Sie sind hier: HiFi-Test / Lautsprecher / Standboxen / Dali Lektor 6
27.11.2014

Test: Standlautsprecher Dali Lektor 6

Alles zu seiner Zeit

Unpünklichkeit kann man Dalis Lektor 6 nicht vorwerfen. Mit ihrem präzisen Timing spielt die günstige Standbox genau auf den Punkt

Standlautsprecher Dali Lektor 6

von Carsten Barnbeck

Wenn sich Lars Worre, CEO und leitender Entwickler bei undefinedDali, mit einer neuen Lautsprecherserie befasst, verfolgt er klare Ziele: Ganz oben in der Doktrin der skandinavischen Marke steht eine reine, unverfälschte Wiedergabe mit vor allem perfektem Timing, wie er uns kürzlich während eines Besuches im dänischen Nørager erklärte. Erst danach gehe es um Fragen wie Abstrahlcharakteristik, eine dreidimensionale Abbildung oder verzerrnungs­arme Chassis.

„Der Frequenzgang spielt eine untergeordnete Rolle“

Sind diese Vorgaben erfüllt, könne eigentlich nichts mehr schief gehen. Zu unserer Verwunderung taucht der Frequenzgang gar nicht erst in Dalis Direktiven auf. Die Linearität habe keine erste Priorität, erläuterte Worre auf unsere Nachfrage. Ein Wandler, dessen Treiber phasenrichtig arbeiten, spiele immer harmonisch und biete enorme Präsenz. Daher nehme man kleinere Fehler im Frequenzverlauf auch nicht weiter wahr.
Als wolle sie die Richtigkeit dieser Aussage mit aller Macht demonstrieren, zeigte uns die Lektor 6, ihres Zeichens die kleinere von zwei Standboxen in Dalis brandneuer Einsteiger-Serie, als Erstes genau diese Eigenschaft. Gleich nach dem Einspielen traktierten wir die für ihre Größe überraschend leichte Box mit Jeff Becks „Brush With The Blues“. Dieser Livemitschnitt beginnt mit einem stämmig abgemischten, bisweilen schon mal dröhnenden E-Bass.
Dank ihrer musikalischen und stimmigen Spielweise ließ die Dali die tiefen Saiten des Instruments aber glaubwürdig, greifbar und mit einem hohen Maß an Atmosphäre über die Bühne schnarren. Becks später im Song einsetzende Solo-Gitarre konnte sich deutlich vor dem grummelnden Bass platzieren, bot natürliche Klangfarben und ein hohes Maß an Offenheit. Das haben wir bei teureren Lautsprechern schon anders erlebt, denn nicht selten werden Gitarre und Schlagzeug vom mächtigen Fundament verschluckt.
Unsere Messungen ergaben einige Tage später, dass der Zweieinhalb-Wege-Laut­sprecher, der mit zwei 17-Zentimeter durchmessenden Tief-Mitteltönern und einer 28-Millimeter-Gewebekalotte bestückt ist, eine breitbandige Absenkung in den Mitten aufweist. Bezogen auf den Durchschnittspegel sind die Frequenzen zwischen zwei und fünf Kilohertz um bis zu fünf Dezibel zurückgenommen. Von einem Mangel an Stimmpräsenz oder Direktheit kann trotzdem nicht die Rede sein. Eher im Gegenteil: Bei vielen Gelegenheiten bewies uns die Lektor, dass sie die Mitten mit ihrer natürlichen Färbung regelrecht in den Vordergrund schiebt.
Ebenso wenig wäre ein übertriebener Loudness-Charme wahrnehmbar, der sich ja aus dem Kehrschluss ergeben sollte. Der ist natürlich in begrenztem Maße vorhanden, verleiht der insgesamt eher warm und seidig aufspielenden Standbox aber lediglich etwas mehr Glanz in den Höhen und einen angenehm fülligen und straffen, keineswegs aber aufgesetzt wirkenden Tieftonbereich.
Verpackt ist der anspringende Klang übrigens in zwei sauber verarbeiteten MDF-Gehäusen, die mit Folien-Furnieren in Schwarz oder Walnuss erhältlich sind. Aufwändige Innenversteifungen zur Beruhigung des Gehäuses sucht man bei Dali vergeblich. Besser sei ein ungestörter Luftfluss im Inneren des Bassreflexgehäuses, versicherte der Hersteller. Daher beschränkt man sich auf eine Bedämpfung der Gehäusewände, um Resonanzen zu mindern. Die Frontpartie der Lektor besteht aus einer Kunststoffplatte, in der sämtliche Chassis sowie die Bassreflex-Öffnung eingelassen sind. Der Hochtöner und die Ankerpunkte der Staubschutzabdeckung sind schließlich in Aluminium-Intarsien gebettet, die dem Lautsprecher seine wuchtige, gleich­zeitig aber auch wertige Optik verleihen. Zuletzt gilt es noch zu erwähnen, dass die Boxen mit je einem soliden Single-Wire-Terminal bestückt werden.

