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19.10.2014

Test: Standlautsprecher Dali Helicon MK2

Fløtte Bøx

Timing und Tempo sind Hauptforderungen des dänischen ­Wandler-spezialisten Dali an seine Lautsprecher. Aber nicht nur in diesen Punkten erwies sich die neue Helicon 400 MK 2 als Musterbox

von Carsten Barnbeck

Hersteller von Dalis Größe können sich kaum erlauben, bei der Entwicklung ihrer Produkte allein auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Es muss einen Masterplan geben, eine Richtlinie, die festlegt, welche Aspekte besonders im Fokus liegen und wohin die Evolution sich bewegen soll. Das gilt insbesondere, wenn die Messlatte bereits so hoch liegt wie bei der neuen Helicon 400 MK2, deren Vorgängerin uns sechs Jahre später (Test in STEREO 11/03) noch in allerbester Erinnerung ist.

Nun, die Dänen haben einen solchen Plan, und das sogar in Form einer schriftlich festgehaltenen Agenda, wie wir bei unserem Besuch in der Firmenzentrale feststellen konnten. Wenn CEO und Chefentwickler Lars Worre gedanklich die Lautsprecher von morgen durchspielt, hat er dabei also Stichpunkte im Hinterkopf, die ihm teils technische, teils praktische, teils aber auch philosophische Ansätze und Vorgaben liefern. Sehen wir uns doch mal an, wie sich das in der Praxis, also bei unserer bildhübschen Standbox, darstellt.

Nichts geht über Wahrheit, Timing und Spielfluss

Ganz oben auf der Liste steht der Begriff „Klarheit“. Die Anführungszeichen sollten Sie jedoch besonders dick lesen, denn die Übersetzung des englischen „Clarity“ führt auf eine falsche Spur. Die Helicon soll nicht etwa besonders klar im Sinne von offen oder transparent spielen, sondern ein unverfälschtes und glaubwürdiges Abbild dessen liefern, was auf den Tonträger gebannt wurde. Sie soll die Wahrheit widerspiegeln.

Das realisiert Dali aber nicht über einen besonders neutralen, verfärbungsfreien Frequenzgang. Der darf ruhig die eine oder andere – wohlgemerkt kleinere – Ungereimtheit aufweisen, solange nur das Timing stimmt, wie uns Worre erklärte. Das ist der zweite Punkt der Agenda. Und Zeitgefühl hat  diese Box. Tatsächlich spielt eine Helicon derart flüssig und lebendig, dass sie alle Lautsprecher in ihrem Preisumfeld mit respek­tablem Abstand hinter sich lässt.

Das hat überaus positive Auswirkungen auf sämtliche Frequenzbereiche. Im Hörtest befeuerten wir sie unter anderem mit Marlangos „Shake The Moon“, einem verzückenden, leider aber etwas vorlaut abgemischten Lied der Spanier. Doch das bereitete der 400er wenige Sorgen. Sie stellte das stämmige Fundament sauber und präzise in den Hörraum und ließ den nach wie vor sehr dominanten Tiefton angenehm straff, detailliert und vor allem etwas feiner dosiert erscheinen. Das verblüffte uns, da die MK2 an sich alles andere als schlank aufspielt.

Genauso funktioniert es obenherum. Zum Ausloten der Fähigkeiten eines Lautsprechers legen wir natürlich auch grenzwertige CDs ein. „Green Is The Sea“ von And Also The Trees ist so ein Fall, ein musikalisch ansprechendes Wave-Album aus den frühen Neunzigern. Dem Toningeneur hätte man damals aber bessere Monitore empfehlen sollen, denn die Aufnahmen sind in den Höhen bissig, und die Gitarren zeigen schon mal Obertöne, über die das Instrument in freier Wildbahn gar nicht verfügt.

Die Bi-Wiring-Terminals sind robuster als bei der Vorgängerin und werden mit Kabelbrücken ausgeliefert

Doch selbst solche Tonträger kann man über die Helicon genießen. Sogar bei höheren Pegeln peitschten die Snares mit Punch und flinker Attacke durch den Hörraum, während die Höhen reichhaltig und offen, aber niemals nervig oder schmerzhaft wirkten. Und das, obwohl die Dali mit ihrem markanten Doppel-Hochtöner – der ist ebenfalls fester Bestandteil des Dali-Konzepts – aus Seidenkalotte und Bändchen einen deutlichen Pegelhub im Bereich über sieben Kilohertz aufweist.

Wenn der Hersteller in seinen Anzeigen mit dem Slogan „Nothing added. Nothing substracted“ wirbt, ist das also keineswegs übertrieben. Die Helicon gibt einfach wieder, was auf einer Aufnahme ist, verschleiert nichts, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass alles auf möglichst charmante und angenehme Weise ans Gehör gelangt. Genau diese Stärke hebt sie auch von der Masse ihrer Mitbewerber ab. Elacs vorzügliche FS210 Crystal zum Beispiel spielt in den Mitten zwar ähnlich lebendig, sonor  und farbstark auf, kann mit der umwerfenden Höhenreproduktion einer Helicon aber nicht ganz mithalten.

Handwerklich vollendet

Die nächsten Punkte, mit denen sich die Entwickler befassen, berühren konstruktive Aspekte. Da geht es um Dinge wie Wartungs- und Servicefreundlichkeit. Hier sollte man anmerken, dass die Verarbeitungsqualität der Zweieinhalb-Wege-Box exzellent ist. Die aufgesetzte Schallwand und der Fuß fügen sich perfekt an die seidenmatten Echtholzfurniere. Die überarbeitete Frequenz­weiche sitzt in einer abgeschlossenen Kammer, die sie von den Druckschwankungen und Vibrationen im Gehäuse­inneren entkoppelt.

