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29.09.2014

STEREO fühlt dem Dynamikwahn auf den Zahn

Seit Ausgabe 9/2009 messen wir als erstes deutsches HiFi-Magazin die Dynamik ausgewählter Rezensionsmuster. Möglich macht's das TT Dynamic Range Meter, mit dem die Pleasurize Music Foundation die Öffentlichkeit gegen den so genannten "Loudness War" mobilisieren möchte. Hier erfahren Sie mehr über die Hintergründe und den Zusammenhang von Dynamik und Klangqualität

Das Logo der Pleasurize Music Foundation

von Carsten Barnbeck

Momentan spaltet vermutlich kein anderes Phänomen die Musikwelt mehr als der gern mit „Loudness War“ umschriebene Kampf um den lautesten Tonträger. Hinter dieser martialischen Bezeichnung versteckt sich nichts anderes als ein mit immer fortschrittlicheren Methoden durchgeführter Wettbewerb um höhere Durchschnittspegel. Dieser „Kampf“ ist nicht wirklich neu. Vermutlich hätten schon die fünfziger und sechziger Jahre deutlich lautere Alben hervorgebracht, wenn nicht die verzerrungsanfällige Analogtechnik den Riegel ins Schloss geschoben hätte. Die vollständige Digitalisierung der Ton- und Masterstudios hat in der vergangenen Dekade allerdings zur sprunghaften Verringerung der Dynamik geführt.

Laute Abmischungen sind verführerisch

Die Gründe für diesen fragwürdigen Wettbewerb liegen auf der Hand und sind sogar verständlich: Ein lauter Tonträger ist spektakulärer und auffälliger. Und unser Gehör lässt sich nur zu gern betören. Ein extremer Mix wird im ersten Moment selbst von geschulten Ohren als besser oder zumindest als knalliger und peppiger wahrgenommen. Attribute, die im Kampf um Hörergunst und gute Chartplatzierungen reizvoll erscheinen.
Aber noch etwas steigert die Attraktivität lauter Abmischungen: Unter suboptimalen Bedingungen, also über einen schrottigen Ghetto-Blaster, ein Handy oder im Autoradio klingt’s immer noch vertretbar. Und vor allem musizierende Mobiltelefone sind bekanntlich ein Wachstumsmarkt, den sich die Labels sichern wollen.
Daher sind wir längst an einem Punkt angelangt, an dem der Lautheitswahn wie ein Marschbefehl aus den Chefetagen der Plattenkonzerne in die Studios schallt. Und die Ton- bzw. Master-Ingenieure folgen auf der überlebenswichtigen Jagd nach Aufträgen gehorsam.

Dynamik im Wandel

"Bela Lugosi's Dead" von Bauhaus (1979)

Damals ging's im Pop und Rock noch luftig zu: 1979 ließen Bauhaus ihrem "Bela Lugosi's Dead" großzügig Dynamik im Mix. Deutlich erkennt man die ersten Bassnoten (rechts), die das perkussive Intro des 10-Minuten-Titels beenden.

"Music For Men" von Gossip (2009)

So sehen aktuelle Produktionen aus: Dieser Titel von Gossips "Music For Men" (2009) lässt durchaus noch Freiräume erkennen. Die Peaks sind allerdings stark komprimiert und stoßen allesamt an die 0-dB-Grenze. Verzerrungen können die Folge sein.

"Spitfire" von The Prodigy (2004)

Und hier ein Extrembeispiel: "Spitfire" heißt der Opener von Prodigys "Always Outnumbered..." (2004). Der Titel ist zwar schon fünf Jahre alt, würde mit seinem Durschnittspegel aber auch die meisten aktuelle Produktionen in den Schatten stellen. Der Songaufbau lässt sich nicht mehr erkennen.

