Sie sind hier: HiFi-Test / Verstärker / Arcam A38/P38
23.10.2014

Test: Vollverstärker/Endstufe Arcam P38/A38

Kaliber 38

Der A38 ist der leistungsstärkste Arcam-Vollverstärker aller ­Zeiten. Und weil wir solch ein Kaliber schätzen, haben wir die ­passende Endstufe P38 fürs Bi-Amping gleich dazugeladen

von Tom Frantzen

Wir hoffen, Sie sehen uns die martialische Überschrift nach, aber wenn ein Hersteller seine Top-Gerätereihe schon „Full Metal Jacket“ (FMJ) nennt, was für „Vollmantelgeschoss“ steht und die Ganzmetallgehäuse meint, liegt es nahe, die Assoziation zum bekannten Kaliber der amerikanischen 38er Polizeirevolver zu bemühen.

Mit seinem klanglich renommierten Vorgänger hat der A38 nur noch das bewährte Aussehen gemein, denn die inneren Werte sind komplett verändert. So kommen in der Eingangsumschaltung extrem hochwertige Reed-Relais zur Anwendung, dazu rauscharme Operationsverstärker OPA2134 von Burr-Brown und das neueste IC für die Lautstärkeregelung. Ein ganz modernes Konzept, ohne Frage.

Es erlaubt etwa den Abgleich der Eingänge für unterschiedlich laute Signalquellen oder das Einschalten mit fest vorgewähltem Gesamtpegel, was wir als Komfort durchaus begrüßen. Tatsächlich sind die Unterschiede etwa zwischen kraftvollen Röhren-CD-Playern mit 2,6 Volt und älteren Tunern mit 0,7 Volt Ausgangsspannung eklatant und keineswegs praxisfremd.

Ungewöhnlich hoch ist der für die Ruhigstellung von Bauteilen betriebene Aufwand. Überall im Gerät finden sich Sorbothan- und andere Dämpfungsmaterialien sowie Ferritplatten auf den ICs. Der Kühlkörper ist darüber hinaus „schwimmend“ auf einer Matte gelagert. Das gesamte Gehäuse ist ein antimagnetischer, gut abgeschirmter und schwingungsarmer Verbund von Aluminium und Sorbothan.

Die „Lunge“ der Arcam-Amps besteht aus einem mächtigen 800VA-Ringkerntrafo nebst Elkos von je 10000 µF Siebkapazität. Gemäß den Briten ist das der Wert mit dem besten Verhältnis von Leistung und Geschwindigkeit. Der Gleichrichter, mit dem der vom Hausnetz gelieferte und heruntertransformierte Wechselstrom zur Gleichspannungsversorgung der Schaltungen gefaltet und alsdann von den genannten Elkos glättend gesiebt wird, befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Endstufe, um kürzestmögliche Stromwege zu gewährleisten. Für erzstabile Verhältnisse sowie auch im Zusammenhang mit komplexen Lautsprecherlasten niedrigste Verzerrungen sorgt zudem die der üblichen Spannungs- überlegene Stromgegenkopplung.

Die vier eingesetzten, hochmodernen Sanken-Transistoren bipolaren Typs mit integriertem Temperaturfühler tragen maßgeblich zu den optimalen Arbeitsbedingungen bei und sind gegenüber externen Fühlern und damit verbundener, zu träger Nachregelung der Arbeitspunkte im Vorteil. Davon abgesehen ist bekannt, dass ein Pärchen Transistoren je Kanal zu besonders homogenen Klang­ergebnissen in der Lage ist.

Optional ist im Fachhandel für 200 Euro eine nachrüstbare Phonoplatine MM/MC erhältlich, die ebenfalls hochwertig bestückt und rauscharm ausgelegt ist. So muss nur der Plattenfreund die Phono-Möglichkeiten zahlen und nicht alle, ohne sie zu nutzen. Der „Processor“-Mode gestattet obendrein die Einbindung in eine Mehrkanalkette, wobei – mit fixem Pegel – dem in der Regel wohl gegenüber einem A/V-Receiver hochwertigeren Arcam-Stereo-Amp die Befeuerung der Frontkanäle obliegt.

Im Hörraum bekam es der Arcam mit einem starken Gegner in Form des großen Yamaha A-S2000 zu tun. Dieser ist etwas günstiger und hat in der Grundausstattung bereits Phono mit an Bord, zudem gilt er – zu Recht – als ein Favorit der Klasse zwischen 1500 und 2000 Euro. Es folgte ein echtes „Schützenfest“ zwischen diesen Kalibern, das der durchaus nicht unähnlich abgestimmte Arcam ganz knapp für sich entscheiden konnte, denn er öffnete den Raum noch etwas mehr und formulierte einen Hauch klarer und plastischer, während der Yamaha eine Spur sonorer blieb. Langzeittaugliche,  neutrale Charaktere mit hörbar sehr respektablen Leistungsreserven und entsprechender Kontrolle sind beide.

