht selbst ein Majik-I blass aus. Der ist im „Pure-Analogue“-Prinzip aufgebaut und weist folglich keinen einzigen Digitalanschluss auf. Der DS-I ist hier klar im Vorteil, da er via integriertem Majik DS auch die hochkarätigen Wandler des luftigen und ungemein räumlich aufspielenden Netzwerk-Streamers geerbt hat.

Die gelungene Kombination ermöglicht es, dass der DS-I weit mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Natürlich passieren Digitalsignale hinter den Eingängen die Klangpolitur des Streaming-Clients. Der verarbeitet nicht nur ein kunterbuntes Gemisch aus Tonformaten, darunter zum Beispiel FLAC, WAV, AIFF, MP 3 und AAC, sondern tut dies auch in zahlreichen Sampleraten zwischen 7,35 und 192 Kilohertz bei wahlweise 16 oder 24 Bit. Kurzum: Der DS-I beherrscht sämtliche Register des Upsamplings und Ditherings, da seine interne Politur natürlich immer auf höchstem Level stattfindet (24 Bit/192 kHz). So verleiht er einem angeschlossenen CD-Spieler Glanz, Noblesse und das gewisse Etwas – bei 7,35 kHz konnten wir das aufgrund Quellenmangels allerdings nicht testen. Wir bitten um Nachsicht.

Eine Innenansicht des Vollverstärkers und Streamers Linn DS-I
Wie in allen aktuellen Linn-Geräten findet auch im DS-I das neue Dynamik-Netzteil (im Vordergrund) Verwendung

Es strömt goldig-fein

Da wir schon einmal beim Digitalen sind, widmen wir uns gleich dem „Audio Renderer“, wie er im Englischen genannt wirdnennt. „DS“ ist eine von Linn entwickelte, in ihrer speziellen Konfiguration sehr schlagkräftige Technologie, die sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: Numero uno ist der konventionelle UPnP-Streamer, der sich mit Audiodaten von Netzwerk-Festplatten versorgt und neben oben genannten Tonformaten auch Playlisten in verschiedenen Formaten abspielen kann. Damit das klappt, müssen natürlich ein Netzwerk, eine Datenfestplatte (NAS oder PC) mit kompatibler Server-Software sowie im Idealfall ein DSL-Anschluss vorhanden sein. Die nötigen Programme kann man sich übrigens im Support-Bereich der Linn-Homepage beschaffen (www.linn.co.uk). Gegebenenfalls fallen dabei jedoch zusätzliche Kosten an.

Die zweite Zutat ist ein Prozessor mit streng geheimem Inhalt, der – analog zum Putzlappen – die Signale aufbereitet und insbesondere komprimierten Tondaten einen feinen Schliff verpasst und die Patina wegpoliert. Genau dieser Kniff sichert Linns DS-Prinzip den Platz im Streaming-Olymp.

Wie sein Vorbild Majik DS musiziert der DS-I seidig fein und unglaublich lebendig. Seine Klangfarben haben eine schier unglaubliche Nuancierung, wirken dabei sonor und kräftig und bieten eine edle, angenehm warme Note, an die kein vergleichbares Produkt heranreicht. T+As Music Player (um 2100 Euro) vertritt mit seinem schwungvoll-dynamischen Charakter und seiner helleren Abbildung zwar andere Attribute, reicht damit aber nicht ganz an das Majik-Niveau heran. Das liegt zum Teil auch an der schier überirdischen Abbildung des Streamers. Der DS-I projiziert eine Band, einen Sänger oder ganze Orchester plastisch und extrem tief in den Raum. Je nach Anlage verlieren die Lautsprecher jede Präsenz, verschwinden einfach. Das muss man mal erlebt haben.

Im Vergleich der beiden Majik-Geschwister bestätigte sich der extrem hohe Verwandtschaftsgrad, wobei der Majik DS erwartungsgemäß die Nase vorn behielt. Der Abstand ist jedoch homöopathisch und darf definitiv vernachlässigt werden!
Bei der Steuerung ist Hilfe von außen gefordert!

