Phono-Pre Rega Ios
von Matthias Böde
Bevor Rega mit seinen CD-Spielern Furore machte, war das Unternehmen aus dem südenglischen Southend on Sea schon lange als Plattenspieler- und Tonabnehmer-, ach was, als Analog-Spezialist per se bekannt. Einige der besten günstigen Dreher stammen aus diesem Stall, und der große, mit vielen Ideen ausgerüstete P9 sackte im STEREO-Test (Ausgabe 6/06) sogar fünf Sterne und eine Platzierung dicht unterhalb der Referenzen ein.
Kein Wunder also, dass nicht nur die Rega-Fans auf den ersten usgewachsenen Phonovorverstärker der Engländer gewartet haben. Er heißt Ios, steckt im soliden Gehäuse von Regas Top-Linie und kostet rund 2400 Euro. Pikantes Detail: Obwohl Rega traditionell MM-Abtaster fertigt und erst jüngst mit dem Apheta (um 1600 Euro) seinen ersten MC-Tonabnehmer vorstellte, ist der Ios ein reiner MC-Amp.
Und er ist dem Apheta wie auf den Leib geschneidert, bietet er doch ein abschaltbares, schmalbandiges Filter um 8,5 Kilohertz, wo das Apheta exakt eine Überhöhung aufweist. Bis zu 6,5 Dezibel kann man den Pegel an dieser Stelle absenken. Wer kein Apheta betreibt, dem soll das Filter vor allem bei der Unterdrückung lästiger Oberflächengeräusche von alten Schallplatten helfen. Auch überbrillante oder zu schwach gedämpfte MCs lassen sich so „einbremsen“.
Der Ios ist also keine Insellösung fürs Apheta. Und er zeigt sich auch in weiteren Punkten flexibel: Erstens ist seine Eingangsimpedanz fünfstufig zwischen 50 und 400 Ohm umschaltbar, womit die Ansprüche fast aller angebotenen MCs abgedeckt sein sollten. Außerdem stehen zwei Verstärkungsfaktoren zur Wahl. Hebt der Ios die feinen Tonabnehmersignale bereits in der unteren Stufe um knapp 64 dB an, so sind es in der höheren satte 70 dB, wodurch auch ein „leises“ Benz LP „laut“ genug ‘rüberkommt.
Soweit nichts Ungewöhnliches, doch was in aller Welt soll der mit Zahlen von 1 bis 5 versehene Drehschalter mit der Aufschrift DCΩ? Hier lässt sich der Ios unabhängig von der Gesamtimpedanz noch auf den Gleichstromanteil des Innenwiderstands des verwendeten Moving Coils justieren. Position „5“ ist für das Apheta und alle anderen MCs vorgesehen, deren Wert oberhalb von 15 Ohm liegt. Tatsächlich reagierte ein Benz LP (32 Ohm) deutlich weniger auf das Durchschalten als ein älteres Art1 von Audio-Technica (zwölf Ohm). Je tiefer man abstimmte, desto mehr Brust bekamen etwa Stimmen, die zu den größeren Zahlen hin stetig kehliger tönten. Auch die Gelöstheit und der Fluss der Musik wurden so beeinflusst. Die erzielten Unterschiede mögen gering sein, doch allein die Existenz dieser Option zeigt, wie ernst es Rega mit dem Ios ist.
Der soll hoch hinaus und wurde dafür mit feinen Zutaten ausgestattet. Im Innern durchlaufen die hauchfeinen Tonabnehmersignale vier Stufen. Zunächst helfen ihnen zwei ausgesuchte Trafo-Übertrager auf die Sprünge, indem sie ihre Spannung um 20 dB anheben. Obendrein stellt die Eingangsstufe die vorn gewählte Impedanz ein.