Metallica hält den traurigen Rekord

Den Vogel schießen zurzeit Metallica mit „Death Magnetic“ ab. Kaum vier Dezibel liegen auf dieser Scheibe zwischen dem Durchschnittspegel und jener 0-Dezibel-Aussteuerungsgrenze, ab der digitale Verzerrungen im Ton- und Masterstudio eine natürliche Barriere bilden.
Das schlägt sich massiv auf die Klangqualität nieder, denn das Album ist mit seinem hohen Kompressionsgrad nicht nur frei von Feindynamik, Details und jeglicher Nuanciertheit. Ebenso wenig gibt es Spannungsbögen oder inhaltlich logische Lautstärkeverläufe in den einzelnen Songs. In einem Sample-Editor sehen die Lieder aus wie massive Blöcke. Da beinahe jeder Peak an die Lautstärkegrenze stößt, kommt es außerdem zu unüberhörbaren Verzerrungen und Clippings, die hier nicht etwa – wie der Klirr eines guten Röhrenverstärkers – für reichhaltigere Höhen sorgen. Kurzum: Death Magnetic ist eine klangliche Nullrunde, die eigentlich zurück in den Masterrechner gehört. Aber dieses Fallbeispiel birgt auch eine mehr oder weniger gute Nachricht: Lauter geht es einfach nicht mehr.

Von links nach rechts: Metallicas "Death Magnetic" gehört mit 4 dB zu den lautesten Titeln am Markt. Gossip stehen mit "Music For Men" (5 dB) nicht wesentlich besser da. Auch der aktuelle Stockfisch-Sampler "Closer To The Music 3" erreicht mit 9 dB keine zweistelligen Ergebnisse. Die findet man erst bei 80er-Jahre-Produktionen wie "Brothers In Arms" von den Dire Straits. Black Sabbath erreichten 1971 noch sagenhafte 17 dB.

Metallica als einzigen Sündenbock zu nennen wäre allerdings nicht sehr freundlich. Bereits seit einigen Monaten führen wir punktuelle Analysen mit dem TT Dynamic Range Meter durch. Dabei fiel uns auf, dass nicht nur aktuelle Pop- und Rock-CDs betroffen sind. In den vergangenen Jahren haben sich auch die audiophilen Labels um mehrere Dezibel vorgearbeitet.
Natürlich sprechen wir hier von immer noch moderaten acht bis zwölf dB Dynamik-Bandbreite auf einem Tonträger. Noch vor einigen Jahren waren die aber eher bei durchschnittlichen Pop-Produktionen zu finden. Die liegen heute knapp hinter Metallica mit 5 („Music For Men“ von Gossip) oder 6 dB („OK Computer von Radiohead). Richtig gute zweistellige Werte scheinen hingegen allein für Klassik und erlesene Jazz-Aufnahmen reserviert zu sein.

Direkter Zusammenhang zwischen Lautheit und Klangqualität

Trickreiche Erfindung: Mit Limitern (hier der L1 von Waves) lassen sich die Dynamik-Peaks abschneiden. Das vorher schon kompromierte Material wird dadurch nochmal lauter. Eigentlich sollten solche Prozessoren nur vor Verzerrungen bei der analogen Überspielung schützen

Ein Blick in die Vergangenheit offenbart, wie extrem solche Zahlen sind. Die zweiteilige Single-Kollektion der Beatles (1988 auf CD erschienen) hat im Mittel noch 10 dB. 13 Jahre jünger, aber mit 9 dB noch verträglich ist „Echos“, eine 2001 auf CD veröffentlichter Best- Of-Sampler von Pink Floyd. Die Dire Straits greifen mit „Brothers in Arms“ schließlich nach den Sternen: 12 dB bringt unser Hörraum-Muster, eine Auflage von 1996, auf die Matte. Alle drei Tonträger gelten als klanglich gelungen und haben mit 9 bis 12 Dezibel genügend Headroom, was einen direkten Zusammenhang zwischen Klangqualität und Dynamikumfang nahe legt. Ebenso lässt sich beobachten, dass auffällig viele der schlechter oder sogar unerträglich klingenden Alben mit niedrigen bis sehr niedrigen Werten daherkommen.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen. So klingen die oben zitierten Titel von Radiohead und Gossip bei weitem nicht so mies, wie man meinen könnte. Andererseits tönt die bislang dynamischste von uns eingemessene CD ganz ordentlich, bekleckert sich aber nicht eben mit Klang-Ruhm. Das ist übrigens – bitte festhalten – „Sabbath Bloody Sabbath“ von Black Sabbath mit aberwitzigen 17 Dezibel. Und die Mannen um Ozzy Ozbourne galten anno 1973 (die CD-Release stammt aus 1988) nicht eben als Leisetreter. Iron Maiden standen 1983 mit „Piece Of Mind“ auch nicht schlecht da. 16 dB hat diese Scheibe. Das lässt Stockfischs aktuellen Sampler „Closer To The Music Vol. 3“ mit 9 dB in einem etwas anderen Licht erscheinen.

