Test: Standlautsprecher Chario Ursa Major
Bärenkräfte aus Italien
Chario-Lautsprecher aus Merate in Italien stehen seit jeher für Tischlerkunst und musikalische Emotion. STEREO ließ sich von der „Ursa Major“ bezaubern
Von Tom Frantzen
Der Name dieses Lautsprechers bedeutet nichts anderes als „Der Große Bär“ und meint selbstverständlich das bekannte Sternbild. Und damit sind wir auch bereits auf Linie der Entwickler, die diese Serie – frei nach „StarTrek“ – kurzerhand „Constellation“ nannten. Selbst der Schriftzug enttarnt die Vorliebe zum Weltall und den Sternenhelden.
Die Ursa Major ist dessen ungeachtet zunächst einmal – auch für den Preis – ein ausgesprochen großer Standlautsprecher, der einen gewissen Platz beansprucht und per se für kleine Räume und Hörabstände unter etwa drei Metern ungeeignet erscheint.
Chario empfiehlt tatsächlich einen optimalen Hörabstand von 3,5 bis vier Metern bei Einhaltung eines hinteren und seitlichen Wandabstandes von mindestens einem Meter. Sie sollte zudem ganz leicht Richtung Hörplatz eingewinkelt betrieben werden. Ein Teppich wird empfohlen. Das deckt sich mit unseren Erkenntnissen.
Echte Vier-Wege-Technik
Sie ist schlank und mit 140 Zentimetern hochgewachsen, mit bis zu 61 Zentimetern aber auch sehr tief. Der Hochtöner, die mit 38 Millimetern gemäß Chario derzeit größte und damit auch zu erhöhter Dynamik befähigte Gewebekalotte namens „T38 Wave Guide“, ist unorthodox unter den 17er und 13er Konuschassis angeordnet. Die Schallwand steht also Kopf. Der ungewöhnliche Hochtöner ist laut Chario problemlos in der Lage, Ankopplungen unter 1000 Hertz zu verkraften. Die überlagernden Frequenzbereiche und ihre bestmögliche Verarbeitung durch geeignete, breitbandige Chassis stehen bei Chario seit mehr als 20 Jahren im Fokus des Interesses und gelten als wichtiger als die reinen Übergangsfrequenzen. Hier setzt auch die in der Ursa Major praktizierte, so genannte „WMT“-Ausrichtung an.
Das zweiteilige Gehäuse kommt dem im Testalltag oft schwere Kaliber aufbauenden Redakteur erfreulich entgegen. Und ist ohnehin eine ausgezeichnete Idee, denn so lassen sich die erdbebengenerierende Tieftonabteilung (mit zwei zusätzlichen 17er Treibern in Downfire-Anordnung) und das kleinere Oberteil mit drei Chassis voneinander und zudem besser vom Boden entkoppeln. Die absorbierenden Verbindungselemente aus Gummi sorgen ebenso dafür wie der aufwändig gestaltete Fuß. Die elektrische Verbindung schaffen lobenswerterweise recht hochwertige Supra-Kabelbrücken. Obacht walten lassen muss man aber unbedingt beim Transport der montierten Lautsprecher!
Mit dem massiven amerikanischen Walnuss-Finish und der Zweiteiligkeit einher geht indes ein kleiner Schönheitsfehler, der manchen vielleicht stören mag: Die Holzstruktur zwischen Ober- und Unterdeck geht nicht nahtlos ineinander über, sie ist – zumindest bei unseren Testmustern – nur annähernd „gematcht“.
Überaus angenehme Vorstellung
Weiche, Treiberanordnung und die ausgefuchste Gehäusearchitektur mit schmaler HDF-Schallwand und den extrem stabilen Massivholzwangen sorgen gemäß Chario einvernehmlich für eine besonders kontrollierte und Raumeinflüsse minimierende Abstrahlcharakteristik. Die Ursa Major soll Dynamik und Natürlichkeit der Musik als Erlebnis vermitteln können.