Natürlich sollten die Treiber möglichst wenig Verluste und Verzerrungen produzieren. Dazu wurde insbesondere an den Bass-Chassis gearbeitet, die auf eine große Bandbreite gezüchtet sind, um in ihrem Bereich möglichst sauber zu bleiben. Zur Verlustfreiheit gehört für Dali aber auch ein ungebremster Luftstrom im Inneren des Bassreflex-Wandlers. Anders als viele Mitbewerber arbeiten die Dänen daher nicht mit aufwändigen Innenversteifungen. Für minimale Resonanzen sorgt allein die solide Bauweise mit der geschwungenen Grundform.

Extreme Räumlichkeit

Die Frequenzweiche steckt in einem separaten Abteil im Fuß des Gehäuses

Zuletzt stehen Abstrahlung und Räumlichkeit auf der Tagesordnung. Tatsächlich leuchten die Tweeter der Helicon eine breite Fläche aus, was unter anderem die Aufstellung erleichtert. Die Bühne der neuen 400 ist plastisch und zeigt eine enorme Tiefe. Die Größenbezüge zwischen Stimmen und Instrumenten sind exzellent und fördern die Natürlichkeit der Darstellung. Auch hier wirken vergleichbare Lautsprecher wie die Elac oder B&Ws N803S abgeschlagen, zeichnen die Konturen etwas verwischter in den Raum und erreichen auch nicht die greifbare Abbildung der Helicon. Kurzum, auch in diesem Punkt wurden die konstruktiven Vorgaben mehr als erfüllt.

Hält man sich Dalis Entwicklungsziele vor Augen und betrachtet gleichzeitig die MK2-Version, ergibt sich also ein mehr als schlüssiges Bild, das gleichzeitig belegt, wie richtig die Dänen mit ihrer teilweise eigenwilligen Herangehensweise liegen. Allein die ausschließliche Timing-Orientierung oder die fehlende Innenbedämpfung gäben in der Theorie ja Stoff für stundenlange Diskussionen. Aber die werden bereits im Keim erstickt. Die neue Helicon 400 überflügelt ihre hervorragende Vorgängerin in allen Punkten und platziert sich in unserem Testspiegel nicht von ungefähr an Stelle der größeren ehemaligen Helicon 800, die ebenfalls einer MK2 wich. Noch so eine fløtte Bøx?

STEREO-Ausgabe

Dieser Artikel wurde in STEREO 05/2009 veröffentlicht

Profil

Dali Helicon 400 MK2

Paar um 5400 €
Maße: 27x102x50 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Dali
Tel.: 033203/180400
www.dali-loudspeakers.com

Fazit

Abermals konnte uns eine Helicon 400 mit ihrem unvergleichlichen Charme, ihrer überaus flüssigen Spielnatur und ihrer umwerfenden Farbigkeit begeistern. Und die ausgewogene und für jeden Musikstil empfehlenswerte Dänin musiziert nicht nur toll, sie sieht auch noch genauso gut aus.

Laborreport

Im Bass reicht die Helicon 400 MK2 bis 30 Hertz hinunter, fällt ab einem Pegelmaximum um 150 Hertz zu den Mitten hin ganz sanft um einige Dezibel ab und beschreibt ab sieben Kilohertz einen ordentlichen Hub in den Höhen, der den Durchschnittspegel immerhin um vier dB überragt. Aus dem leicht betonten Grundton und dem markanten Höhenpeak ergibt sich ein sanfter Loudness-Touch, den man ihr im Charakter aber ebenso wenig anmerkt wie die messtechnisch belegbare Frische. Dafür scheint vor allem das gute Timing verantwortlich zu sein. Die Sprungantwort belegt das fast zeitgleiche Ansprechen aller Chassis und ist beinahe ideal. Tatsächlich strahlen die Tweeter auch sehr breit ab. Bei 30 Grad Achsabweichung (gestrichelte Linie) gibt es praktisch keinen Pegelabfall. Ihre Impedanz weist sie als Vier-Ohm-Box aus.

Frequenzgang
Sprungantwort

Qualität & große Töne

Bei Dali im dänischen Nøranger lernte STEREO die Produktion kennen – und hörte richtig gut Musik

Es ist erstaunlich, was für ein riesiges Unternehmen sich hinter dem Namen Dali verbirgt. Der Firmensitz befindet sich etwa eine halbe Autostunde südlich von Alborg in Nøranger und ist ein beeindruckender Gebäudekomplex. Den größten Teil des Grundstücks nehmen allerdings die Lagerhallen von HiFi Klubben in Anspruch. Wie die Händlerkette mit ihren mehr als 50 Niederlassungen in ganz Skandinavien ist Dali ein Teil der Audio-Nord-Gruppe und entstand seinerzeit aus dem Bedürfnis heraus, seinen Händlern eine eigene Lautsprechermarke an die Hand geben zu können.

Trotzdem bleibt reichlich Platz für Verwaltung, Logistik, Entwicklung und die gesamte Fertigung. Alle Lautsprecher entstehen direkt hier im Hauptwerk. Lediglich Treiber und spezielle Einzelteile lässt sich der Hersteller zuliefern. Besonders beeindruckt waren wir vom akustisch hervorragenden Hörraum der Entwickler, in dem uns CEO und Technischer Leiter Lars Worre in einem Hörmarathon sämtliche Modelle vorführte, darunter natürlich auch die atemberaubende Megaline – ein unvergessliches Erlebnis.

Lars Worre ist ­Geschäftsführer von Dali, betätigt sich aber nach wie vor auch als Entwicklungschef des Unternehmens