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01.10.2014

Equalizer Technics SH-9090

Paracelsus analog

Raumprobleme sind so etwas wie die Pestilenz des HiFi-Fans. Dagegen waren schon zu Analogzeiten Kräuter gewachsen. Allen voran einer der vielseitigsten parametrischen Equalizer, der Technics SH-9090

von Tom Frantzen

Entzerrer oder auf neudeutsch auch „Equalizer“ waren in HiFi-Kreisen zeitweise äußerst beliebte Acces­soires. Versprachen sie doch vielfältige Einflussmöglichkeiten auf das Klanggeschehen. Das galt auch noch und mitunter gar verstärkt, als immer mehr Hersteller dazu übergingen, an eher puristischen, auf Klangqualität statt Komfort gezüchteten Verstärkern die integrierten Klangregelungen gänzlich wegzulassen. Tatsächlich ist selbst ein einfacher, separater Entzerrerbaustein der bereits eingebauten, spärlichen Bass/Höhen-Klangregelung an Vielseitigkeit meist weit überlegen.

Wer nun aber in den 70er Jahren, der absoluten Blütezeit der High Fidelity, glaubte, mit einem 10-, 12- oder 14fach-Equalizer von AEC, Sansui & Co. (teils mit Spektrum-Analyzer) zum eigenen Tonmeister zu werden, den sollte spätestens Technics mit dem sensationellen Equalizer-Giganten SH-9090 eines Besseren belehren.

Anders als konventionelle (graphische) Equalizer lässt der Technics auch Variationen der Frequenz und Filtergüte zu

Denn zu den ohne Digitaltechnik unvermeidlichen Zeit- und Phasenfehlern kam bei den meist angebotenen „Wieviel-auch-immer-Band-Equalizern“ hinzu, dass sie mit der angebotenen Anzahl fixer, also unveränderbarer Mittenfrequenzen nicht unbedingt die tatsächlich zu korrigierenden Problemzonen treffen konnten. Man denke hier etwa an eine Raummode von 53,4 oder 82,7 Hertz. Ein graphischer Oktav-Equalizer mit vielleicht zehn Reglern je Kanal sieht diesbezüglich schon gegen einen im Studio- und PA-Bereich gebräuchlichen 1/3-Oktav-Entzerrer mit 31 Mittenfrequenzstellern je Kanal ziemlich alt aus. Ein solches Gerät konnte immerhin ganz gut auch mal als Subsonic-Filter für die Schallplattenwiedergabe herhalten.

Als parametrischer Equalizer-Typ setzte der Technics aber in Sachen Flexibilität noch einen drauf. Das Gerät erschien 1976 und bot vernünftige zwölf „Eckfrequenzen“, was den einen oder anderen Hitzkopf mit „mehr Reg­lern“ im Rack zu einem geringschätzigen Lächeln veranlasst haben mag. Verfrüht allerdings, denn der Technics ließ sowohl die stufenlose Variation jeder einzelnen Mitten- oder Resonanzfrequenz um plus/minus eine Oktave zu. Beispielsweise kann so der 1-Kilohertz-Regler von dieser Frequenz weg beliebig zwischen tatsächlich 500 und 2000 Hertz bewegt und eingestellt werden.

Zudem ist es am Technics – neben der großzügigen Pegelung um plus/minus 12 Dezibel – möglich, über eine „Master Level Control“ den Gesamtpegel im Rahmen von plus/minus 6 Dezibel anzupassen, beispielsweise  kann so eine empfindliche Endstufe oder ein „vorlauter“ CD-Player gezähmt oder aber die Lautstärkeunterschiede zwischen unterschiedlichsten Quellen, etwa leisem Tuner und lautem Tonabnehmer, angeglichen werden. Das kann sehr komfortabel sein.

Außerdem ist es am Technics möglich, die Einstellung der Güte Q, sprich der wirksamen Breite und Steilflankigkeit (Bandbreite) jedes einzelnen Filters vorzunehmen. So kann etwa sehr schmalbandig und gezielt mit demselben Regler ein Netzbrumm entfernt oder aber ein größerer, breiterer Bereich abgesenkt oder angehoben werden. Das kann sinnvoll sein, etwa wenn eine konstruktionsbedingte Senke oder Überhöhung eines Lautsprechers genau bekannt ist. Damit überstreicht der Technics mit Reglern ab 10 Hertz bis 32 Kilohertz – die ausgedehnte obere Frequenz war der Quadrophonie geschuldet – praktisch lückenlos einen Korrekturbereich von 5 bis 64 Kilohertz.

