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21.08.2014

Test: Vollverstärker Krell S 300i

Feuriges Gemüt

Mit dem kraftstrotzenden S 300i bietet Krell einen günstigen Einstieg in seine exklusive Welt. Der Neuzugang geht klanglich allerdings ganz eigene Wege

Vollverstärker Krell S 300i

von Carsten Barnbeck

Eigentlich müsste der Test von Krells neuem „Einsteiger-Amp“ mit einer Warnung beginnen. Wir hatten in der Vergangenheit ja bereits häufiger mit Verstärkern zu tun, die losspielten, als sei der Teufel persönlich hinter ihnen her. So mancher davon sprang uns nach dem Einschalten regelrecht in die Arme. In dieser Hinsicht schlägt dieser „Mini-FBI“ aber ein neues Kapitel auf: Die Spuren seiner ungebändigten Power lassen sich nach dem Hören eigentlich nur noch operativ aus dem Gesicht entfernen.

Das Kraftpaket macht nicht den geringsten Hehl daraus, dass es für bedingungslosen Hörspaß und emotionale Entladungen der Extraklasse kons­truiert wurde. Der S 300i schob seine wuchtigen Basswellen durch unsere Hörräume, als ginge es für ihn um alles, und feuerte gleichzeitig die Testlautsprecher an, als hätten wir ihnen einen persönlichen Fitnesstrainer an die Hand geben wollen. Selbst bei nie­-drigen Pegeln verliert das Klangspektrum nichts von dieser Energie und hinterlässt stets eine verheißungsvolle Ahnung dessen, was geschehen könnte, wenn man Hand an den massiven Lautstärkeregler legt.

Dunkelheit im Blut

Vollverstärker Krell S300i
Über ein beigelegtes Kabel hat der Krell vollen

Tonal bewegt sich der flache Kraftprotz allerdings auf ganz eigenen Wegen und lässt seine Verwandtschaft zu anderen, insbesondere aber zu den älteren Krell-Modellen bestenfalls er-ahnen. Mit deren hellem, durchscheinendem Charakter kann er sich nicht brüsten. Der kleine 300er spielt sogar auffallend vollmundig und sonor, bereichert die Mitten mit seiner betörend farbenfrohen Wiedergabe und nuancierter Spielweise. Außerdem feilt er die Höhen sanft ab und gibt ihnen einen seidigen Glanz, der zwar einerseits offen und recht weitsichtig wirkt, dabei aber nie harsch oder bissig herüberkommt.

Diese charakterliche Eigenständigkeit kommt natürlich nicht von ungefähr. Erst einmal bot der amerikanische Hersteller einen Vollverstärker in dieser Preisklasse an. 2750 Euro mögen kein Schnäppchen sein, stellen für Krells ansonsten sehr exklusive Verhältnisse aber geradezu einen Kampfpreis dar. Und in der „Kaufklasse“ kann es ja bekanntlich nie schaden, wenn das Produkt mit seinem gefälligen und allroundtauglichen Klang eine möglichst breite Kundschaft anspricht. Und eben das sollte diesem massiven Kraftpaket spielerisch gelingen.

Exklusiver Systemaufbau

Auf der Eingangsplatine des S300i befinden sich auch die beiden separaten Mono-Vorstufen

Natürlich bürgt Krell mit seinem guten Namen für die erlesene Qualität des S 300i. Der Hersteller könnte es sich kaum erlauben, mit seinem Ausflug in die High End-Mittelklasse das über Jahrzehnte gewachsene Renommee der Marke aufs Spiel zu setzen. Und so liest sich das technische Whitepaper wie das „Who Is Who“ der HighEnd-Schaltungen: Der S 300i verfügt über einen vollständig symmetrisch aufgebauten Signalweg, der an seiner Rückseite auch offen zu Tage tritt. Beim ersten seiner fünf Hochpegeleingänge handelt es sich um ein XLR-Buchsenpaar.

Nach dem Öffnen des Gehäuses erkennt das geschulte Auge außerdem, dass es sich  hier prinzipiell um zwei sauber aufgebaute Mono-Vollverstärker handelt. Teilen sich die beiden klar voneinander zu unterscheidenden Vorstufen noch die Eingangsplatine, liegen die Endverstärker samt Netzversorgung schließlich auf räumlich getrennten Kanalzügen. Der riesige, mehrfachgewickelte Ringkerntrafo nimmt einen Großteil der Fläche zwischen den beiden Amp-Sektionen in Beschlag.

Auch bei der Verarbeitung zeigen die Amerikaner wenig Kompromissbereitschaft. Das Gehäuse besteht vollständig aus Metall, und die massive Alufront wird von jenem Display geziert, das uns auch schon beim großen FBI durch seine hervorragende Ablesbarkeit gefiel. Auch am Lautstärkesteller mit seinen kugelförmigen Vertiefungen und an den kleinen Metalltastern erkennt man, dass die Ähnlichkeiten zum Vollverstärker-Flagg­schiff durchaus erwünscht waren.

