Sie sind hier: HiFi-Test / Lautsprecher / Standboxen / Tannoy DC 10 T
01.10.2014

Test: Standlautsprecher Tannoy DC 10 T

Tiefgründiges Erlebnis

Tannoys neue DC 10 T vereint ihre Klangwucht mit Transparenz und exzellentem Timing. Eine perfekte Vereinigung von Emotion und Anspruch

Von Carsten Barnbeck

So ungern wir es eingestehen, aber auch wir erliegen regelmäßig den Reizen eines effekthascherisch abgestimmten Lautsprechers. Klar, es macht bei hohen Pegeln ja auch viel mehr Spaß, wenn’s untenrum ordentlich grummelt, während ein Hobel jede Unebenheit aus den Höhen schleift. Aber wehe, der Tonträger wurde ordentlich produziert. Dann verschleiert dieselbe Box plötzlich Feinheiten und lässt den Bass pappig wirken. Spätestens das öffnet uns dann wieder Aug’ und Ohr.

Wie schön, dass es Hersteller gibt, die wissen, wie man Spaß und Anspruch homogen miteinander vereint. Tannoy gehört dazu. Die neue DC 10 T ist mit ihrer Höhe von 113 Zentimetern und bei 34 Zentimetern Breite nicht nur optisch „stämmig“, sie produziert auch einen Bass, der ihrem Aussehen in jeder Weise gerecht wird. Wir legten unter anderem Yellos brandneue „Touch“ ein und starteten „Takla Makan“. Der Song wird von sphärischem Synthie-Gewaber eröffnet, unter das sich nach einiger Zeit ein fetter 20-Hertz-Ton schiebt, der – mal lauter, mal leiser – über das gesamte Stück erhalten bleibt.
Man kann solche Subbässe natürlich kaum hören, über den 25-Zentimeter-Treiber der Tannoy kann man ihn aber sehr wohl fühlen. Selbstredend handelt es sich dabei um einen blanken Effekt. Allerdings um einen, den der Künstler haben wollte und der uns immer wieder ein verzückt-verblüfftes Grinsen ins Gesicht zauberte.

In allen Tonlagen kontrolliert

An beiden Treibern kommen Sicken mit „W“-Profil zum Einsatz. Der Tweeter sitzt in einem Trichter

Aber die DC 10 T lässt bei solchen Ereignissen nicht nur den Boden beben, sondern bleibt gleichzeitig klar, sauber und akzentuiert. Mit dem 20-Hertz-Brummen setzt eine resonante Blockflöte ein, die sich greifbar und plastisch vor dem komplexen, von Hallfahnen verschleierten Akustik-Teppich platziert. Die Tannoy zeigt selbst in solchen Extremfällen keinen Anflug von Stress, sondern bewahrt ihren klaren Blick auf die Musik und zeichnet obendrein eine aberwitzig große Abbildung in den Hörraum. Fähigkeiten, für die zwei Voraussetzungen nötig sind: Verstärkerleistung und Membranfläche.

Und von Letzterer hat die Britin reichlich. Neben erwähntem Bass kommt ein ebenfalls 25 Zentimeter durchmessender Koax-Treiber zum Einsatz, der – praktisch ein Markenzeichen des Herstellers – die Mitten über einen parabolisch gewölbten Treiber reproduziert. Diese Form verringert Resonanzen und zerstreut die Reflexionen auf der Membranoberfläche. Die Höhen werden über einen im Zentrum sitzenden Titan-Tweeter erzeugt, der bis 34 Kilohertz hinaufreichen soll. Dieses Duett konnte uns bereits bei verschiedenen Gelegenheiten von seiner Leistungsfähigkeit und seiner überaus präzisen Abbildung überzeugen.