Und in der Tat vermögen die Charios ohne Wenn und Aber zu begeistern. Die arbeitsteiligen Basschassis summieren sich energetisch zu einer durchsetzungsfähigen Gewalt. Und sogleich zeigt die Ursa Major auch wieder ihre Größe, die sie problemlos auch abbildungstechnisch einzusetzen versteht: Hinsichtlich der Bühnenbreite und -tiefe, vor allem aber der Abbildungshöhe setzt sie sich vom Rest des Feldes klar ab. Ob die kleine Madonna Ciccione oder gar eine majestätische Kirchenorgel, die Chario setzt alles entsprechend naturgetreu und in Originalgröße ins Bild.
Ihr Timing ist außerordentlich gelungen, ebenso die packende Explosivität, wenn es musikalisch zur Sache geht. Die Kraftentfaltung ist insgesamt eher sanft, aber nie gemächlich, mit sehr gelungenen Übergängen zwischen den Treibern. Das Ganze, ohne den Überblick zu verlieren, mit einem Hauch von Charme und vorsätzlicher Geschmeidigkeit, der oftmals willkommener sein dürfte als die brutale Ehrlichkeit eines Studiomonitors. Insbesondere Stimmen und Streicher, etwa in Vivaldis „Four Seasons“ (Tacet SACD S163), profitieren vom leicht warmen Timbre, den kraftvoll-satten Klangfarben und substanziellem Schub „auf allen Etagen“.
Dennoch liefert die Italienerin feine Details en masse, nur eben ohne schnell lästig werdende Übertreibung und Analytik. Sie erwies sich also nicht als Diva, sondern klingt, da wirkungsgradstark, schon mit kleinen Antriebsleistungen sehr ansprechend.
Universaltalent mit Feuer
Über alle Musikrichtungen hinweg klar und sauber bis hin zu enormen Pegeln ist das hier womöglich der von vielen gesuchte Lautsprecher fürs Leben. Eine feurige Italienerin, die unwiderstehlich mitreißt. Wenn Sie also eine farbstarke, emotionale Wiedergabe schätzen und Ihr Raum nicht zu klein ist: Unbedingt anhören, bevor sie diese akustisch wie optisch ungemein attraktive Chario womöglich für irgendeine andere stehen lassen!
Profil
Chario Ursa Major
Paar um € 6290
Maße: 25x140x61 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Chario
Tel.: 02251/970043
www.chario.it
Fazit
Optisch wie akustisch ein Traumlautsprecher in dieser Klasse, extrem gut durchdacht und mit ausgeprägten dynamischen und musikalischen Fähigkeiten. Aber definitiv nichts für kleine Räume. 3,5 Meter Abstand zum Hörplatz und ein Meter um die Box herum sollten es schon sein.
Messergebnisse
Nennimpedanz
4 Ohm
minimale Impedanz
2,9 Ohm bei 403 Hertz
maximale Impedanz
26,3 Ohm bei 20 Hertz
mittlere Empfindlichkeit (2,83 V/m)
85,7 dB SPL
untere Grenzfrequenz (-3 dB)
29 Hertz
Labor-Kommentar
Der Amplizudenfrequenzgang der Chario verläuft zwischen 40 Hertz und zwei Kilohertz recht linear. Auffallend sind eine Senke bei 3,5 kHz sowie der axial gemessene Anstieg ab sieben Kilohertz. Die Box sollte nur leicht eingewinkelt werden. Das Ausschwingverhalten in Bass/ Hochton ist schnell, nur in den Mitten leicht unruhig, das Timing insgesamt durchschnittlich, für eine Vier-Wege-Box gut. Der Impedanzverlauf ist mit minimal 2,9 Ohm nicht ganz normgerecht, dürfte aber in der Praxis unproblematisch sein, da eine solche Box mit potenten Verstärkern betrieben wird.






