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31.07.2014

Klassiker: Receiver Tandberg TR 2055

Norwegian Wood

Das norwegische Unternehmen Tandberg war einst eine Bastion der ­gehobenen Unterhaltungselektronik. STEREO hat sich den Receiver TR2055 aus den 70er Jahren – mit stilvollen Holzwangen – angesehen

Klassiker: Receiver Tandberg TR 2055
1976 war der Tandberg TR2055 das mittlere von drei „Steuergeräten“, die eine neue, modernisierte Generation repräsentierten. Die Vorgänger S12, TR 220 und Huldra 10 sowie TR 1040P liefen aus

Tom Frantzen

In den 70er und 80er Jahren, als noch zahlreiche europäische Hersteller in der High Fidelity mit den (guten) Ton vorgaben, gab es in Norwegen die Edelschmiede Tandberg.  Eingeweihte werden noch die Slim Line-Baureihe 3000 – mit erlesenen Tunern und Verstärkern –,  die voluminösen Tapedecks und erst recht die Bandmaschinen des Typs TD20A kennen.

Für Einsteiger waren diese Geräte vor allem zu kostspielig. Aber mit den nicht selten im edlen Holzkleid ausgelieferten Stereo-Receivern bediente Tandberg denn auch die – noch gerade bezahlbare – Kaufklasse. Auf der Wunschliste des Autors standen seinerzeit ebenfalls Tandberg-Receiver, realistischerweise zunächst einmal das um das Jahr 1980 herum kleinste Exemplar namens TR2030, eher im Traumbereich angesiedelt dann die größeren Geräte bis hin zum TR2080.

Klassiker: Receiver Tandberg TR 2055
Die umschaltbare UKW-Entzerrung sorgte für Zukunftssicherheit

Das an europäische Verhältnisse angepasste Tunerteil bildete eine besondere Stärke der Tandbergs. Das hochwertige Frontend war empfindlich und trennscharf, ICs kamen in allen Stufen des ZF-Verstärkers zum Einsatz. Die Leistung lag mit 2x60/85 Watt an 8/4 Ohm auf klassenüblichem Niveau, die Endstufe ist diskret aufgebaut, direktgekoppelt und komplementär sowie mit kanalgetrennter Stromversorgung versehen. Den zeitgleich beginnenden Receiverkrieg samt Leistungswettlauf machten die Norweger indes nicht mit.

Zwei Plattenspieler sowie zwei Bandgeräte, zwei Kopfhörer und zwei Paar Lautsprecher waren anschließbar. Das Komplettpaket jedenfalls stimmte – technisch, optisch und klanglich. Ein mit seinen großen quadratischen Tasten ähnlich zeitlos gestalteter TD 126 von Thorens etwa würde neben einer von Tandbergs hauseigenen Bandmaschinen durchaus zum skandinavisch klaren Design passen.

Schwerer Stand

Dass Tandberg sich bestens auf HiFi verstand, steht außer Frage, was sich auch in zahlreichen Tests bestätigte. Die sich für ein europäisches respektive skandinavisches Unternehmen offenbarenden Probleme des von günstigeren, japanischen „Invasoren“ geprägten Marktes werden allerdings schon an der Preisgestaltung deutlich. 1976 standen der TR2025 mit 1200 und der TR2055 mit 1950 Mark, 1978 dagegen nur noch mit 995 und 1695 Mark im entsprechenden HiFi-Jahrbuch aus dem Braun-Verlag, wobei Tandberg noch drei kleinere Modelle (TR2030, 1095 DM; TR2040, 1395 DM und TR2045, 1395 DM) zwischen- beziehungsweise nachschob. 1980 war das Spitzenmodell TR 2080 von 2295 auf 1795 DM gefallen, sein Vorgänger TR 2075 hatte 1976 gar noch satte 2700 DM gekostet. Und auch die anderen Modelle verloren 200-300 DM an Verkaufspreis. Eine Entwicklung, die nicht gut gehen konnte und Tandberg geradezu in den preisstabileren High End-Bereich zwingen sollte. Das HiFi-Intermezzo Tandbergs endete aber noch in den 80ern, es schlossen sich Karrieren in der Datensicherung – das Magnetband lag nahe – und aktuell im Bereich Videokonferenzsysteme an. Der Reparaturservice (siehe Links) aber scheint langfristig und kompetent abgesichert.

Stichwort

Frontend
Empfangsteil eines Rundfunkempfängers, das Empfindlichkeit sowie Trennschärfe und damit die Empfangsqualität bestimmt.

Tandberg heute

Mit High Fidelity hat das 1933 in Oslo gegründete Unternehmen Tandberg heute praktisch nichts mehr zu tun. Es ist seit 1989 ein Spezialist für Videokonferenzsysteme, wobei aber zweifellos dankbar auf die erworbene Audiokompetenz – das erste Tonbandgerät wurde 1952 lanciert – zurückgegriffen wird.

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