Sie sind hier: HiFi-Test / Analog / Plattenspieler Pro-Ject PerspeX
02.09.2014

Test: Plattenspieler Pro-Ject PerspeX

Unheimlich anziehend

Dabei beruht das Geheimnis des Pro-Ject Perspex auf Abstoßung. Sein Teller und Tonarm sind auf ein von Magnetkraft getragenes Subchassis montiert. Nicht die einzige clevere Lösung, die das von uns ­getestete „Anniversary“-Modell echt anziehend macht

von Matthias Böde

Der Perspex nimmt eine Sonderstellung beim eigentlich aufs Masseprinzip spezialisierten Hersteller Pro-Ject ein. Er ist die einzige Subchassis-Konstruktion in dessen Programm. Bei ihm sind der Teller und der Tonarm somit nicht fest mit der Bodenplatte aus Acryl verbunden, sondern vielmehr auf eine Kunststeinbasis aus resonanz­unanfälligem Corian montiert, die hier berührungslos auf einem von sechs kräftigen Magneten gebildeten Polster schwebt.

Erschütterungen aus der Stellfläche des Plattenspielers und dem abseits des Schwingchassis platzierten Motor werden so effektiv vom Abtastprozess ferngehalten, wobei die zwei kleinen Metallstäbe, die das seitliche Wegrutschen der Teller/Arm-Einheit verhindern, aufgrund ihrer extrem niedrigen Resonanzfrequenz laut Hersteller kein Problem darstellen sollen.

Der Aufbau verlangt Kompetenz

Die Magnete (u.l.) sind höhenverstellbar und tragen berührungslos

Im Gegensatz zu üblichen Pro-Jects, die eher dem Plug’n’Play-Gedanken folgen, also kurz nach dem Auspacken spielfertig sind, erfordert die Aufstellung des Perspex Sachkenntnis, Zeit und Mühe. Eigentlich ist’s gar nicht so schwer. Nachdem man den leichten MDF-Teller mit Vinyl-Auflage auf das mit einer Keramikkugel versehene Inverslager gesteckt und auch den Riemen zum aus einem externen Netzteil gespeisten sowie auf einem hochdämpfenden Sorbothan-Ring gelagerten Motorblock aufgelegt hat, wird die von drei griffigen, höhenverstellbaren Spike-Füßen getragene Acrylplatte mit Hilfe der beigepackten Wasserwaage ins Lot gebracht. Dasselbe erfolgt danach mit dem Subchassis, denn die Magnete lassen sich ebenfalls in der Höhe verstellen. Um das Subchassis nicht unnötig hoch zu lagern und Taumeleffekte gering zu halten, sollte man darauf achten, dass der tiefste Magnet auch an seinem unteren Einstellende steht.

Klar kann man am Perspex mehr falsch machen als bei einem Plattenspieler, bei dem sämtliche Teile starr miteinander verbunden sind. Ein versierter Händler oder Laie hat die Sache aber im Griff, weshalb Peter Mühlmeyer auch mit einem Augenzwinkern anmerkt, der Perspex sei ein Gerät „mit Risiken und Nebenwirkungen, aber zugleich hohem klanglichen Potenzial“.

Pro-Jects großer, präziser „Evolution“-Arm mit Carbonrohr gibt dem Perspex klangliche Autorität

„Anniversary“-Set mit Top-MC

Für Letzteres sorgt der Chef des hiesigen Pro-Ject-Vertriebs ATR mit der „Anniversary“-Edition „90 Jahre Ortofon“ des rund 1400 Euro teuren Drehers. Die hat zum Set-Preis von etwa 1950 Euro ein MC-System des Typs Ortofon Valencia an der Spitze des harten, steifen Carbontonarms, das solo bereits mit rund 850 Euro zu Buche schlägt. ­Eine hervorragende Wahl, die zudem dem momentan leider verbreiteten Irrsinn entgegensteht, erstklassigen Plattenspielern Standardabtaster aufzustecken. Warum das geschieht? Um vermeintlich wichtige Preisgrenzen einzuhalten.

Vor solcher „Kastration“ bewahrt, konnte der Perspex tatsächlich sein ganzes Können zeigen, das beschworene Potenzial ausspielen. Und dieses ist beträchtlich. Erstaunlich, wie anspringend, leichtfüßig und behände der Pro-Ject durch vertrackte rhythmische Strukturen turnt, wie flüssig und grazil, aber zugleich geordnet ihm die Musik von der Nadel geht. In diesen Parametern ist der transparente Dreher wirklich Subchassisspieler durch und durch.

Wer's nicht glaubt, braucht nur den ersten Titel von Diana Kralls Super-Album „Live In Paris“ (ORG) aufzulegen. Da sprühen die Funken, ist beinahe jede Bremse aus dem Spielfluss genommen. Sagt man Subchassiskonstruktionen oft einen etwas aufgedickten, trägen Bassbereich nach, so mag der Perspex als bestes Gegenbeispiel dienen. Ungemein trocken und griffig bildete er die unteren Lagen von besagtem „I Love Being Here With You“ ab. Die dezidierten Bassläufe kamen transparent und rubbelig – große Klasse! Mitten und Höhen waren hervorragend aufgelöst, durchsichtig und ohne artifiziellen Beiklang. Hier macht sich gewiss der Verzicht auf Metall bei Teller und Armrohr bezahlt. Music Halls dreilagiger, auf andere Weise raffiniert entkoppelter mmf 9.1, zum Paketpreis von 2000 Euro mit Goldring-MC Eroica LX (solo um 360 Euro) ebenfalls hochwertig bestückt, tönte runder und kompakter. Im ersten Moment wirkt das fast sympathischer, doch an die radikale Offenheit und den Drive des Pro-Ject, an dessen Gelöstheit und Tiefenstaffelung, reicht er nicht heran.