Der Yamaha punktet aber nach wie vor mit seinem günstigen Preis. Natürlich hätten wir den Arcam, dem sein guter Ruf vorauseilt, behandeln können wie immer, sprich, wir hätten es nach der Gegenüberstellung damit bewenden lassen können. Aber da es eine passende Endstufe gibt, wollten wir mehr.

Nein, eigentlich ist es nicht eine passende Endstufe, es ist genau die gleiche, wie ein Blick unter die Motorhauben beider Geräte sofort verrät. Der Endverstärker ist bis hin zu den Anschlussbuchsen mit den entsprechenden, aber um die Vorstufe und eine andere Frontplatte ergänzten Baugruppen des Vollverstärkers identisch. Das modulare Konzept birgt naturgemäß Vorteile für die Fertigung, erst recht aber für den Anwender. Und weil die klanglichen Vorzüge des – in diesem Fall horizontalen – Bi-Ampings leider immer noch nicht allen HiFi-Fans bekannt sind, möchten wir die Taschenlampe erneut in diesen Winkel der audiophilen Delikatessen richten.

Ungewöhnlich: Die Einstellung etwa der Stereo-Balance kann per Taste oder in Kombination mit dem Lautstärkesteller erfolgen
Beim A38 sind hochwertige Eingangsrelais erkennbar, bei näherem Hinsehen in beiden Geräten zudem die resonanzhemmend beruhigten Bauteile
Die Endstufe ist mit der entsprechenden Sektion des Vollverstärkers identisch, nur das Gehäuse ist beim Integrierten um den Lautstärkesteller tiefer

Der Vorteil, zunächst den Vollverstärker zu erwerben und bereits auf hohem Niveau Musik zu hören, dieses aber nachträglich noch mit ein wenig Einsatz ausbauen und so erheblich steigern zu können, hat seinen Reiz.

Warum Bi-Amping? Wer es einmal gehört hat, weiß Bescheid. Stellt man sich vor, wie sich ein Möbelpacker damit abmüht, eine Couch durch ein Treppenhaus zu befördern, während zwei das locker schaffen, ist die Sache klar und eine Frage von Souveränität. Zwei Verstärker sind schlicht besser als einer, weil sie sich die Arbeit ein- und aufteilen können.

Voraussetzung ist das Vorhandensein von Vorstufenausgängen. Wichtig ist zudem der gleiche Verstärkungsfaktor der Endstufen, hier 31,5 dB und die gleiche Eingangsimpedanz/Empfindlichkeit. Im Falle Arcam stimmen mit 62 und 65 Milliohm sogar die Ausgangsimpedanzen optimal überein, was beinahe den gleichen Dämpfungsfaktor bedeutet. Da die separate Endstufe geringfügig höhere Impulsleistungen erzeugte und weniger Kanaltrennung aufwies, würden wir sie für den Betrieb der Bässe empfehlen.

Die kurzen Kabelwege prädestinieren den Vollverstärker ohnehin für den sensibleren Mittelhochton-Bereich. Natürlich haben wir das ausprobiert, aber auch Arcam empfiehlt es so. Beim Verkabeln ist Vorsicht geboten, da es schnell zu Verwechslungen kommt. Glaubt man fertig zu sein, schaut man sich sein Werk noch mal genau an. Nichts verpolt oder über Kreuz angeschlossen? Kurzschlüsse haben meist teure Defekte zur Folge! Sie können aber auch Ihren Fachhändler mit der Aufgabe betrauen.

Der Lohn des Bi-Amping ist eine deutlich hochklassigere Wiedergabe. Plastizität, Tiefenstaffelung, Klangfarben, Auflösung und Kontrolle, sprichwörtlich alles wird verbessert, weshalb alle STEREO-Redakteure erklärte Bi-Amping-Fans sind. Der Grund hierfür ist die für dieselben Lautsprecher doppelte verfügbare Leistung, wobei zudem die delikaten Signalwege für den Mittelhochtonbereich von den nicht unerheblichen Gegenkräften (Gegen-EMK) der Bassschwingspule verschont bleiben. Wer Lautsprecher mit Bi-Wiring-terminals besitzt, hat im Bi-Amping eine tolle Option. Die Arcams sind also die Investition von 1800 (Vollverstärker) respektive 1400 Euro (Endstufe) allemal wert.

Kontakt/Infos

Vertrieb: GP Acoustics
Tel.: 0231/9860320
www.arcam.de

Stichwort

Bi-Amping

Auch Mehrverstärker-Betrieb genannter, arbeitsteiliger Einsatz von Verstärkern in einer (Stereo-)Anlage. Beim horizontalen Bi-Amping speist ein Verstärker den Mittelhochton-, der andere den Bassbereich beider Kanäle, während beim vertikalen Bi-Amping (nur mit identi-schen Endstufen möglich) jeder Amp allein für einen Kanal verantwortlich ist (STEREO 5/99, 11/01 und 11/05).

