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02.09.2014

Report: Slot Music

Chip statt CD?

Werden wir uns künftig winzige Flash-Kärtchen statt CDs ins Regal stellen? Ende des Jahres will die Musikindustrie erste Alben im „SlotMusic“-Format veröffentlichen – in der ­Tagespresse wurden die Chip-Kärtchen sogar schon als CD-Killer gehandelt

von Ulrich Wienforth

Kein Zweifel: Optische Discs haben ihre besten Jahre hinter sich – der Trend geht zu Festplatten und Flash-Speichern. Doch bisher mussten wir diese Medien selbst mit Musik befüllen, zum Beispiel mit heruntergeladenen Songs aus Online-Shops. Nun will die Plattenbranche uns den Flashspeicher als vorbespielten Tonträger schmackhaft machen – ganz nach dem Vorbild der ­Musik-Cassette.
SlotMusic“ soll das neue Produkt heißen – auf diesen Namen haben sich die vier großen Musik-Multis undefinedUniversal, undefinedSony Music, undefinedEMI und undefinedWarner Music sowie der Flash-Speicher-Herstel­ler undefinedSanDisk geeinigt.

SlotMusic auf MicroSD-Karten

Als Datenträger kommt die MicroSD-Card mit 1 Gigabyte Kapazität zum Einsatz, als Tonformat MP3 mit 320 Kilobit/s ohne DRM-Kopierschutz. Demnach wird eine Menge Speicherplatz übrig bleiben, der entweder für Bonusmaterial genutzt oder vom Kunden selbst bespielt werden kann. Wiedergegeben werden die SlotMusic-Kärtchen in MP3-tauglichen Handys oder in MP3-Playern mit dem SD-Kartenschlitz. Ein USB-Adapter soll beigepackt sein: Damit ließe sich der Chip auch am PC auslesen, oder auch an modernen Autoradios oder neueren HiFi-Anlagen mit USB-Buchse. Oder der Player wird samt Kärtchen an die Anlage gestöpselt.
Auf die Frage nach dem Preis antworten die Majors noch ausweichend: Vermutlich wird er näher bei der CD als beim Download liegen, denn schließlich kostet so eine 1-GB-Karte, wenn man sie leer kauft, um die drei Euro. Und die Händlermarge dürfte auch höher ausfallen als bei den Online-Shops.

Wozu brauchen wir eigentlich diese Kärtchen und wer soll sie kaufen?

Die PC-affine Generation hat sich längst mit dem Download angefreundet und will keinen physischen Tonträger mehr. Wer aber neue Formate wie den Musik-Download eher skeptisch betrachtet, wird der guten alten CD treu bleiben und nicht mit einem Chip-Kärtchen fremdgehen. Ein Platzproblem im CD-Regal haben die meisten Menschen nicht, und auf ein schön gestaltetes Album-Cover muss man bei dem Winz-Tonträger ja wohl verzichten.
Hinzu kommt, dass der MicroSD-Kartenschlitz bei neueren Handys weit verbreitet sein mag, nicht aber bei reinen MP3-Playern. In den MP3-Anfangstagen, vor rund zehn Jahren, ließen sich die Portis mit Flash-Karten bestücken. Doch dann ging die Industrie nach und nach zu fest eingebauten Flash- oder Festplattenspeichern über und sparte sich den Kartenschlitz. Das gilt zumal für den Branchenprimus Apple: Im iPod lässt sich die SlotMusic-Karte nicht abspielen.
Was wiederum dem Speicherspezialisten SanDisk nur recht sein kann: Denn SanDisk hat nicht nur Flash-Kärtchen im Angebot, sondern ist auf dem US-Markt der zweitgrößte Anbieter von Porti-Playern – nach Apple. Und die Dominanz des iPod mitsamt dem iTunes-Download-Store ist ihm seit langem ein Dorn im Auge. Deshalb möchte SanDisk mit SlotMusic eine Alternative zum Musik-Download aufbauen und Apple die Kunden abspenstig machen. Zudem wittert SanDisk natürlich ein schönes Geschäft mit der Herstellung der SlotMusic-Kärtchen für die Musikindustrie.