Bei so viel musikalischer Begeisterung – in klanglicher Hinsicht ist Linn einfach unantastbar – wollen wir aber nicht über die kleine DS-Krankheit hinwegsehen: Zum Thema Streamer-Fernsteuerung hüllt sich der schottische Hersteller nach wie vor in Schweigen. Zwar sind mit Kinsky Desktop (siehe Kasten) und ähnlichen Anwendungen für PC, Netbooks oder iPhone verschiedene brauchbare Lösungen auf der Linn-Homepage zu finden, doch fehlt ein homogener, maßgeschneiderter Ansatz, wie ihn etwa Meridian (Sooloos), Sonos oder Teac und Logitech für ihre Systeme anbieten. Um’s kurz zu machen: Hier sind zusätzliche, teilweise empfindliche Investitionen für Geräte, Software und gegebenenfalls die Einrichtung durch den Fachmann einzuplanen. Sind das iPhone oder der Touch-PC dann erst einmal konfiguriert, vergisst man dieses kleine Wehwehchen aber ganz schnell wieder.

Streamer und externen Quellen wird über die Vorstufe und anschließend über die beiden internen Endstufen Leben eingehaucht. Diese Kraftwerke stammen übrigens aus Linns Chakra-Serie und liefern mit je 88 Watt (vier Ohm) identische Werte für Dauer- und Impulsleistung. Das hätten wir auch nicht anders vermutet, ist es doch typisch für die von Linn schon lange eingesetzten Schaltnetzteile. An dieser Stelle sollte übrigens noch erwähnt werden, dass der DS-I natürlich vom ersten Modell an mit den brandneuen „Dynamik“-Netzteilen (siehe Kasten) ausgestattet wird, die erst seit August des laufenden Jahres in praktisch allen Linn-Komponenten Verwendung finden.

Zu den Lautsprechern gelangen die Signale über robuste Terminals, die alle Arten von Klemmen und auch Bananen aufnehmen. Keine Selbstverständlichkeit, denn es ist noch gar nicht lange her, dass Linns Verstärkern grundsätzlich ein Bastelsatz für die Hohlbananen-Konfektionierung von Meterware-Strippen beilag. Gut, dass das Vergangenheit ist.

Die Rückansicht der Linn Vollverstärker Majik DS-I und Majik I
Majik-I (u.) und Majik DS-I (o.): Deutlich erkennt man, dass sich die Amps stark ähneln. Allerdings sind die Endstufen des neuen anders angeordnet, und es gibt mehr und auch digitale Anschlüsse

Der Majik DS-I macht Druck

Mit seinem stimmungsvollen und vor allem angenehm kraftvollen Tonfall liefert der Vollverstärker genau die richtige Ergänzung zum farbigen und hervorragend aufgelösten Klang des Streamers. Die Chakra-Endstufen haben genügend Reserven, um die Energie an den Hörplatz zu bringen. Gleichzeitig geht der Amp aber recht feinsinnig mit seiner Leistung um und müht sich fühlbar, stets geschmeidig und sanft zu musizieren. Auch wenn er eine anspringende Dynamik abbildet, gröbere Attacken darstellt und feine Details ans Licht befördert, mag er kein Lieferant für explosive Impulse sein. Showreife Effekte überlässt der Majik DS-I – wie auch schon der Majik-I – getrost anderen.

Sehr gut gefiel uns darüber hinaus die Darbietung des eingebauten MM-Phono-Ent­zerrers, der einen der sechs analogen Eingänge belegt. Auch hier profitiert der Linn von seiner facettenreichen colorierung und der definierten, geschmeidigen Abbildung.

Im Vergleich platzierte sich der Streaming-Vollverstärker knapp hinter dem Majik-I, dessen Klang sich noch etwas besser von den Boxen löst, und um eine Winzigkeit hinter T+As Power Plant. Der musiziert mit seiner Energie bei ähnlicher Farbkraft noch zackiger, strahlt andererseits allerdings nicht die enorme Ruhe und Gelassenheit eines DS-I aus.

Kein Zweifel: Für Musikliebhaber, die mit einem baldigen Einstieg in die neuartige und verheißungsvolle Welt der Netzwerk-Musik liebäugeln, bringt Linn mit dem DS-I die bislang überzeugendste All-In-One-Lösung auf den Markt. Das ist kein Grund für den Sneaky, eingeschnapt zu sein. Immerhin ist er nach wie vor der integrierte König seiner Preisklasse, und zum neuen Geschwisterchen darf er mit Recht stolz aufblicken.

