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26.08.2014

Test: Vollverstärker Vincent SV-226 MKII und Vincent SV-238 MK

Brothers in Arms

Wenn Vincent neue Vollverstärker von der Kette lässt, heißt es in der Tat: Luft anhalten und anschnallen. Auch für die Konkurrenz. STEREO testet die Brüder SV-226 MkII und SV-238 Mk

Vincent Vollverstärker SV-226 und SV-238

von Tom Frantzen

Vincent-Geräten eilt generell der Ruf des besonders hohen Gegenwertes fürs Geld voraus. Ein Leumund, der angesichts der gebotenen Materialschlacht gerechtfertigt ist.  Das gilt sowohl für den vor Jahresfrist erschienenen SV-226 Mk II für 1150 als auch den mit 2800 Euro mehr als doppelt so teuren SV-238 Mk.

Das „Mk“ deutet bei beiden auf einen berühmten Vorfahren hin, was aber keineswegs ausschließt, dass hier weitaus mehr als „nur“ eine Überarbeitung stattfand. Warum man beim 238er die Zahl wegließ, versteht niemand. Vielleicht haben die Entwickler eine Generation stillschweigender Updates übersprungen.

Handelt es sich bei dem kleineren Modell um einen Hybriden, der unter seinem Gehäusedeckel eine Röhrenvorstufe und eine Halbleiterendstufe in seltener Harmonie vereint, so ist der SV-238 Mk der metallgewordene Traum aller Transistorfans.
Hier hat der Musikfreund das Beste zweier Welten: Bis rund 2x 50 Watt arbeitet der Amp im besonders edel klingenden, mit Energie in Form von Verlustwärme aber verschwenderisch umgehenden Class A-Betrieb samt hohem Ruhestrom. Dies vermeidet die Übernahmeverzerrungen der sonst üblichen Arbeitsteilung von paarweisen Gegentakt-Transistoren, bei denen jeder für „seine“ Halbwelle zuständig ist und die beiden Teile dann mehr oder weniger „bruchlos“ aneinander angepasst werden müssen.
Über dieser von den Entwicklern gewollten und steuerbaren Leistungsgrenze wechselt der Bolide gleitend in die B-Betriebsart und verfügt über enorme, nämlich rund vervierfachte Leistungsreserven. Die Lastwiderstände des Labors glühten denn auch bei fast 500 Watt Impulsleistungsvermögen je Kanal nahezu im Takt auf, denn der große Vincent gehört zu den leistungsstärksten Vollverstärkern überhaupt.

Vincent Fernbedienung
Die mitgelieferten Fernbedienungsgeber aus Metall machen einen wertigen Eindruck. Beim SV-238 Mk ist sogar eine Einstellung der Balance möglich

Das bedeutet in der Praxis, dass Sie in den meisten Fällen lediglich den – klanglich vorteilhaften – Class A-Betrieb kennen lernen, denn 50 Watt sind bereits eine ganze Menge, erst recht, wenn man effiziente Lautsprecher sein Eigen nennt.  Übrigens funktionieren die meisten hochwertigen Verstärker nach diesem Prinzip, nur dass der Wechsel in den ökonomischeren B-Betrieb meist bereits bei ein oder zwei Watt, im Falle der hierfür bekannten Luxman-Vollverstärker bei Größenordnungen um immerhin fünf oder acht Watt stattfindet.

50 Watt erfordern entsprechende Wärmeableitungen und überdimensionierte Schaltungen, über die der SV-238 Mk von Haus aus verfügt. Sechzehn Leistungstransistoren stehen Gewehr bei Fuß, um mächtig Dampf machen zu können, für die Energieversorgung wurde ihm ein fast eimergroßer Ringkerntrafo spendiert. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde das Platinenlayout inklusive der Anordnung der Funktionsgruppen neu überdacht und optimiert. So war die Vorstufe beim „alten“ SV-238 relativ weit von den Eingängen entfernt positioniert.

Nun aber liegt sie unmittelbar an der Rückwand, also dort, wo die Signale andocken. Kurze Wege sind angesichts der kleinen Spannungen gerade an dieser Stelle des Signalpfades  mehr als sinnvoll. Das soll sich in einer höheren Reinheit auch hörbar auszahlen.
Um sich des empfindlichen Signals adäquat annehmen zu können, werden die Streufelder von Ringkerntrafo und Leistungsteil bei beiden Vollverstärkern beispielhaft abgeschirmt. Dabei konnte als willkommener Nebeneffekt der Trennwände zudem die Stabilität der Gehäuse auch gegenüber Mikrofonieeffekten enorm gesteigert werden.