Das zeigt sich obendrein in der digitalen Steuerung. Wie bei allen Krell-Amps kann man die Quelleneingänge des S 300i frei betiteln oder eine Pegelanpassung programmieren. Neben einem Pre-Out bietet der Verstärker übrigens eine exzellente iPod-Schnittstelle, die von Krells wuchtigem Dock „KID“ abgeleitet wurde, sich hier allerdings mit einer reinen Kabelverbindung begnügt. Apples Porti wird am 300i nicht nur geladen, sondern lässt sich über den schweren Aluminium-Geber des Verstärkers sogar fernsteuern.

Superbe Dynamik

Die Endstufen des Krell liegen nebst Siebkondensatoren und üppigen Kühlkörpern auf separaten Platinen

Im Hörraum musste sich Krells Neuzugang unter anderem Marantz’ PM-11S2 stellen. Unsere Klassenreferenz spielte erwartungsgemäß transparenter und offener auf als der obendrein kompakter abbildende Krell. Der konnte mit seiner fülligen und dennoch sehr natürlichen sowie greifbaren Wiedergabe aber einen angenehmen Gegenpol bilden. Vor allem dann, wenn das Klangmaterial dynamisch anspruchsvoller wurde, wenn etwa wilde Percussions oder stramm angeschlagene Gitarrenakkorde durch den Raum fegten, konnte der Krell deutlich zum immerhin 700 Euro teureren Marantz aufschließen.

Unseren Dauergast, den RG14 von Symphonic Line, ließ der Krell mit seinem explosiven Gemüt hingegen im Regen stehen. Sein Klangbild wirkt einfach anspringender und in sich noch ausgewogener als das unseres altgedienten Arbeitsgeräts.

Kurzum: Mit dem S 300i haben die Amerikaner ein ganz heißes Eisen im Feuer. Auch wenn sich der Amp traut, tonal die klassischen Krell-Pfade zu verlassen, gewährt der Neuling doch tiefe Einblicke in die exklusive und edle Klangwelt der erlauchten Top-Marke. Und zu diesem Preis durfte man davon bislang ja nicht einmal träumen.

STEREO-Ausgabe

Dieser Artikel wurde in STEREO 06/2009 veröffentlicht

Spannendes Zubehör zu diesem Test wie Geräteuntersetzer von Solid Tech finden Sie im STEREO-Shop.

Profil

Krell S300i

um € 2750
Maße: 44x10x44 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Audio Reference
Tel.: 040/53320359

www.audio-reference.de

Fazit

Um es auf den Punkt zu bringen: Krells „Kleinster“ ist eine Wucht! Andere Verstärker dieser Klasse spielen zwar offener oder transparenter, dafür kann ihm aber niemand hinsichtlich seiner Energie und Power das Wasser reichen. Die Ausstattung ist üppig.

STEREO-Bewertung Vollverstärker Krell S300i

Messergebnisse

Leistung an 8/4 Ohm
165/265 Watt pro Kanal

Impulsleistung an 4 Ohm
358 Watt pro Kanal

Klirrfaktor bei 50 mW/5 Watt/–1 dB
0,035/0,03/0,015 %

Intermodulation bei 50 mW/5 Watt/–1 dB
0,26 | 0,15 | 0,13 %

Rauschabstand CD bei 50 mW/5 Watt
60/80 dB

Kanaltrennung bei 10 kHz
46 dB

Dämpfungsfaktor bei 4 Ohm
95

Obere Grenzfrequenz (–3 dB, 4 Ω)
85 kHz

Anschlusswerte
relativ unempfindlich

Gleichlauffehler Lautstärkesteller bis –60 dB
0,2 dB

Leistungsaufnahme Aus/Standby/Leerlauf
0/40/58 Watt

Auffälligkeiten: Sehr hohe Impulsleistung, der S300i benötigt jedoch Quellen mit recht hoher Ausgangsspannung. Die Standby-Aufnahme ist mit 40 Watt zu hoch. Offensichtlich bleiben viele Bereiche auch so unter Strom.

Hinweis: Abonnenten finden die vollständigen Messergebnisse im undefinedSTEREO-Club.

Klirrverteilung des Vollverstärkers Krell S300i
Klirrspektrum

Ausstattung

Vier Signal-Eingänge, drei davon in Cinch-, einer in symmetrischer XLR-Ausführung, Quellen unabhängig vorpegel- und benennbar, Pre-Out, iPod-Schnittstelle mit beigelegtem Kabel, Porti wird im Betrieb geladen, wertiger und sehr robust verarbeiteter Geber im Lieferumfang.

Stichwort

Pre-Out

Lautstärkegeregelter Vorstufenausgang etwa zum Ansteuern einer zweiten Endstufe für Bi-Amping-Systeme.