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30.08.2014

Test: Standlautsprecher Fischer & Fischer SN 270

In Stein gemeißelt

Sauerländer Schiefer prägt seit vielen Jahren erfolgreich das Klangerlebnis der Fischer & Fischer-Lautsprecher. STEREO hat sich die SN 270 gesichert

Von Tom Frantzen

Auch wenn man drei Lautsprecherchassis sieht, handelt es sich bei der Fischer & Fischer SN 270 um eine waschechte Zwei-Wege-Konstruktion in Quasi-d’Appolito-Anordnung. Das bedeutet, dass beide Tiefmitteltöner im selben Frequenzband unterwegs sind und sich ihre Arbeit vollständig teilen.

Bei unserem Aufmacherbild haben wir indes ein wenig geschummelt. Die Membranen der verwendeten 16er Seas-Langhub-Chassis gibt es nämlich wahlweise und ohne Aufpreis entweder in Alu-natur oder schwarz, in beiden Fällen aber sind sie speziell beschichtet, was ihr Resonanzverhalten dramatisch verbessert, sprich domestiziert. Sie sollen volle zwei Zentimeter lineare Auslenkung schaffen und der SN 270 zu einem Maximalpegel von gut 108 Dezibel verhelfen, was wir zugegebenermaßen nicht ganz, aber beinahe ausgelotet haben.

Solider Stein statt Holz

Den immensen Aufwand des Schiefergehäuses scheuen die meisten Mitbewerber, auch wegen der 44 Kilogramm Lebendgewicht, obwohl die Vorteile weder zu überhören noch wegzudiskutieren sind (siehe Kasten). Das identische Gehäuse teilt sich die 270 übrigens mit dem hierarchisch untergeordneten Modell SN 160, wenngleich dieses über nicht ganz so ausgefeilte Chassistechnologie verfügt. Die Liebe zum Detail wird bei der Fischer & Fischer aber auch an vielen anderen Stellen erkennbar, so etwa am Bassreflexrohr, dessen Materialstärke doch im Vergleich etwas überrascht, am integrierten „Reduzierring“ aus Schaumstoff, auf den wir noch zu sprechen kommen werden, und am 40 Millimeter hohen Sockel mit – per Inbusschlüsseln – höhenverstellbaren Spikes. Vor allem aber am Anschlussterminal, das mit griffigen, banana- wie gabeltauglichen Schraubklemmen und Reinsilber-Kabelbrücken von Mudra Akustik ausgestattet ist. Chapeau, Leute, das hebt sich mal wirklich wohltuend von den Billigstmessingblechen ab – und es klingt auch besser! Unmittelbar an diesen Klemmen sitzt die zweiteilige , impedanzlinearisierte Weiche zweiter Ordnung. Auch innen setzt Thomas Fischer ein hochwertiges, versilbertes – und geschirmtes – Kupferkabel ein.

Durchdachtes Konzept

Ein wahr gewordener Redakteurs­traum von einem Lautsprecherterminal ziert den Rücken der Fischer & Fischer. Andere verschenken genau an dieser Stelle ohne jede Not eine ganze Menge Klangpotenzial

Weiter oben erwähnter Stopfen aus Schaumstoff in der Bassreflexröhre sorgt für ein wenig weniger Energie im Bereich um 60-80 Hertz, ohne gleich – wie ein Pfropfen – die Bassreflexabstimmung ad absurdum zu führen. In vielen kleineren bis mittleren Hörräumen mag das durchaus angesagt sein, ja gar den Betrieb ermöglichen, aber im großen STEREO-Raum kam die Fischer & Fischer doch „ohne“ noch etwas besser zurecht, lieferte somit noch das entscheidende Quäntchen mehr Bassdruck und Tiefgang.

Ganz erstaunlich, bis zu welchen beinahe abartigen Pegeln die von den Abmessungen doch vergleichsweise moderate Standbox aufgrund der Langhub-Technologie noch problemlos mithalten konnte.

Im Shootout fiel sie durch ihre gegenüber den größeren Konkurrentinnen etwas kompaktere, aber durchweg plastische Abbildung auf, die zudem tonal stimmig und stets ausgesprochen straff, sauber durchgezeichnet und kontrolliert war.

Keine Gehäuse­resonanzen

Von allen Boxen des Feldes zeigte die Sauerländerin wohl den geringsten Gehäuse- oder, böser gesagt, „Kistenklang“ und schon gar keine Dröhneffekte, auch messtechnisch betrachtet. Vor allem, aber nicht nur im Bassbereich macht sich das rigide Gehäuse positiv bemerkbar. Wenn man so will, trägt das Gestein zum Wirkungsgrad der Boxen bei, da weniger Verlustleistung an mitschwingenden Wänden verbraten wird – top!
Auffallend seidig kam der obere Mittel- und Hochtonbereich, der arbeitsteilig von einer sehr hochkarätigen Scanspeak-Kalotte D2905 verantwortet wird, wodurch wir ihr darüber hinaus eine besondere Langzeit- und Alltagstauglichkeit attestieren können. Sie wirkt agil, flott und stimmig, das Klangbild kommt wie aus einem Guss. Sogar leicht überbrillante Aufnahmen bleiben aufgrund dieser eher musikalisch als technisch orientierten Abstimmung durchweg anhörbar.

