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18.12.2014

Klassiker: Harman Kardon Festival TA 230

Stereo-Pionier

Vor genau 50 Jahren erschien mit dem Festival TA 230 in den USA der erste Stereo-Receiver der Welt auf der Bildfläche – gebaut von dem damals gerade mal fünf Jahre jungen Unternehmen Harman/Kardon. Er war ein Meilenstein in der Entwicklung der HiFi-Technik

Harman Kardon Festival TA 230

von Tom Frantzen

Dr. Sidney Harman und Bernard Kardon gründeten 1953 das Unternehmen Harman/Kardon, das heute immer noch von Dr. Har­man – mittlerweile rund 90 Jahre alt – als „Chairman“ maßgeblich mit gelenkt wird. Man wollte von Anfang an innovativ sein, was offenbar mit großem Erfolg gelang.
Denn bereits 1954 brachte das US-Unternehmen mit dem Festival D1000 den weltweit ersten Receiver auf den Markt – zu dieser Zeit natürlich noch in Mono – und kreierte damit eine neue Gerätekategorie, eben den Verstärker mit integriertem Radio. Zuvor hatte Harman als erstes Produkt überhaupt erfolgreich einen reinen UKW-Empfänger lanciert.

Mit der aufkommenden Ste­reo-Technologie wurde auch die Nachfrage für entsprechende Geräte geschaffen. Harman war erneut der erste Anbieter, der reagierte und schon 1958 den ­ers­ten Stereo-Receiver der Welt anbot, den hier besprochenen Festival TA230. Ein recht unspektakulärer Name für solch eine Premiere, wie wir finden.
Dieses Gerät, dem ein ähnliches namens TA260 FestivalII folgte, ist heute etwa so selten wie eine blaue Mauritius, erst recht in einem derart funktionsfähigen Zustand wie unser Klassiker. Bis Europa dürften es in den späten 50ern tatsächlich nicht allzu viele dieser 117-Volt-Geräte geschafft haben. Für den Betrieb ist ein Trafo erforderlich.  Zudem darf ein solches Röhrengerät natürlich niemals lastfrei betrieben werden. An den rudimentär als Schrauben ausgeführten Lautsprecherklemmen müssen sich also stets Boxen oder zumindest Lastwiderstände befinden.

Das von STEREO PREMIUM PARTNER Max Krieger geführte „klingende Museum“ in Riedenburg hat vor einigen Jahren eine dieser Kostbarkeiten ergattern können, einen TA230 Festival komplett bestückt mit dem für den Stereo-Empfang notwendigen Decoder MX600. Das Gerät wirkt im dicken Holzmantel nach heutigen Maßstäben üppig und etwas gedrungen, befindet sich aber in einem guten Zustand und sorgt beim Anblick durchaus für eine gewisse Ehrfurcht.
Schon außen am Gerät ist die damalige Neuerung der Zweikanal-Fähigkeit unschwer zu erkennen. So bietet etwa die Rückseite diverse Eingänge für den linken und rechten Kanal. Frontseitig weisen der Balance-Schalter, der Stereo-Index für den Empfänger und der komfortable Steller für Mono, Stereo, Stereo Inverse und L/R auf die gebotenen Betriebsarten hin.

Stereo-Eingänge verkündeten die neue technische Errungenschaft der späten 50er

Im Netz wird kolportiert, der frühe Stereo-Empfang in den USA habe so ausgesehen, dass der eine Kanal via Mittel- und der andere via Ultrakurzwelle übertragen worden sei. Dieses Szenario ist aus heutiger Sicht, vielleicht abgesehen von Versuchssendungen, recht schwer vorstellbar, schon wegen des enormen Qualitätsgefälles zwischen UKW und MW. Denkbar wäre eine solche Betriebsart aufgrund der beiden getrennten Empfänger und der tatsächlich angebotenen AM+ FM-Einstellung aber immerhin.