Da das Konzept monaural ist, benötigte man gar zwei Geräte, eins für den linken, das zweite für den rechten Kanal. Das bedeutete zwei große Geräte mehr im Rack des Liebhabers. Eine gemeinsame, sprich gleiche Entzerrung beider Kanäle ist weder vorgesehen noch möglich, zumal jeder SH-9090 nur einen Cinch-Eingang aufweist.
Das unterstreicht den (semi)professionellen Anspruch und zeigt im Grunde, wie nah andere, graphische und damit in den Möglichkeiten eher begrenzte Gerätschaften eigentlich Spielzeug sind, wenn man sie mit etwas ernsthafteren ver­gleicht.
Als Quasi-Vorwegnahme heutiger Raumkorrektursysteme war dieser Equalizer (neben ähnlichen parametrischen Systemen) sicherlich ein ultimatives Werkzeug, um tonale Schnitzer von Raum, Aufnahme und/oder Wiedergabekette intensiv anzugehen und zumindest zu mildern – im Rahmen damaliger Möglichkeiten natürlich, also ohne Zugriff auf die Zeitachse.

Der SH-9090 wird deshalb von vielen als wohl bester analoger (Mono-) Equalizer angesehen und ist nach wie vor – paarweise – sehr gesucht. Verglichen mit graphischen Equalizern, deren feste Filter  mit Spulen arbeiten, soll das Technics-Konzept zudem überlegene Rauschabstände und geringere Verzerrungen aufweisen. Spulenfunktionen werden hier schaltungstechnisch nachgebildet.

Der Verschleiß in der Elektronik eines solchen Gerätes ist eher gering, da keine hohen Temperaturen vorherrschen. Die kritischen Bauteile sind hier wie bei allen anderen HiFi-Geräten Elektrolytkondensatoren, die vor allem im Netzteil zu finden sind. Speziell bei diesem Equalizer kommen bauartbedingt natürlich die Schiebepotentiometer als Verschleißteile in Frage, die man angesichts des Alters beim Gebrauchtkauf besonders begutachten sollte.

Und selbst, wenn es durch Bauteilverschleiß zu geringfügiger Frequenzdrift, beispielsweise von 1 auf 1,03 Kilohertz, käme, ließe sich diese beim Technics ja via Bandbreite (Q) und Mittenfrequenz ausgleichen, sofern dies nötig erscheinen sollte.

Am Ende vielleicht noch ein paar persönliche Worte, denn der Panasonic-Konzern hat vor einiger Zeit entschieden, die traditionelle HiFi-Marke Technics – mit Ausnahme des Plattenspielers SL-1200 – nicht weiterzuführen und stattdessen alle Produkte mit „Panasonic“ zu markieren. Das finden natürlich viele Fans bedauerlich – und womöglich ist ja der derzeitige Zweikanal-Boom  Grund genug, diesen Punkt erneut zu überdenken.

Stichwort

Subsonic-Filter
Im extrem tieffrequenten Hörbereich und darunter wirkendes Filter, mit dem sowohl Rumpelstörungen von Platten(spielern) als auch unnötige Membranauslenkungen vermieden werden können.

Profil

Technics SH-9090
Parametrischer Mono-Analog-Equalizer
(für Stereobetrieb sind zwei Geräte notwendig)
Erscheinungsjahr: 1976
Status: selten, gesucht

Links

Panasonic.de (Hersteller-Homepage)
Audioscope.net (HiFi-Gebrauchtbörse)
HiFi-Wiki.de (HiFi-Lexikon)

Graphisch oder parametrisch?

Der Typ ist ganz entscheidend für die Flexibilität und letztlich Qualität der „Frequenzverbieger“

Grundsätzlich besteht ein Equalizer (Entzerrer) aus mehreren Filtern, mittels derer das Musiksignal, respektive der Frequenzgang beeinflusst werden kann. Die meisten Equalizer – so auch der 10-Band-Equalizer Sansui SE-8 des Autors – sind vom einfacheren graphischen Typ, wobei bessere Modelle in 1/3-Oktavschritten (meist 31 Regler je Kanal) ausgeführt sind. Hier beeinflusst jeder Einzelregler exakt eine fixe Frequenz, und die Einstellung der Regler insgesamt stellt graphisch gewissermaßen den resultierenden Frequenzgang dar. Beim deutlich vielseitigeren (und teureren) parametrischen Entzerrer können Mittenfrequenz, Amplitudenänderung und die Filtergüte Q (Bandbreite) eingestellt werden, was auch die präzise Beeinflussung von Frequenzen außerhalb der gängigen 1- oder 1/3-Oktavreihe gewährleistet.

So sieht ein typischer graphischer Stereo-Analog-Equalizer – hier übrigens auch von Technics – aus
Natürlich kann man den Equalizer auch (weitgehend) aus dem Signalweg nehmen
An Bord ist „analoge Computertechnik“, die Filter bestehen aus Kondensatoren, Widerständen und Transistoren (ohne Spulen)
Das Gerät ist auch haptisch ein Traum – massiv und hochwertig verarbeitet, Plastik ist kaum zu sehen