Die verwendeten Eingangsmodule vom Typ „Amp-1“ sind bereits aus der Top-Vorstufe des Hauses Vincent, SA-93 plus, bekannt. Sie zeichnen sich durch eine sehr hohe Bandbreite, sprich Verarbeitungsgeschwindigkeit und enorme Rauscharmut aus. Die nächste Station ist die elektronische Lautstärkeregelung. Dann folgen die beiden – abgesehen vom Trafosolisten mit ebenfalls verbessertem Material – vollständig kanalgetrennten Leistungsblöcke. Auch diese Abfolge wurde verbessert, denn beim SV-238 ging es erst vom Lautstärkesteller in die Vorstufe. Natürlich ähnelt der „Mk“ aber seinem ebenfalls schon mit hochwertigsten Bauteilen wie MKP-Kondensatoren bestückten Vorgänger auf den ersten Blick stark, man muss schon näher hinsehen. ..weiter..

Rückansichten der Vollverstärker Vincent SV-266 und Vincent SV-238
Anschlüsse satt: Beim SV-226 Mk II (oben) ist rechts auch die Ferneinschaltung per Triggersignal zu sehen. Beide Amps bieten ihre Verstärkung sechs ­Hoch­pegelquellen und je zwei Lautsprecherpaaren an. Die Griffe am SV-238 Mk (unten) sind angesichts seiner knapp 30 Kilogramm Gewicht eine gute Idee
Vollverstärker Vincent SV-226 MKII

Profil

Vincent SV-226 MkII

um 1150 Euro
Maße: 43 x 16 x 43 cm (BxHxT)
Garantie: 2 Jahre
Vertrieb: Geko
Tel.: 02921/9694920
www.gekohifi.de

Transistor oder Röhre? Das Konzept, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen, geht auch hier auf und unterstützt die These, dass die Glühkolben an – mindestens – einer Stelle der Anlage dem Klangerlebnis durchaus gut tun können. Beim neuen Vincent 226 überzeugen darüber hinaus aber auch Ausstattung, Ver­arbei­tung/Haptik und nicht zuletzt der tolle Preis!

Labor

Der Hybrid-Vincent verfügt über erkleckliche Leistungsreserven. 2x110 Watt sind an acht, 2x186 Watt an vier Ohm dauerhaft drin, was für die meisten Fälle ausreichen dürfte, für kurze Impulse stehen gar 2x231 Watt bereit. Die Verzerrungswerte sind angesichts der verwendeten Röhrentechnik völlig in Ordnung, lediglich ein Dezibel unter Vollaussteuerung gehen die Werte von 0,047 auf 0,72 Prozent (Klirr) und von 0,18 auf 2,6 Prozent (Intermodulation) hoch. Der Rauschwert von 63 dB bei 50 Milliwatt ist ebenso etwas knapp wie die Kanaltrennung von weniger als 40 dB, während 83 dB Rauschabstand bei fünf Watt satt im grünen Bereich liegen. Die obere Grenzfrequenz liegt etwas unterhalb von 110 Kilohertz, der Ausgangswiderstand von 17 Milliohm ist superb, ebenso die ­Über­steuerungsfestigkeit jenseits von zehn Volt. Der Amp verbraucht im Leerlauf 40 Watt.

Ausstattung

Fernbedienung, überbrückbare Klang­regelung (jedoch ohne ­Balance) und Loudness, sechs Hochpegel­eingänge Cinch, je einmal Rec und Pre Outs (sinnvoll für Bi-Amping/Subwoofer), Kopfhörerausgang, zwei Paar Lautsprecherausgänge, das Netz­kabel ist sinnvollerweise – wie auch beim größeren Modell SV-238 Mk – gegen einen höherwertigen Typ auswechselbar.

Stichwort

Class A-Betrieb

Bei dieser Betriebsart arbeitet die Verstärkerschaltung mit hohem Ruhestrom und ohne die sonst üblichen Übernahmeverzerrungen (Gegentakt), aber mit hoher Verlustleistung.