Profil

Linn Majik DS-I

um € 3000
Maße: 39x8x36 cm (BxHxT)
Garantie: 2 Jahre (5 nach Registrierung)
Vertrieb: Linn, Tel.: 040/8906600
www.linn.co.uk

Fazit

Linn vereint im Majik DS-I, was für die Streaming-Generation schon längst zusammengehört: Ein stimmungsvoller Verstärker trifft auf einen herausragend musikalischen Netzwerkspieler. Das Ganze gibt’s zum sensationellen Preis-Leistungs-Verhältnis. Perfekt!

Messergebnisse

Dauerleistung (8/4 Ohm)
47/88 Watt pro Kanal

Impulsleistung (4 Ohm)
88 Watt pro Kanal

Klirrfaktor (50 mW/5 Watt/Pmax –1dB)
0,01/0,01/0,17 %

Intermodulation (50 mW/5 Watt/Pmax –1dB)
0,08/0,11/0,22 %

Rauschabstand CD (50 mW/5 Watt)
67/86 dB

Kanaltrennung (10 kHz)
78 dB

Dämpfungsfaktor (4 Ohm)
56

Obere Grenzfrequenz (–3 dB, 4 Ω)
110 kHz

Anschlusswerte
gut

Gleichlauffehler Lautstärkesteller
0,2 dB

Leistungsaufnahme (Aus/Standby/Leerlauf)
0/24/31 Watt

Laborkommentar

Ordentliche bis sehr gute Messwerte. Die Stereo-Kanaltrennung ist herausragend, aber auch das Übersprechen zwischen den Eingängen (97 dB) und die Übersteuerungsfestigkeit (6,9 Volt) schmeicheln. Dem gegenüber steht ein sündhaft hoher Standby-Verbrauch.

Ausstattung

Vollverstärker mit fünf analogen Inputs (einer davon als Miniklinke), Phono-MM, fünf digitalen Inputs (2 x koax, 3 x optisch), Kopfhörer-Anschluss, fünf Ausgänge, LAN-UPnP-Streamer (gibt FLAC, AAC, MP 3, AIFF, WAV und ALAC wieder), System-Fernbedienung

Das bringt "Dynamik"

Wenn Sie bei irgendeiner Gelegenheit schon mal einen Blick ins Innere einer Linn-Komponente werfen konnten, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass die Geräte des Herstellers weitestgehend modular aufgebaut sind. So ist das Netzteil bei sämtlichen Modellen ein zusammenhängender Block, der relativ einfach gewechselt werden kann. Über diese pfiffige Bauweise werden sich Eigentümer älterer Maschinen freuen, denn die Schotten haben vor kurzem ihre Netzteiltechnologie grundlegend überarbeitet. Die aufgewertete Versorgung lässt sich nachträglich in viele Linn-Komponenten einfach implementieren. Kostenpunkt: 590 Euro.

„Dynamik“ (unten) heißen diese neuen Power-Riegel. Es handele sich dabei um das dickste Klang-Update, das man bis dato in Umlauf gebracht habe, wie der Hersteller begleitend verkündet. Beim DS-I ist die Frage nach dem Klanggewinn recht schwer zu beantworten, da er – wie übrigens alle aktuellen Baureihen – von Anfang an mit Dynamik ausgeliefert wird. Allerdings konnten wir einen A/B-Vergleich mit dem Majik-I anstellen, da wir neben unserem originalen Testmuster auch die aktuelle Dynamik-Variante im Lager hatten.

Und der Klangunterschied ist beeindruckend: Der aufgewertete Majik-I spielt seidiger und geschmeidiger als sein vergleichsweise etwas raubeiniger, für sich betrachtet damals aber auch schon vorzüglicher Vorgänger. Dynamik öffnet außerdem die Bühne, verleiht dem Amp eine plastischere Abbildung sowie mehr Breite und Tiefe. Wir gehen davon aus, dass der Majik DS-I einen guten Teil seiner ungemein samtigen und harmonischen Qualitäten sowie seiner differenzierten Feindynamik aus dem neuen Netzteil bezieht. Nicht auszumalen, was Dynamik beim überirdischen Klimax DS ausrichtet.

Linn Vollverstärker Linn Majik I
Majik I