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01.08.2014

Test: Standlautsprecher Ayon GyrFalcon

Klare Ansage

Mit einem glasklaren ­Konzept, Keramikchassis und Kompromisslosigkeit bei der Auswahl der Teile bekennt sich Ayon mit der GyrFalcon zum HiFi-Purismus. Was war das noch gleich?

Ayon GyrFalcon

von Matthias Böde

Es ist das oft bemühte Credo jedes Boxenherstellers: Ein guter Lautsprecher soll der Musik weder etwas hinzufügen noch etwas weglassen. Hört sich simpel an, ist in letzter Konsequenz jedoch nicht zu erreichen. Und zuweilen beschleicht uns das Gefühl, dass mancher dieses hehre Ziel sogar ganz aufgegeben hat und lieber auf vor­dergründige Effekte setzt.
Aber auch wir Tester müssen vielleicht ab und zu daran erinnert werden, welchem Ideal wir verpflichtet sind. Bei mir hat das jüngst die rund 120 Zentimeter hohe GyrFalcon des österreichischen Herstellers Ayon getan. Sie kommt aus demselben Stall wie die berühmten Lumen White und folgt ganz ähnlichen Vorgaben. Der Werbetext listet sie auf: „Natürliche, realistische Dynamik und tonale Ausgewogenheit, tiefe, ultrapräzise, schnelle und durchsichtige Basswiedergabe und eine dreidimensionale, holographische Klangbühne.“ Stimmt alles auffallend, weshalb wir hier ausnahmsweise mal ein Eigenlob zitieren, weil es eben nicht stinkt.

Bestückung

Tatsächlich gehört Ayons nach der größten Falkenart benannte GyrFalcon zu den ehrlichsten und bis an den Rand der Selbstverleugnung neutralsten Lautsprechern, die zu hören ich das Vergnügen hatte. Seelenverwandte findet sie innerhalb ihrer Preisklasse etwa in Ascendos Z-F3, Audioplans Konzert, Merlins VSM-MXe oder gar in der fast fanatisch geradlinigen 3.7 von Thiel.  Dabei wirkt die in zwei mit Glanzlack überzogenen Furnieren oder lackschwarz erhältliche Ayon zunächst wie ein Kompromissangebot fürs behagliche Wohnambiente und nicht wie ein auf impulsive Rasanz und musikalische Brisanz gezüchtetes „Brett“.

„Wax Coils“ für Bässe und Mitteltöner, Mundorf- Kondensatoren und ein „Z-Silvercap“ vom dänischen Spezialisten Jantzen (o.) in der Weiche

Allerdings geben die teuren Keramikchassis aus dem Hause Accuton und der Verzicht auf eine ihre hellen Membranen verhüllende, jedoch die Finesse womöglich mildernde Bespannung untrügliche Hinweise da­rauf, dass es hier alles andere als gemütlich zugeht. Drei 17 Zentimeter durchmessende Chassis, die von einer rückwärtigen Reflexöffnung unterstützt werden, sorgen für sprudelnde, die Wiedergabe vehement antreibende untere Lagen. Der Mitteltöner, der oberhalb von 200 Hertz ins Spiel kommt, ist nur einen guten Zentimeter kleiner und gilt als einer der besten überhaupt. Er übergibt an den 2,5-Zentimeter-Tweeter mit Invers-Kalotte, dessen Membran ebenfalls aus leichter, aber hochfester und gegen äußere Beschädigung empfindlicher Keramik besteht, weshalb alle Töner vergittert sind. Gegen 4000 Euro Aufpreis fürs Paar gibt es den Hochtöner auch mit einem Diaphragma aus purem Diamant.

Technik

Nicht nur die Chassis, auch das Gehäuse ist aufwändig und clever gemacht. Die nach innen gebogenen Seitenwände bilden eine schicke Wespentaille und verleihen der Konstruktion nach dem Staudammprinzip gleichzeitig eine besonders hohe Steifigkeit. Und sie sind Teil des so genannten „Inverted Parabolic Resonance Correc­tion System“, kurz IPRCS. Dabei werden für die Seiten-, Schall- und Rückwände sowie den Deckel und die Bodenplatte in einem Compound-Verfahren MDF-Lagen unterschiedlicher Güte und Stärke miteinander kombiniert, was etwa Resonanzstauungen und dadurch verursachte Unsauberkeiten vermeiden soll. Laut Ayon hat man an der richtigen Zusammensetzung lange und sogar mit Computerunterstützung getüftelt. Das Verfahren erinnert stark an das sehr ähnliche Vorgehen bei Wilson Audio, deren Lautsprecher in punkto Klarheit und Raffinesse der GyrFalcon recht ähnlich sind.
Erhebliche Anstrengungen auch in der Weiche: Für die Bässe und den Mitteltöner stehen mit Wachs beruhigte fette Spulen zur Verfügung, hochkarätige Mundorf-Kondensatoren sind ebenfalls anzutreffen. Dem Tweeter spendierte man gar einen sündteuren „Z-Silvercap“-Kondensator des dänischen Lieferanten Jantzen, weil sich dieser einfach als der klanglich beste profiliert hatte.  
Wer sich ein bisschen mit Boxen beschäftigt, merkt sehr schnell, dass es sich bei der GyrFalcon um einen Lautsprecher von Liebhabern für Liebhaber handelt. Das sieht man nicht nur an den exzellenten Messwerten.

