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02.09.2014

Test: Standlautsprecher Piega TP5

Audiophiles Designstück

Audiophile Lautsprecher sind kleine, viereckige Holzkisten aus England. Alu-Säulen setzen vor allem auf Design statt auf Klangqualität. Denken Sie auch? Dann hören Sie mal Piegas neue TP5 an!

von Matthias Böde

Sie stehen überall herum: mehr oder weniger wertig gemachte Säulenboxen im Aluminium-Outfit fürs modern gestylte Wohnambiente. In Kaufhäusern, Möbelläden und Trendshops. Unter HiFi-Fans haben diese „Audio-Accessoires“ einen miesen Ruf. Zu Recht, tönen die meisten doch flach, verfärbt und gepresst. Die oft günstig erscheinenden Dinger will man nach kurzer Hörprobe meistens nicht mal mehr geschenkt.

Trifft man auf Aluminiumlautsprecher im HiFi-Studio, steht oft Piega drauf. Das 1986 gegründete Schweizer Unternehmen ist inzwischen auf Alu-Gehäuse spezialisiert. Waren die ersten Konstruktionen noch me­tallbeplankte MDF-Körper, wird die einen guten Meter hohe, schlanke Stele der TP5, sie ist die kleinere von zwei Standmodellen aus Piegas TP-Serie, im innovativen Strangpressverfahren hergestellt.

Aluminium sieht nicht nur progressiv aus, es gibt auch eine Menge technische Argumente für das Leichtmetall im Boxenbau. So ist es viel steifer als normale MDF-Platten, so dass die Kraft der Tieftöner tatsächlich voll der Schallerzeugung dient statt zum Teil in Bewegungen des Gehäuses zu verpuffen. Bei geschicktem Einsatz kann man den Eigenklang der „Box“ per Alu sehr gering halten. Der Korpus der TP5 hat eine schmale Schallwand, die den Lautsprecher gerade dann optisch verschwinden lässt, wenn die Blende aus Lochgitter aufgesetzt ist. Nach hinten hin verjüngt sich die Breite, was unerwünschte stehende Wellen innerhalb des Gehäuses aufgrund der nichtparallelen Flächen vermeidet.

Klar, dass angesichts solch modischer Form kein Platz für riesige Chassis bleibt. In der TP5 arbeiten zwei 13 Zentimeter durchmessende Tiefmitteltöner, deren unterer sich oberhalb von 150 Hertz mit sechs Dezibel pro Oktave allmählich ausblendet, während der obere bis zu 3,5 Kilohertz hinauf überträgt und dann mit einem Filter vierter Ordnung steilflankig von einem der ambitioniertesten Hochtöner des Marktes abgetrennt wird: Piegas „Linear Drive Ribbon“, kurz LDR, einem bereits in zweiter Generation eingesetzten Bändchen, das die Töne mit Hilfe einer Leiterbahnenfolie erzeugt, die sich zwischen kräftigen Magneten bewegt. Das federleichte LDRII-Bändchen zeichnet sich durch extreme Schnelligkeit und Auflösung aus. Es hat sich in vielen Piega-Boxen bewährt, kommt in der TP5 jedoch ganz besonders gut zur Geltung.

Das liegt an seinem Umfeld. Denn damit sie mit dem Tempo dieses Hochtöners Schritt halten können, haben die Schweizer diesem Modell überarbeitete Tieftöner mit schnellerer Anstiegsgeschwindigkeit und optimierter Gruppenlaufzeit, also der zeitrichtigen Übertragung verschiedener Frequenzen, verpasst. Dazu waren Änderungen am Magnetfeld, an der Schwingspulengeometrie und vor allem an der Zentrierspinne notwendig, deren Ziel auch darin bestand, das Musikhören bei leisen Pegeln zu verbessern und Dynamikverluste zu vermeiden.

Detailansicht der Piega TP5
Der 13er-Tiefmitteltöner bekam unlängst einige Modifikationen und passt nun noch besser zum flinken Bändchen

Im Konzert der Alu-Säulen spielten die von Piega stets eine erste Geige. Sie galten als besonders knackig, brillant und transparent aufspielende Lautsprecher. Mit dem Hightech-Finish ging bei einigen Modellen ein dezentes, nicht unsympathisches, technoides Timbre einher. Daran sind weniger klangliche Eigenheiten des Bändchens „schuld“, sondern seine Rasanz, durch die es im Chor der Chassis Akzente setzt und so mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als ihm gebührt.

Nun, nichts davon  in der TP5. Ist eines der wesentlichen Merkmale des „audiophilen Klangkosmos“, dass er sich durch ganzheitliche Klangbilder auszeichnet, so erhebt die Schweizerin dieses Kunstück geradezu zur Paradedisziplin. Wie aus einem Guss erscheint die Musik mit bemerkenswerter Natürlichkeit gerade auch im Mittenbereich. Die TP5 verkneift sich jede, insbesondere bei schmaleren Boxen ja beliebte, leichte Andickung des Grundtonbereichs, der Sonorität vorgaukelt. Aber auch artifizielle Helligkeiten im Präsenzbereich sucht man vergebens. Die tonale Balance ist praktisch perfekt und sogar noch etwas ausgeglichener als bei Amphions Homogenitätswunder Prio 520, das von der allerdings 800 Euro teureren Piega auch in Sachen Sauberkeit und Differenzierung der Klangbilder übertrumpft wird.

