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01.11.2014

Test: Standlautsprecher Focal Electra 1027

Hörspaß mit Anspruch

In der 4000-Euro-Liga wird die Audiophilie zuweilen höchst ernst genommen. So ernst, dass manchmal der Spaß an der Musik zu kurz kommt. Bei Focals 1027S gibt’s davon reichlich

von Tobias Zoporowski

Welcher Hörertyp sind Sie? Der emotional-impulsive, der sich satten und warmen Klangfarben hingibt – dies auch gern mal lauter, als es einer harmonischen Nachbarschaft zuträglich wäre – und es mit treibendem Blues und Rock gern einmal krachen lässt? Auf hohem Niveau, versteht sich.

Oder sind Sie doch eher der sensible Feingeist, der das zarte Ausschwingen einer Triangel bis in feinste Nuancen aufgelöst hören muss? Dann, lieber Freund, sollten Sie vielleicht weiterblättern. Nicht falsch verstehen:  Wir haben es im Falle der stattlichen Klangsäule Electra 1027S von Focal auf gar keinen Fall mit einer „Rabauken-Box“ zu tun, die stets „Party! Party! Party!“ schreit und für die feinen Dinge der audiophilen Welt nichts übrig hätte. Wohler fühlt sich die knapp über einen Meter hohe „Schallwandlerin“ – französische Lautsprecher sind bei uns immer weiblich – aber in der Tat, wenn man sie vom Zügel lässt. Dann knallen die Drums und knarzt der E-Bass in Terry Evans` „Get Your Lies Straight“ herrlich rau und ungehobelt, Ruhrpottbarde Stoppok spielt seinen „Dr. Pillemann“ weit vor der Anlage mitten im Raum. Im besten Sinne ein „Erlebnis-Lautsprecher“, wenn man so will. Eine Eigenschaft, die sie von einer gleichpreisigen B&W N804S (Test in STEREO 3/2006), die ihre Aufgabe feingliedriger, distanzierter und kontrollierter, vielleicht sogar „ernsthafter“ angeht, grundlegend unterscheidet.

Die Focal braucht Platz

Für ihre großzügige und weiträumige Abstrahlung braucht die zweitgrößte Electra – über der 1027 residiert im Programm der Franzosen die 1037 – entsprechend viel Platz. Wir empfehlen eine Raumgröße von mindestens 30 Quadratmetern. Je größer, desto besser. Darunter wirkt ihre imponierende Bassgewalt – generiert von zwei 16,5-Zentimeter-Treibern, die auf ein rückwärtig abstrahlendes Reflexrohr arbeiten – aufgedunsen und langsam. Dabei entspricht dies nun gar nicht ihrem Naturell, obwohl das getestete „S“-Modell auf den hochauflösenden Beryllium-Hochtöner, welcher der etwa 1500 Euro teureren „Be“-Variante, die parallel angeboten wird, rasante Präsenz verleiht, verzichtet.
Bis auf ebendiesen Luxus-Tweeter, bei der hier vorgestellten 1027S wird eine Inverskalotte aus einer Magnesiumlegierung verbaut, und einem nach hinten statt nach unten abstrahlenden Bassreflex-Rohr sind die beiden Modelle „S“ und „Be“ technisch weitgehend identisch.

Eine 1027 für jeden Geschmack

Was die Kundschaft – hier holen wir dann auch wieder den eingangs angesprochenen Feingeist, der dankenswerterweise mitgelesen hat, ins Boot – vor eine interessante Wahl stellt: die 1027 „Be“ befriedigt sicherlich strengere Ansprüche an Feinauflösung und innere Struktur, die vollmundig, satt und opulent zu Werk gehende „S“ indes birgt vermutlich den emotionaleren Spaßfaktor in sich. Und das, ist doch klar, mit Anspruch!

Die invers ausgeführte ­Magne­siumkalotte fügt sich bündig ein. Ihre Abdeckung ist magnetisch

Stichwort

Magnesiumlegierung
Legierungen aus Aluminium und Magnesium zeichnen sich vor allem durch ihre hohe innere Dämpfung aus.

Profil

Focal Electra 1027S
Paar um 4000 Euro
Maße: 27x111x35 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Sintron Audio
Tel.: 07229/182998
www.sintron-audio.de

Fazit

Die 1027S zielt voll aufs Lustzentrum. Und trifft! Sie massiert den Magen, animiert zum Mitwippen und gibt gnädig auch weniger audiophiles Material wieder, ohne je zu nerven. Toll, dass sich Focal in der gehobenen Preisklasse traut, so auf Emotionen zu setzen. Ein Lautsprecher für Hörer, die Musik leben!

Der Amplitudenfrequenzgang der Electra 1027S zeigt sich bis auf die etwas unruhigen oberen Mitten, die sich in der Praxis nicht störend hervortun, unauffällig. Der Bass reicht bis unter 40 Hertz hinab, somit bestätigt der Messschrieb das satte Fundament des Lautsprechers. Nominell geht die Focal als Vier-Ohm-Konstruktion durch. Bei 132 Hertz unterschreitet sie die Normgrenze (3,2 Ohm) mit 2,8 Ohm aber deutlich. Durchschnittlich kräftige Verstärker sollten aber dennoch nicht ins Schwitzen kommen. Ihr Wirkungsgrad liegt bei 88,5 Dezibel. Das sauber verarbeitete Gehäuse lässt sich zu keinen Resonanzen hinreißen. Die Sprungantwort zeigt ein für Drei-Wege-Systeme – in der 1027S arbeiten ja insgesamt vier Chassis, die beiden Basstreiber bewegen sich invers – ordentliches Timing mit durchschnittlichem Zeitversatz.

Frequenzgang
Sprungantwort