Besonders interessant war der Vergleich mit dem deutlich teureren Subchassis-Kollegen Thorens TD 350 (mit Rega-Arm 250, ohne System um 2850 Euro), der allerdings mit Blattfedern arbeitet. Dieser wirkte wenn auch nicht dynamischer, so doch fulminanter. Der Thorens brachte mit dem Valencia mehr Energie in die Klangfarben, wirkte so körperhafter als der besonders entschlackt und transparent spielende Perspex. Dessen Stärke war indes einmal mehr seine harmonische innere Balance und das Fingerspitzengefühl, mit dem er die Töne ordnete. Die leichte Blässe gegenüber dem TD 350 hatte fraglos einen noblen Touch, und auch wenn er im Bass eine Prise weniger Substanz als der Thorens bot, so reichte er doch tiefer hinab.

Man hat in der Tat den Eindruck, der Perspex bewege das Klangbild mit schnellen, spitzen Fingern. Und während andere Plattenspieler stets brav ihrer Linie folgen, entpuppte sich der Pro-Ject als überaus feinsinniges Hörgerät, bei dem alles wichtig ist. Den großen „Evolution“-Arm, den es für 125 Euro Aufpreis auch mit Silberverkabelung gibt, einen Millimeter tiefer gestellt – und schon bekommen die Mitten mehr Grundton. Die originalen Unterlegscheiben für die Spikes, die sonst sofort die Unterlage zerkratzen, gegen andere getauscht – und schon ist die tonale Balance irgendwie gestört.

Bis zum Kabel an alles gedacht

Ortofons MC Valencia passt hervorragend zum Arm und Niveau des Perspex. Man erhält es zum Sonderpreis

Man kann hier so viel tun und über die Zeit hinweg feinjustieren wie optimieren, dass das Interesse am Plattenspieler wie Plattenhören kaum je erlahmen dürfte. Dafür liegen auch die vier Sorbothan-bedämpften Gegengewichte im Karton, um bei unterschiedlichen Tonabnehmern immer klanggünstig dicht an den Tonarmsockel zu kommen. Probieren Sie ruhig ein bisschen herum: Der Perspex ist dafür in jeder Hinsicht ein perfektes „Spielzeug“.

Zum Hörglück gehört natürlich auch das richtige Kabel. Im „Anniversary“-Paket findet sich deshalb Pro-Jects Connect it C in 1,2 Metern Länge. Das übliche Standardkabel fällt gegen dieses stark ab. Mit ihm tönt es regelrecht verfärbt, und die Raumabbildung ist im Eimer, weil die Musik an den Boxen klebt. Die Leistungen und Vorzüge des analogen Ausnahmetalents macht es weitgehend zunichte. Es taugt nur zur Funktionsprüfung.
Bis zum Kabel hat Pro-Ject alles getan, um seinem Perspex zum bestmöglichen Klang zu verhelfen. Jetzt sind Sie an der Reihe, alles aus ihm herauszukitzeln. Für den geforderten Preis, der 18 Prozent gegenüber Einzelanschaffung spart, ist die „Anniversary“-Version ein Hammer und nicht zu schlagen. Da macht einen der Perspex glatt perplex!

 

Dieser Artikel wurde in STEREO 09/2009 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.

Profil

Pro-Ject Perspex „Anniversary“

um € 1950 (Version „90 Jahre Ortofon“)
Maße: 46x42x47cm (BxHxT, Haube offen)
Garantie: 2 Jahre (3 J. bei Registrierung)
Vertrieb: ATR-Audio Trade
Tel.: 0208/882660
www.audiotra.de

Fazit

Das nennen wir ein stimmiges Paket. Gibt es den Perspex „nackt“ für 1400 Euro, so bilden das Ortofon-MC Valencia sowie das hochwertige Kabel ideale Ergänzungen zum absoluten Preis-Leistungs-Knüller. Das engagierte, fein austarierte Konzept des Pro-Ject kommt so voll zur Geltung. Fünf Sterne!

Ausstattung

Pro-Jects Perspex ist ein manueller Plattenspieler. Man muss den Arm selbst aufsetzen und zurückführen. Für 33 oder 45 Umdrehungen wird der Riemen per Hand auf die entsprechende Motorscheibe gelegt. Eine Anschlussbox mit zwei Cinch-Buchsen und einer Masseklemme ist vorhanden. Kabel und Tonabnehmer sowie eine Wasserwaage gehören beim Anniversary zum Lieferumfang.

Das Inverslager sorgt für einen ­tiefen Schwerpunkt des Tellers
Eine Wasserwaage und verschieden schwere Gegengewichte für die optimale Justage
Eine Schutzhaube aus Kunststoff liegt im ­Karton. Puristen verzichten allerdings auf den „Schallfänger“