Der Gewebe-Hochtöner ist in eine Aluminium-Abdeckung eingebettet. Ein kleiner Kunstoffring um den Tweeter sorgt für eine breitere Abstrahlcharakterisitk

Die Lektor 6 spielt sprichwörtlich wie aus einem Guss

Was uns neben dem zeitrichtigen und anspringenden Naturell an Dalis Lektoren besonders gefiel, ist das überaus harmonische und gesamtheitliche Zusammenspiel ihrer Treiber. An keiner Stelle des Frequenzspektrums ist ein Bruch feststellbar. Damit wandelt sie auf ähnlichen Pfaden wie Infinitys Beta 40. Die wirft ihrerseits übrigens auch noch etwas mehr Materialaufwand und eine raumfüllendere, tiefere Bühne in die Waagschale. Das kontert die Lektor jedoch gelassen mit ihrer greifbareren Abbildung, insgesamt realistischeren Größenverhältnissen sowie einem höheren Maß an Spritzigkeit.
Auch bei der Aufstellung ist die Dänin anspruchsloser. Sie sollte einfach in zwei bis drei Metern vor dem Hörplatz gerade in den Raum ausgerichtet werden, da sie eingewinkelt schnell an Plastizität verliert. Außerdem sollte der Hörraum eine mittlere Größe haben, denn für einen möglichst straffen und präzisen Bass sind 50 bis 70 Zentimeter Abstand zur nächsten Wand nötig. Da er einen guten Wirkungsgrad hat, ist dieser Lautsprecher zuletzt auch nicht sonderlich anspruchsvoll bei der Wahl der Elektronik.
Dalis neuste Boxen-Serie trifft direkt ins Schwarze: Unkompliziert, pflegeleicht sowie durch und durch musikalisch, anspringend und homogen abgestimmt, zählt die Lektor 6 zu den herausragendsten Standboxen unter 1000 Euro. Da wirkt auch manch teurerer Wandler blass.

Profil

Dali Lektor 6
Paar um 940 Euro
Maße: 21x93x29 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Dali
Tel.: 033203/180400
www.dali-deutschland.de

Dalis Lektor 6 setzt mit ihrer lebendigen, homogenen und musikalischen Spielnatur in ihrer Preisklasse Akzente. Trotz eines minimalen Loudness-Charakters fügen sich die Frequenzen harmonisch aneinander. Die Raumabbildung ist außerdem greifbar und bildet realistische Größenverhältnisse ab.

Laborreport

Der Frequenzgang zeigt einen relativ breitbandigen Einbruch in Bereich zwischen zwei und fünf Kilohertz, der bei etwa drei kHz ganze fünf Dezibel beträgt. Die Höhen sind zwischen 13 und 20 kHz deutlich angehoben, ebenso wie der Bass, der zwischen 60 und 200 Hertz einen sanften Buckel beschreibt. Im Tiefton fällt die Lektor 6 zudem recht bald ab und kommt kaum unter 50 Hertz. Wie man außerdem erkennt, ist der Abstrahlwinkel sehr breit. Die Messungen auf Achse und bei 30 Grad Abweichung sind nahezu deckungsgleich. Im Gegensatz zum welligen Frequenzverlauf ist die Impedanzkurve vorbildlich ausgeglichen und unkritisch. Die Bassreflexöffnung (der Anstieg bei 30 Hz) ist sehr gut an den Wandler angepasst. Auch das Timing ist ordentlich, wenn auch leichte Resonanzen im Ausschwingen zu erkennen sind.

Frequenzgang
Sprungantwort

Die Testanlage

(SA)CD-Spieler: Denon DCD-1500 AE, Marantz SA-15 S1, Naim CD5i
Streaming-Client: Linn Sneaky DS
Vollverstärker: Marantz PM 8003, Musical Fidelity A 1, NAD C 355 BEE, Pioneer A 9
Lautsprecher: B&W 684, Infinity Beta 40, Magnat Quantum 607