Was bedeuten die Dynamikwerte?

Als Dynamik bezeichnet man in der Tontechnik die Unterschiede zwischen den lautesten und durchschnittlichen Passagen innerhalb eines Musikstückes oder eines Tonträgers. Sind diese Unterschiede klein, haben wir es mit einer geringen, sind sie dagegen groß, haben wir es mit einer hohen Dynamik zu tun.

Doch wie genau legt man diese Dynamik fest?

Die Obergrenze bildet logischerweise die 0-Dezibel-Grenze. Das ist der Punkt, an dem – bedingt durch die jeweilige Technik – Verzerrungen auftreten. Je nachdem, mit welcher Aufnahmemethode gearbeitet wird (analog oder digital, Tonband oder Schallplatte), können sich die effektiven Spannungswerte dieser 0-dB-Punkte unterscheiden. Wir sprechen in unserem Fall aber immer von 0 dB auf der CD-Audio. Das ist der Moment, in dem alle 16 Bits eines Samples mit Einsen gefüllt sind. Höhere Pegel kann es auf der CD nicht geben. Damit wäre eine Grenze für die Dynamikspanne festgelegt.
Als Untergrenze wird der Durchschnittspegel angegeben, der so genannte RMS (Root Mean Square). Dabei analysiert das Programm den Lautstärkeverlauf eines vollständigen Liedes und errechnet nach einer fest vorgeschriebenen Formel den Durchschnitt.

Man sollte vielleicht anmerken, dass diese Zahl unter bestimmten Umständen verfälscht sein kann. Manche Techno-Songs haben zum Beispiel kurzfristig weniger als zwei dB Dynamik. Den entscheidenden drei Minuten Schallgewitter geht jedoch mitunter ein neunminütiges, sphärisch schwebendes und relativ leises Intro voraus. Und das hebt den Dynamikdurchschnitt über die gesamten 12 Minuten des Titels unrealistisch an. Solche Effekte können natürlich auch auftreten, wenn man – wie wir im Rezensionsteil – die Dynamik eines kompletten Tonträgers, insbesondere eines Samplers zusammenfasst.

Die Differenz beider Werte, 0 dB und RMS, ergibt schließlich die Dynamik, also jenen Dezibelwert, um den plötzliche Impulse lauter sein können als der Durchschnittspegel. Und genau diesen Wert finden Sie in den blauen Logos im STEREO-Rezensionsteil.

Was kann man mit den Zahlen anfangen?

Ist dieses Vorgehen noch relativ leicht begreifbar, birgt die Interpretation der Ergebnisse, also der Umgang mit den blanken Ziffern, häufig Missverständnisse. In Dezibel wird in der Akustik Schalldruck angegeben. 0 dB ist dabei unabhängig von der effektiven Abhörlautstärke – über die entscheidet ja allein der Verstärker – das Maximum, was an „Druck“ auf einem Tonträger gespeichert sein kann. Da unser Gehör nicht alle Frequenzen gleichberechtigt wahrnimmt, ist es schwierig, die dB-Werte in empfundene Pegelunterschiede zu übertragen.

Als Faustregel gilt trotzdem, dass 10 Dezibel mehr oder weniger einer Verdopplung bzw. Halbierung der wahrgenommenen Lautstärke gleichkommen. Haben sich Pop-Produktionen in den vergangenen Jahren von durchschnittlich 10 auf 5 dB „gesteigert“, nehmen wir ihren RMS also heute um die Hälfte lauter wahr –, und das ist verdammt viel.

Diese Reportage stammt aus STEREO 9/2010

Einen ergänzenden Artikel zum Thema finden Sie hier.

Ältere Ausgaben können Sie natürlich jderzeit über unseren Shop nachbestellen.