Danach geht es weiter durch rauscharme, parallel verschaltete Transistoren aus dem Hause Hitachi, die gleichzeitig verstärken und ein passives Filternetzwerk bedienen, das die von der RIAA vorgeschriebene Frequenzentzerrung für die oberen Lagen durchführt. Wir erinnern uns: Da in der Rille nur begrenzt Platz ist, wird zu den tiefen Tönen hin beim Schneiden der Pegel nach einer festen Vorgabe immer weiter abgesenkt. Beim Abspielen muss dann die korrekte tonale Balance wieder hergestellt werden. Für den Bass geschieht das im Ios übrigens durch eine aktive, symmetrische Verstärkerstufe. Nun noch ein breitbandiges Aktivfilter durcheilt, das die vierte und letzte Stufe darstellt.
Um Brummeinstreuungen von den dafür empfänglichen Übertragern fernzuhalten, rät Rega dazu, den Ios möglichst weit weg vom Plattenspieler wie von anderen Geräten und deren streuenden Trafos aufzustellen. Ansonsten reicht dem sensiblen Briten, der rückwärtig nur jeweils ein Paar mit der Rückwand verschraubte Ein- und Ausgangsbuchsen in Cinch-Norm bietet, eine schwingungsarme Unterlage, auf der er sein subtil gezeichnetes Farbspektrum entfalten kann.
Egal, mit welchem MC-Tonabnehmer wir den Ios auch betrieben, der erste Eindruck war der einer selten gehörten Differenzierung tonaler Nuancen, Details und Schwebungen. Der Rega gab so Stimmen und Instrumenten eine große Natürlichkeit und Glaubhaftigkeit. Ja, er rückte sich in dieser Disziplin sogar in die Nähe von Nagras mehr als doppelt so teurem Röhren-Pre VPS (Test in STEREO 7/08) – ein Großmeister des Details, dessen Leichtigkeit, räumliche Größe und Grazie er indes nicht erreichte.
Der Aufbau des Ios
- Die beiden Trafo-Übertrager bilden die erste Stufe und den ohmschen Abschluss
- Die mit extrem rauscharmen Transistoren realisierte Class A-Verstärkungsstufe arbeitet auf die passive Hochtonentzerrung der RIAA-Kurve
- Der Tieftonanteil des Signals wird von einer aktiven, diskreten Class A-Stufe entzerrt
- Die roten LEDs dienen den lokalen Energieversorgungen als Stromreferenzen
- Das Hauptnetzteil bilden ein überdimensionierter Ringkerntrafo und Siebkondensatoren
Doch der Ios bestätigte das Vorurteil, dass britisches HiFi besonders die Mitten liebt. In den anderen Lagen ließ er aber ebenfalls nichts anbrennen. Die Höhen kommen sehr sauber, durchsichtig und beschwingt. Das Klangbild ist von großer Beweglichkeit, und es hat jene highendige Aura, die nur die Darbietung wirklich großartiger Produkte ausstrahlt. Hier beherrscht das Gerät die Musik und nicht umgekehrt. Gut zu hören etwa in der neuen Einspielung von Rimskij-Korsakows „Scheherazade“ mit den Duisburger Symphonikern. Der gewaltige Dynamikumfang stellt den Ios vor keinerlei Probleme, selbst in den komplexen Passagen des Werks bleibt das Orchester in sich präzise gestaffelt und übersichtlich.
Ein Gutteil der erzielten Unmittelbarkeit geht indes auf die Fähigkeit des Ios zurück, ein livehaftiges Tiefenrelief zu erzeugen und so Stimmen wie Instrumentalsolisten plastisch vor den Zuhörer zu stellen beziehungsweise in komplexeren Klangkörpern den Vorne-Hinten-Kontrast realistisch he- rauszuarbeiten.
In dieser Hinsicht ist der Ios sogar dem äußerst spartanischen Microgroove Plus (Test in 12/05) des ebenfalls britischen Herstellers Tom Evans um eine Nasenlänge voraus. Der ist zwar nur so flexibel wie die berühmte Eisenbahnschiene und muss vom Vertrieb bauteileseitig auf die Anschlusswerte des jeweiligen Tonabnehmers getrimmt werden, arbeitet dann mit diesem aber auch perfekt zusammen. Unser Exemplar ist auf das Benz LP justiert, doch 70 dB Verstärkung bei rund 400 Ohm kriegen wir mit dem Ios ja auch leicht hin.