Profil (Vollverstärker)

Arcam A38

um 1800 Euro
(Phono MM/MC um 200 Euro)
Maße: 43x11x37 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre

Bewertung

Arcams A38 ist ein moderner, gut und komfortabel ausgestatteter und aufrüstbarer (Phono, Bi-Amping) Vollverstärker mit respektablen Leistungsreserven und be­achtlicher Klangqualität. Ein muskulöser, bis ins Detail optimierter Feingeist, der allein und im Gespann durch seine hohe Musikalität überzeugt.

Labor

Der Arcam entwickelt 2x105 Watt Dauerleistung an acht und 2x140 Watt an vier Ohm, für kurze Impulse stellt er gar mit 283 Watt pro Kanal das Doppelte bereit. Beim Klirrfaktor stehen stets zwei Nullen hinter dem Komma (0,003-0,009 Prozent), bei der Intermodulation immerhin eine (0,011-0,07 Prozent) – Verzerrungen sind somit kein Thema. Rauschen übrigens auch nicht, denn mit 84/74 Dezibel für Phono MM/MC und 89 dB für CD (bei 5 Watt) liegt er sehr gut, mit 69 dB (CD, 50 Milliwatt) immer noch gut. Der Phono-Frequenzgang könnte etwas linearer sein, er fällt nach unten (20 Hertz) wie auch nach oben ab, wobei Ers­teres als Subsonic-Filter ­durchaus in Ordnung ist, aber ein Höhenabfall um 1,2 dB ist zuviel. Verblüffend niedrig fanden wir die Eingangsimpedanz der Hochpegel­ein­gänge von 9,2 Kiloohm. Der Gleichlauffehler des Lautstärkestellers von 0,1 dB ist exzellent, ebenso wie die hohe Kanaltrennung (64 dB) und das Übersprechen zwi­schen den Eingängen (77 dB). Die obere Grenzfrequenz jenseits von 110 Kilohertz verrät eine „schnelle“ Schaltung.

Ausstattung

Phono MM/MC, individuelle Pegelanpassung der Eingänge, Vorstufenaus- und Endstufeneingänge für Bi-Amping-, Subwoofer- und A/V-Anwendungen, zwei Paar Lautsprecherausgänge, Anschlussmöglichkeit für zwei Aufnahmegeräte, zusätzlich fünf Hochpegeleingänge. Ein Triggerausgang schaltet bei Bedarf andere Geräte ein.

Profil (Endstufe)

Arcam P38

um 1400 Euro
Maße: 43x11x35 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre

Bewertung

Hochkarätiger, puristischer Zweikanal-Endverstärker mit schnellem, offenem und sauber kontrolliertem, dabei flüssigem Klangbild, der sich aufgrund seiner sorg­fältigen Abstimmung nicht nur kongenial zum Bi-Amping, sondern auch für jede andere anspruchsvolle Stereo- und A/V-Anwendung anbietet.

Labor

Die Endstufe ist mit der des Vollverstärkers praktisch identisch und gibt 2x104 Watt an acht und 2x137 Watt an 4 Ohm ab, die Impulsleistung ist mit 2x319 Watt noch etwas höher als beim integrierten Kollegen. Der Klirr bleibt konstant unter 0,0058 Prozent und ist bemerkenswerterweise nahezu unabhängig von der abgeforderten Leistung. Die Intermodulationswerte liegen meist zwischen 0,02 und 0,033 Prozent, also sehr gut. Lediglich bei sehr geringer Leistung (50 Milliwatt) steigen sie auf noch passable 0,15 Prozent an. Rauschen spielt mit guten 71 Dezibel (bei 50 Milliwatt Leistung) und sehr guten 90 dB (bei 5 Watt) keine nennenswerte Rolle. Die Stereo-Kanaltrennung von 60 dB bei 1 Kilohertz fällt bei 10 Kilohertz erstaunlicherweise auf eher mäßige 38 dB zurück. Schon deshalb zogen wir im Bi-Amping-Betrieb den diesbezüglich deutlich besseren Voll­verstärker als Antrieb für den Mittelhochton-Bereich vor. Die obere Grenzfrequenz der Endstufe liegt geringfügig höher als die des Vollverstärkers, aber das ist akademisch. 65 Milliohm Ausgangsimpedanz versprechen – wie beim Vollverstärker – einen hohen Dämpfungsfaktor. Die Anschlusswerte (Eingangsempfindlichkeit 0,63 Volt und Eingangswiderstand 22,1 Kiloohm) sind in Ordnung. Der Standby-Verbrauch liegt bei 0,1 Watt.

Ausstattung

Zwei Paar Lautsprecherausgänge, „Daisy-Chain“ (serielle Verkettungsschaltung)