Links

KvR : Eine Downloadquelle für das TT Dynamic Range Meter und andere PlugIns

Die Homepage der Pleasurize Music Foundation

Hier finden Sie außerdem eine umfangreiche Tabelle mit Dynamik-Werten bekannter Tonträger. Neben dem Durschnitt sind auch jeweils die Max./Min.-Songs des Albums hervorgehoben.

Das TT Dynamic Range Meter

Nicht nur uns geht die sinkende Klangqualität auf die Nerven. Unter der passenden Bezeichnung „Pleasurize Music Foundation“ hat sich eine Interessengemeinschaft zusammengefunden, die dem Lautheitswahn den Kampf angesagt hat. Dieser Gemeinschaft verdanken wir übrigens auch das Range Meter, also jene Freeware, mit der wir die Tonträger analysieren. Auf der Homepage der Foundation – die bietet auch eine deutschsprachige Version – finden Sie übrigens interessante Artikel zum Thema sowie eine umfassende Linksammlung. Das TT Dynamic Range Meter ist hier zwar überall abgebildet, der Download steht aber nur registrierten Nutzern zur Verfügung. Es gibt aber noch andere Quellen, wie die PlugIn-Datenbank KvR.

Mit dem TT Dynamic Range Meter, hier die Standalone-Version, kann man WAV- und MP3-Dateien analysieren. Das Ergebnis erscheint als große Zahl (oben rechts). Wichtig ist das Häkchen bei "Logfile" (unten rechts). Ist das gesetzt, erscheint nach der Analyse eine Textdatei im Ordner der Audio-Datei, die weitere Infos auflistet.

Die Grenzen der Messtechnik

Wir sind bei unseren Messungen auf CDs beschränkt, da die TT-Software als Standalone-Software oder als VST-PlugIn in kompatiblen Anwendungen (Steinberg Cubase, Magix Samplitude etc.) läuft und somit nach digitalen Tondaten (WAV, MP3) hungert. Zwar könnte man Schallplatten zum Einmessen digitalisieren – die Klangqualität der Soundkarte spielt hier eine untergeordnete Rolle –, doch würde schon das Aussteuern für die Aufnahme eine Verfälschung der Ergebnisse bedeuten. Und schließlich geht es uns hier um jedes einzelne Dezibel.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich oft kaum verfolgen lässt, wie oft ein CD-Release überarbeitet wurde. Wir können also bei unseren exemplarischen Dynamik-Angaben nicht garantieren, dass die 96er „Brothers In Arms“ dem Originalpegel aus den Achtzigern – die CD kam zeitgleich mit der LP 1985 in die Läden – entspricht. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering, denn wie man der Online-Datenbank des Range Meters entnehmen kann, hat allein "Brothers In Arms" – je nach Pressung – eine Spanne von 16 (1985) bis 8 dB (2005). Unsere Auflage liegt also genau in der Mitte.

Zuletzt sollte angemerkt werden, dass auch einige SACDs Probleme bereiten, da sie mitunter nicht von Computerlaufwerken erkannt werden. Sehen Sie es uns also nach, wenn gelegentlich eine Klassik-„CD des Monats“ unberücksichtigt bleibt.

Ironisches am Rande

Metallica in Activisions "Guitar Hero"

Metallica-Fans sind mitunter ziemlich erfinderisch: Für Activisions erfolgreiches Konsolenspiel „Guitar Hero“ stellte die Band eine Auswahl ihrer bekanntesten Lieder, darunter auch die Songs von „Death Magnetic“, zur Verfügung. Allerdings handelt es sich bei diesen Audiodaten nicht um die gemischten Album-Versionen, sondern - das Spielprinzip verlangt es so - um die unbearbeiteten Einzelspuren. Mit diesen Rohdaten fertigte ein unbekannter Mastering-Künstler eine Neuabmischung der aktuellen CD an, die angeblich um einiges besser klingt, als das Original.

Einen Beweisantritt findet man bei Youtube.

Fans retten, was zu retten ist: Auf Youtube kann man die - aus den Daten eines Computerspiels! - neugemasterte Version von Metallicas "Death Magnetic" mit dem Original vergleichen