Tatsächlich schenkten sich die Kontrahenten nichts und setzten im Duell auf ihre individuellen Charaktere. So sind die Energie und der Druck, mit denen der Microgroove Plus frei von der Leber weg spielt, immer wieder faszinierend. Er baut so das intensivere Klangbild auf, auch weil er im Bass kräftiger hinlangt, während der Rega die unteren Lagen zwar ebenso trocken und knackig wiedergibt, gleichzeitig hier aber auch ein wenig zurückgenommen und schlanker wirkt. Er punktet wie erwähnt vor allem mit seinen duftigen, zarten Mitten, denen sich der Tom Evans nicht ganz mit dieser Sensibilität und Liebe widmet. In den Höhen sind sich die beiden dagegen einiger: Atmender Verve ohne jede Härte lautet das Motto.
So kann sich Rega mit seiner ersten ausgewachsenen Phonostufe gleich auf einem hohen Niveau etablieren. Die klangstarke Lösung von der britischen Insel dürfte für viele Hörer deshalb genau richtig sein.
Dieser Artikel wurde in STEREO 09/2008 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.
Profil
REGA Ios
um 2400 Euro
Maße: 44x9x28 cm (BxHxT)
Garantie: 2 Jahre
Vertrieb: TAD Audio Vertrieb
Tel.: 08052/9573273
www.tad-audiovertrieb.de
Fazit
Regas Ios ist ein flexibel einsetzbarer Phonovorverstärker für die allermeisten MC-Abtaster des Marktes. Sein räumliches, bis in die feinsten Ecken hinein finessiertes und tonal schattierungsreiches Klangbild entspricht in seiner Natürlichkeit bester britischer audiophiler Tradition.
Labor
Im Labor legte der Ios eine tadellose Vorstellung hin. Sein einziger Schönheitsfehler bestand in einer Abweichung von den vorgegebenen Eingangsimpedanzen. Statt 100 wurden 150 Ohm eingestellt, statt 200 zirka 300 und statt 400 rund 700. Für die Praxis ist das eher nebensächlich, wenngleich gut zu wissen. Der Rega arbeitet extrem klirrarm: Bei deftigen 7,73 Volt Ausgangsspannung waren ihm gerade mal 0,0013 Prozent dieser Verzerrungsart nachzuweisen. Die Intermodulationen lagen bei praxisgerechten 0,8 Millivolt Eingangsspannung (60 Hz/8 kHz) mit 0,006 Prozent indes kaum höher. Auch der Rauschabstand von 80 Dezibel (0,5mV/ 1kHz/1kOhm) ist angesichts des Verstärkungsfaktors von 64 dB sehr gut. Die Übersteuerungsfestigkeit liegt bei satten 9,8 Millivolt. Einen Hinweis auf die stabile Ausgangsstufe gibt der Ausgangswiderstand von 107 Ohm. Damit sind auch längere Kabel zum Verstärker kein Problem, falls der Ios in der Nähe des Plattenspielers steht. Überzeugend sind auch die 67 dB Kanaltrennung, die den guten Räumlichkeitseindruck untermauern. Im Leerlauf nimmt der Phono-Amp knapp 16 Watt auf.
Ausstattung
Je ein Cinch-Ein- und -Ausgang, Verstärkungsfaktor zweistufig, Eingangsimpedanz vierstufig umschaltbar, Anpassmöglichkeit an Gleichstromwiderstand des Tonabnehmers, schmalbandiges, regelbares Filter bei 8,5 kHz gegen Oberflächenstörungen.
Die Testanlage
Plattenspieler: Linn LP12SE, Rega P9, Transrotor Vision/SME V
MC-Tonabnehmer: Benz LP, Linn Akiva, Lyra Dorian, Ortofon Rohm., Rega Apheta
Phonoverstärker: Aesthetix Rhea, Nagra VPS, Tom Evans Microgroove Plus
Phonokabel: Clearaudio, Kimber, Sun Wire und vorinstallierte Kabel
Rack: Finite Elemente Pag. Master Ref.
Plattenwaschmaschinen: Cadence Okki Nokki, Hannl Mera EL