Tannoy tut einiges für eine kontrollierte Basswucht: Die großen Membranen werden durch zwei Reflexöffnungen (o.) unterstützt. Unten das außerordentlich robuste Terminal mit dem fünften Erdungs-Anschluss (grün)

Vermutlich, um den Wandler noch etwas beeindruckender aussehen zu lassen, veredelt Tannoy seine Box mit hochglanzpolierten Zierringen, die beide Chassis umrahmen. Dieser Kniff taucht auch am Fuß des Lautsprechers auf und ist ebenfalls am Rücken zu finden, wo er die beiden Bassreflexöffnungen sowie das mit hochwertigen Schraubklemmen versehene Terminal umgibt.

Hier finden wir übrigens eine weitere Besonderheit, die alle größeren Modelle des Herstellers auszeichnet: Ein fünfter Terminal-Abgriff ermöglicht es, die DC 10 T zu erden. Das entfernt Einstreuungen aus dem Signalweg, stabilisiert die Abbildung und bringt Ruhe in den Klang. Für beste Resultate benötigt man ein spezielles Kabel.

Umwerfende Raumabbildung

Obwohl die Tannoy erstaunliche Bässe in den Hörraum zeichnen kann, musiziert sie insgesamt doch verblüffend linear und stimmig, präzise und schnell. Legt man eine Aufnahme in den Player, die ausschließlich aus Naturinstrumenten besteht, besticht die Box plötzlich nicht mehr mit Urgewalten, sondern durch ihre enorme Feinzeichnung sowie eine facettenreiche Reproduktion. Intrumente wirken durch ihren detailreichen Oberton und die samtigen Mitten sehr natürlich und echt. Stimmen werden mit Präsenz und realistischen Größenbezügen dargestellt.

Obwohl: Die Größenbezüge stimmen zumindest innerhalb einer Aufnahme. Die DC 10 müht sich allerdings redlich, die Musik etwas „bigger than life“ ertönen zu lassen. Ihre ungemein tiefe und riesige Raumdarstellung verleihen dem Klangbild etwas Spektakuläres und Hineinziehendes. Damit wären wir also wieder beim gepflegten Effekt angekommen. Aber auch diesmal lässt die emotionale Darbietung keinen Platz für Kritik, denn die pompöse Abbildung geht einher mit hervorragender Attacke und einem dynamischen, „punchigen“ Tonfall.

Tannoys DC 10 T ist sicher keine Box für Leisetreter. Sie spricht Hörer an, die eine opulente Reproduktion suchen, aber nicht auf Präzision verzichten möchten. Eine perfekte Symbiose aus Gefühl und audiophiler Sauberkeit.

Profil

Tannoy DC 10 T
Paar um € 5500
Maße: 34x113x32 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Tannoy
Tel.: 02247/9159068
www.tannoy.co.uk

Wuchtiger, tadellos verarbeiteter Standlautsprecher mit abgrundtiefem Fundament, natürlicher Mittendarstellung und samtig feiner, gut aufgelöster Höhenwiedergabe. Die Tannoy erzielt mit ihrem stämmigen, aber stets übersichtlichen Klang eine perfekte Balance aus Emotion und Anspruch.

Messergebnisse

Nennimpedanz
4 Ohm

minimale Impedanz
2,6 O bei 32 Hertz

maximale Impedanz
62,4 O bei 2281 Hertz

mittlere Empfindlichkeit (2,83 V/m)
90,4 dB SPL

untere Grenzfrequenz (-3 dB)
35 Hertz

Labor-kommentar

Einigermaßen glatter Frequenzgang mit Höhenanstieg auf Achse. Bei 30 Grad Abweichung fällt der Hochton ab etwa acht Kilohertz sanft ab, was den milden, runden Klang bei gerader Ausrichtung erklärt. Zwischen ein und zwei kHz fällt eine tiefe Frequenzsenke auf. Vermutlich liegt hier der Grund, warum die DC?10?T trotz spektakulärem Charakter in den Mitten minimal zurückhaltend aufspielt. Hoher Wirkungsgrad. Die Sprungantwort ist exzellent. Alle drei Wege spielen auf dem Punkt. Das unregelmäßige Ausschwingen lässt Gehäuseresonanzen vermuten.