Ein Single-Wire-Terminal mit WBT-Klemmen ist in die Rückwand ­ein­gelassen. Bi-Anschlüsse machen nur Probleme – besonders bei Röhren

Klang

Das hört man mit jedem Ton. Ganz im Stil der berühmten Lumen White spielt sie mit innerer Festigkeit und Akkuratesse, ist klar wie ein Bergsee und flink wie ein Wiesel. Dass die Ayon auch Substanz zu bieten hat, macht ihre Vorstellung perfekt. Die unteren Lagen kommen sehr griffig und definiert. Sie reichen zwar nicht bis in das Zwerchfell erschütternde Tiefen hinab, bilden aber ein prägnantes, ungemein bewegliches Fundament und schließen mit bemerkenswerter Kohärenz an den Grundton wie die Mitten an. Die Wiedergabe erscheint deshalb wie aus einem Guss und ohne jegliche tonale wie dynamische Brüche. Impulse lässt die Österreicherin wie aus dem Nichts hervorplatzen und so geschwind abklingen, dass manchmal fast der Eindruck von zu ausgeprägter Trockenheit entsteht. Aber es ist einfach die Abwesenheit von Resonanzen und Speichereffekten, die andernfalls zu Verschmierungen führen.
Erstaunlich ist die Größe des räumlichen Spektrums, das die GyrFalcon aufbaut. Dazu löst sich die Musik hervorragend vom Lautsprecher, der oft gar nichts mehr mit ihr zu tun zu haben scheint. Entsprechende Aufnahmen vorausgesetzt – und man hat viel mehr von ihnen, als man weiß – kann man um die Akteure herumhören. Es entsteht eine überaus lebendige, glaubhafte Illusion eines natürlichen Klanggeschehens. Und das auch mit kleineren Röhren, wie ­Ayon sie selbst anbietet. Der hohe Wirkungsgrad und die gutmütige Impedanzkurve lassen die GyrFalcon mit wenig Leistung bereits „schön laut“ spielen. Und echt! Wer vergessen hat, was das ist, sollte bei ihr einmal Nachhilfe nehmen.

Profil

Ayon GyrFalcon

Paar um 13990 Euro
Maße: 25x120x45 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertr.: Living Sound
Tel.: 0043/312424954
www.ayonaudio.com

Fazit

Ein musikalisch wie technisch brisanter Neuzugang im Chor der Ehrlichkeitsfanati­ker kommt aus Österreich. Die Verwandt­schaft mit den Lautsprechern von Lumen White ist unüberhörbar. Extreme Durchhörbarkeit, Schnelligkeit und Plastizi­tät sorgen für intensive, „echte“ Klangerlebnisse.

Laborreport

Mit der GyrFalcon haben auch kleinere Röhren leichtes Spiel. Der Wirkungsgrad beträgt 91 Dezibel. Er liegt damit vier bis fünf dB höher als der Durchschnitt. Auch der flache Impedanzverlauf des Sechs-Ohm-Lautsprechers kommt insbesondere Röhren-Amps entgegen. Aber auch ­Transis­toren schätzen hier Linearität. Der Frequenzgang ist ein Traum. Er ist von 50 Hertz bis hinauf zu unserer Messgrenze von 20 Kilohertz praktisch glatt. Darunter fällt die Amplitude sanft ab. Hervorragend ist das Rundstrahlverhalten (gestrichelte Li­nie). 30 Grad abaxial gibt’s noch so gut wie keine Abweichungen von den Werten auf Achse. Die Sprungantwort offenbart ein gutes ­Ti­ming. Der Hoch- und der tief hinabrei­chen­de Mitteltöner arbeiten fast zeitgleich. Die Bässe folgen sehr schnell nach.

Frequenzgang
Sprungantwort

Die Testkomponenten

(SA)CD-Spieler: Lindemann 820S, Meridian G08.2

Vollverstärker: Accuphase E-350, Denon PMA-SA1, Marantz PM-11S2

Vor-/Endstufe: Ayre K-5xe/V-5xe, Audio Research Ref.3/Soulution 710

Lautsprecher: Dynaudio Contour S5.4, Wilson Audio Maxx 2

LS-Kabel: HMS Gran Finale Jubilee, Mudra Akustik Silvercom, Silent Wire LS 8

Verschieden lange Spikes bewirken, dass der Lautsprecher leicht nach hinten kippt – was das Zeitverhalten noch verbessert