Und die Plattenfirmen? Was treibt die zu dem Experiment mit dem neuen Medium?

Auch sie möchten die Dominanz von Apple brechen und dem Preisdiktat bei den iTunes entrinnen. Vor allem möchten sie wieder mehr komplette Alben statt einzelner Songs verkaufen, denn die Rosinenpickerei der Download-Kunden macht ihnen einen Strich durchs jahrzehntelang bewährte Geschäftsmodell. Und da bietet sich SlotMusic als typischer Album-Tonträger an.

Ob das Experiment mit den Chipkärtchen gelingen wird, weiß kein Mensch. Die Musik­industrie betrachtet die ersten Veröffentlichungen denn auch als Test. Die Titel werden aus dem Bereich des Mainstream-Pop kommen, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen.
In den USA sollen zum ­Weih­nachtsgeschäft die wichtigsten Neuerscheinungen parallel auf CD und SlotMusic-Karte veröffentlicht werden. Allein Universal Music steht dort mit 30 Alben in den Startlöchern, darunter auch Kompilationen. Für den europäischen Markt hält sich die Branche noch bedeckt – lediglich EMI stellt erste SlotMusic-Alben noch vor Ende des Jahres in Aussicht. Bei Universal Deutschland heißt es, eine Veröffentlichung für 2008 sei „noch nicht bestätigt“, es lägen noch keine Details vor. Soll wohl heißen: Die Kärtchen stehen in den VÖ-Listen mit dem Vermerk „tbc“ für „to be confirmed“.

Das Medium kommt bei jungen Leuten gut an

SanDisk lässt verlauten, bei Markttests hätten Teenager das Produkt positiv aufgenommen, ebenso wie junge, berufstätige Frauen, denen das Runterladen in Online-Shops zu zeitaufwändig sei. Da mag was dran sein: Nicht jeder, auch in der jüngeren Generation, ist PC-Freak, und  der Download auf den Rechner mit anschließendem Transfer zum Porti-Player ist ja nicht unbedingt der eleganteste Weg. Zumal er mit Inkompatibilitäten durch verschiedene Ton- und DRM-Formate gepflastert ist.
Andererseits hat die CD zum mobilen Musikhören definitiv ausgedient. Es könnte also eine Marktlücke für das neue Medium geben. Man stelle sich vor: viele kleine Musik-Kärtchen, sauber sortiert in einem kleinen Etui, das man jederzeit wie eine Brieftasche bei sich trägt...

Dass Slotmusic die CD in absehbarer Zeit vom Sockel stoßen kann, dürfte aber nur ein frommer Wunsch von SanDisk sein. Denn für den Einsatz zu Hause hat die CD nur Vorteile: bessere Klangqualität, schönes Cover, handgerechtes Format – und eine schier unendliche Vielfalt von Abspielgeräten. Und billiger als die CD dürfte die Chipkarten-Musik auch kaum werden.
Eines aber ist ermutigend an dem neuen Format: Die Musikindustrie verabschiedet sich nun endgültig von ihren Kopierschutz-Träumen und verzichtet auf DRM-Verschlüsselung. Der Markt akzeptiert solche künstlichen Beschränkungen des Gebrauchsnutzens nicht – das hat die Branche endlich verstanden. Und: Der kleine neue Tonträger kommt nicht mit hochkomprimierten Daten daher, sondern mit großzügigen 320 kBit/s. Offenbar gibt es doch auch in der Generation MP3 eine Nachfrage nach besserer Klangqualität. Das lässt hoffen.

Stichwort

Flash-Speicher

Nicht-flüchtiger elektronischer Speicher: Im Gegensatz etwa zum Arbeitsspeicher des PC behält der Flash-Chip seine Daten, auch wenn der Strom abgeschaltet ist.

Anfang des Jahrtausends waren MP3-Player mit steckbaren Flash-­Karten üblich, wie hier beim MP3-Pionier Pontis. Damals waren 200 MB aber schon das höchste der Gefühle
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