Aber nur dann, wenn die TP5 richtig steht. Finden wir das mit WBT-Buchsen bestückte Single Wire-Anschlussterminal, das den Hörer vor der Gefahr von Qualitätsverlust durch unsachgemäßen Umgang mit dieser Klangfalle bewahrt, anstelle der üblichen Bi-Lösung prima, sind die flachen Hartgummifüße unter dem flachen Stellrahmen eine echte Schwachstelle. Sie bieten keine optimale Ankopplung an den Untergrund, lassen die Säule wackeln. Das schlägt sich in tonalen Verschmierungseffekten und einer Verengung der eigentlich sehr plastischen und präzise gestaffelten Raumabbildung nieder. Abhilfe schafft man billig etwa mit drei Creaktiv-Spikes, die man vorne seitlich und hinten mittig unters Aluprofil klebt (dabei unbedingt jeden Kontakt mit den Gummipads vermeiden). Wer es ganz richtig machen und jedweden Anflug von Härte in Stimmen und Instrumenten von vornherein vermeiden will, besorgt sich gleich RDC-Kegel von Clearlight Audio. Die sind ebenfalls günstig und passen hier genau hin. Dann erlebt man ihre effektlose, offene und zugleich feste Gangart.

Liebhaber des Powerplays kommen dabei nur sehr bedingt auf ihre Kosten. Zwar spielt die Piega auch laut unangestrengt, aber das Zwerchfell massieren ihre kleinen Bässe trotz der Reflexunterstützung nicht. Audio Physics neue Tempo spielt deutlich mächtiger und mit runderem Timbre auf, ebenso KEFs XQ40. Doch sie erreichen nicht die Geradlinigkeit und im Wortsinn kompromisslose Stimmigkeit der Schweizerin. Die steht Audio Physics ebenfalls radikal auf effektfreie Darstellung gezüchteter, aktueller Virgo deutlich näher, deren Möglichkeiten freilich größer sind.
Aber auch der Piega TP5 kann ich stundenlang zuhören, wobei die wohlbekannten Testtitel in der Art dargestellt werden, wie es sich gehört. Und das funktioniert auch an nicht so teuren Verstärkern ganz vorzüglich, denn dieser Lautsprecher bietet nicht nur einen linearen Frequenzgang, sondern auch einen unkritischen Impedanzverlauf (siehe Diagramme), der an keiner Stelle unter die Vier-Ohm-Marke fällt.

Nichtsdestotrotz hat die Piega hochwertige Quellen, Verstärker und Kabel verdient, denn ihre ausgeprägte Durchhörbarkeit macht jede Verbesserung sofort spürbar. Sie ist ein engagiertes audiophiles Produkt im Designerkleid, von dem man sich nicht täuschen lassen sollte. Der Preis ist angemessen, er liegt zwar weit oberhalb dessen, was die trendigen Fashion-Alu-Stelen von den No Names kosten, doch dafür spielt die TP5 in einer anderen Liga – und dazu sämtliche Vorurteile platt.

Stichwort

Filter vierter Ordnung

Als solches wird ein Filternetzwerk be­zeichnet, das die Treiber mit einer so genannten Flankensteilheit von 24 Dezibel pro Oktave von­einander trennt, was einen hohen Wert darstellt.

Profil

Piega TP5

Paar ab 2900 Euro (auch in Schwarz)
Maße: 19 x 111 x 21 cm (BxHxT)
Garantie: 6 Jahre
Vertrieb: Piega
Tel.: 0041/447259042
www.piega.ch

Fazit

Mögen andere Lautsprecher dieser Preis­klasse die besseren Allrounder zwischen Party und Piano sein, punktet Piegas TP5 doch mit ihrer ungewöhnlich natürlichen, ­effekt­freien und homogenen Wiedergabe, die durch eine hohe musikalische Überzeugungskraft besticht. Das ist Musikgenuss aus einem (Alu-) Guss.

Der Frequenzgang ist sehr linear und bewegt sich praktisch im Bereich von +/- zwei Dezibel. Im Bass reicht der schlanke Lautsprecher problemlos bis 50 Hertz hinab und regt so kaum die meist tiefer liegenden Raumresonanzen an. Außerdem kann die Säule so auch wandnäher aufgestellt werden – das Schicksal vieler vermeintlicher „Designboxen“ –, ohne dass die unteren Lagen dadurch zu sehr übertrieben würden. Das Rundstrahlverhalten des Hochtöners ist trotz Bändchenprinzips sehr gut (ge­strichelte Linie), der Impedanzverlauf unkritisch. Wie gut die Chassis zeitlich miteinander harmonieren, offenbart die Sprungantwort, die praktisch keinen Versatz zwischen dem Bändchen und den beiden Tiefmitteltönern zeigt.

Frequenzgang
Sprungantwort