Die Verklebung der Gehäusewände aus einzelnen Steinplatten ist extrem passgenau und somit praktisch nahtlos gelungen

Nur Kim Wilde hat gegenüber den 80ern an Wirkung auf den Autor erheblich eingebüßt, klingt – praktisch auf allen guten Boxen – dünn und nervig, während von AC/DC bis Zubin Mehta hier ansonsten alles willkommen geheißen und angenehm in den Hörraum projiziert wurde. Die Wilde kann man der SN 270 nicht anlasten, die sah immer besser aus als ihre CDs klangen.

Lackversion lieferbar

In lackierter, plangeschliffener Ausführung kostet die dann „SL 270“ genannte Fischer & Fischer allerdings etwas mehr, nämlich rund 6000 Euro. Aber Hand aufs Herz, ich würde die einzigartige Schieferstruktur als stolzer Besitzer dieser Boxen sehr gerne auch sehen wollen.

Die vielseitige Sauerländerin eignet sich für alle Stilrichtungen und als ausgewogene, angenehm musikalische Instanz sowie unkompliziert-unprätentiöse Standbox für alle mittleren Raumgrößen. Wir haben sie im  rund 42 Quadratmeter messenden STEREO-Hörraum leicht eingewinkelt und – wie erwähnt – ohne Reflexrohr-„Donut“ betrieben. Als veritabler Allrounder mit dem gewissen 500 Millionen Jahre alten Etwas verdient diese Standbox unsere dicke Empfehlung!

Profil

Fischer & Fischer SN 270
Paar ab € 4900
Maße: 18,5x101x25 cm (BxHxT)
Garantie: lebenslang (für Erstbesitzer)
Vertrieb: Fischer & Fischer
Tel.: 02974/83484
www.fischer-fischer.de

Fazit

Das Gehäuse mag Abermillionen von Jahren alt sein, aber dieser Lautsprecher ist up-to-date. Angenehm musikalisch und für ausgedehnte Hörsitzungen abgestimmt sowie zugleich partytauglich pegelfest ist diese Fischer & Fischer ein toller Lautsprecher, der praktisch alles richtig gut kann.

Messergebnisse

Nennimpedanz
4 Ohm

minimale Impedanz
3 Ohm bei 19,7 kHz

maximale Impedanz
13,6 Ohm bei 61 Hertz

mittlere Empfindlichkeit (2,83 V/m)
86,6 dB SPL

untere Grenzfrequenz (-3 dB)
33 Hertz

Labor-Kommentar

Der Frequenzgang reicht bis knapp 30 Hertz hinunter und verläuft relativ ausgewogen, lediglich der Übergang zum Hochtöner ist recht deutlich erkennbar, da die Box ab etwa zwei Kilohertz um knapp zwei Dezibel zurückgenommen wird. Dafür spricht auch das hoch liegende Impedanzminimum. Der Wirkungsgrad ist ordentlich, das Timing (siehe Sprungantwort) ebenfalls. Die Freiheit von Gehäuseresonanzen zeigt sich auch messtechnisch. Das Impedanzminimum liegt leicht außerhalb der Norm, ist aber unkritisch und wirft keine Probleme auf, zumal es nicht im Bassbereich liegt.

Hintergrund: Schiefer

Mutter Natur benötigte eine halbe Milliarde Jahre, um aus dem Schlamm grauer Vorzeit – Dinosaurier gab es noch lange nicht – massives Sauerländer Schiefergestein zu pressen. Sinngemäß heißt es so auf der Homepage der Schieferboxenschmiede. Dieses Gestein hat eine ganze Reihe von Vorteilen, denn es ist zwar extrem fest und dicht, aber durch seinen Schichtenaufbau resonanzarm und zudem nicht so hart wie etwa Granit oder Marmor.
Baut man das gleiche Gehäuse aus Granit, Marmor und Schiefer, so bedarf nur Letzteres keiner weiteren speziellen und „stimmenden“ Auskleidung im Inneren. Wenn man eine 14er oder 20er Schieferplatte, wie sie in der 270er verbaut sind, anhebt und anschlägt, gibt es keinen Nachhall wie von einer Glocke, sondern es macht schlicht und trocken „Pock“. Diese Eigenschaft führt dazu, dass das Gehäuse aus Schiefer ohne eigenen Sound die Chassis regelrecht einspannt und zudem nicht, wie etwa ein vergleichbares Holzgehäuse, Energie aufnimmt oder gar verlustbehaftet durchlässt. Doch Vorsicht, Schiefer ist nicht überall gleich, der Eifel-Schiefer etwa ist viel brüchiger, gut für kleinere Kacheln am Hausdach, aber für Boxen unbrauchbar. Zur Pflege der hartwachsversiegelten Schiefergehäuse: Einfach nebelfeucht abwischen und gegebenenfalls neu wachsen, fertig. Selbst Kratzer verschwinden so.