Rund 15 Watt Ausgangsleistung je Kanal bei weniger als 0,6 Prozent Klirr und 30 Watt Maximal­leistung gab Harman für den Stereo­phoniker an. Er weist zwei Magnettonabnehmereingänge mit umschaltbarer Entzerrung (NARTB oder RIAA), Klangregelung, Höhen- und Rumpelfilter und sogar einen Phasenumschalter (0/180°) auf, den man sich heute mitunter als Standard an CD-Playern wünschen würde. Eine AFC-Schaltung stabilisiert den empfangenen und auf der mit Röhren beleuchteten Skala bequem einstellbaren Sender.

Allenfalls einen Mittenregler könnte der eine oder andere Klassiker-Fan hier noch vermissen. Diese Ausstattungsfülle verblüfft, denn sie geht auf Ideen von vor immerhin 50 Jahren zurück und wirkt dennoch keineswegs veraltet. Manches wird mittlerweile sogar vermisst. So zum Beispiel die grundsätzlich schaltbare „Contour“, die dann als „Loudness“ stufenlos über einen entsprechenden Regler an die Hörlautstärke anpassbar ist. Das heute in dieser Konsequenz eher selten anzutreffende Ausstattungsdetail – Yamaha pflegt es zuweilen noch – dürfte frühe HiFi-Fans als Mittel zur Anpassung an Lautsprecher und Raum ziemlich begeis­tert haben.
Den Namen „Festival“ griff Harman später übrigens noch einmal auf und benannte in den 90er Jahren mehrere Baureihen von recht attraktiven Design-Mini-Anlagen (Festival 300, Festival 500) so.

Innenansicht des Harman/Kardon Receivers Festival TA 230
Mit den gängigen EL34- und ECC85-Röhren solide gemacht und ausreichend potent kommt der Harman im Holzkleid daher

Profil

Harman Kardon Festival TA 230
Erster Stereo-Receiver der Welt
UKW/MW, Phono MM
Erscheinungsjahr: 1954
Vorgänger: Festival D 1000
Nachfolger: Festival TA 260
Status: ultraselten, vor allem in Europa

Links

Harman-Kardon
(Homepage des Herstellers)
Radiomuseum.org
(Online HiFi-Museum)

Harman/Kardon Mono-Receiver Festival D 1000
Oben: Der Harman/Kardon Festival D1000 war 1954 der erste Receiver der Welt und damit ein Mono-Vorfahre des TA 230. Heute sieht ein Stereo-Receiver von Harman/Kardon so aus wie der HK 3480 (unten) mit 2x120/150 Watt Leistung
Harman/Kardon Stereo-Receiver HK 3480

Vorzeige­unternehmer

Eine Legende in Person: Sidney Harman

Sidney Harman

Geboren 1918 – und nicht etwa erst 1939, wie es in diversen Internet-Quellen falsch zu lesen ist – gründete Sidney Harman 1953 gemeinsam mit Bernard Kardon das Unternehmen Harman/Kardon, aus dem bis heute die im S&P500-Index gelistete Harman International Industries (sie­he Kasten nächste Seite) entstand.
1977-78 war er unter der Präsidentschaft von Jimmy Carter stellvertretender Handelsminister der USA und sitzt ungeachtet seines Alters nach wie vor noch in diversen Gremien für die Handels- und Sicherheitsbeziehungen sowie Technologie und Kunst. Auch als Buchautor trat Dr. Sidney Harman in Erscheinung. Veröffentlichungen: (mit Co-Autor Daniel Yankelovich) Starting With the People (1988); Mind Your Own Business (2003).

Getrennte „Flaschenzüge“ sorgen für die Sendereinstellung im UKW- und MW-Band
Die grüne Skala des dienstältesten Zweikanal-Receivers der Welt ist nicht ohne optischen Charme
Vier Ohm waren und sind in den USA eher unüblich, der Harman war für Acht- und 16-Ohm-Lasten ausgelegt