Sie sind hier: HiFi-Test / Lautsprecher / Standboxen / Pioneer S3-EX
28.07.2014

Test: Standlautsprecher Pioneer S3-EX

Grösser = besser?

Mit der S-3 EX bringt Pioneer einen weiteren Spross seiner
EX-Lautsprecherlinie auf den Markt, der sich mit seiner ­anspringenden Art spürbar vom Top-Modell der Serie absetzt

Pioneer S-3 EX Großansicht

Von Carsten Barnbeck

Die größeren Modelle einer Produktfamilie werden von uns im Regelfall auch über ihren Geschwistern eingestuft. Das kann mal am gesteigerten Materialaufwand liegen, dann wieder an ihrer diskreteren und hochwertigeren Technik oder schlicht an einer höheren Verstärkerleistung, die noch mehr Feindynamik he­rauskitzelt.

Ein Umstand, den wir parallel dazu aber immer wieder beobachten ist, dass eben jene objektive Überlegenheit – die sich meist weder diskutieren noch abstreiten lässt – nicht zwangsläufig die bedingungslose Unterlegenheit des kleineren Modells bedeutet. Nicht selten hat ein Testgerät Charakterzüge, die es – ganz nach individuellem Geschmack – sogar über seinen Familienprimus heben –, auch wenn das Testergebnis davon unberührt bleibt.
Pioneers S-3 EX ist ein treffendes Beispiel für eine solche Ausnahmeerscheinung: Ihre große Schwester, die S-1 EX (um 7600 Euro, Test in STEREO 9/06) ist nicht nur konstruktives Vorbild, sondern definitiv auch der überlegene Standlautsprecher und hat einen verdienten prozentualen Abstand in unserem Testspiegel. Diesen Vorspung erarbeitet sich die stattliche 66-Kilo-Box durch ihre ungemein präzise Abbildung, eine wahrhaft unbestechliche Basskontrolle und jene nuancierten und ausbalancierten Klangfarben, die sie nicht nur zur realen Gefahr für sämtliche Mitbewerber, sondern auch zu einem unserer beliebtesten Arbeitsgeräte machen.

Die nagelneue S-3 EX hat angesichts von knapp 2600 Euro Preisunterschied ziemlich viel von diesen Tugenden geerbt. Auch sie ist als Dreiwege-Lautsprecher aufgebaut und verfügt über jenen Koax-Hoch-Mitteltöner, der mit seinem Magnesium-Konus und der darin eingebetteten 30-Millimeter-Kera­mik-Gra­phit-Kalotte für eine angenehm plastische, kristallklare und vor allem sehr präsente Mitten- und Obertonabbildung sorgt. Die beiden Bässe haben einen Durchmesser von je 19 Zentimetern und werden von einer großen Bassreflexöffnung, die ebenfalls in der Schallwand sitzt, unterstützt.

Koax-Chassis einer Pioneer S3-EX
Der Magnesium-Mitteltöner des Koaxtreibers ­benötigt einige Einspielzeit, klingt danach aber sehr geschmeidig und nuanciert

Zur Optimierung von Abbildung und Timing sind alle Treiber in einem sanften Konkavbogen angeordnet, den die dicke, schwingungsberuhigte Front beschreibt. Abschließend – das gehört schließlich zum guten Ton – ist der Innenraum der Pioneer schon durch seine bloße Formgebung bestens gegen stehende Wellen gewappnet.

Hinsichtlich der Standfestigkeit ist Pioneers Neue ihrer großen Schwester sogar überlegen: Während die S-1 auf vier Füßen ruht, dienen die beiden hinteren „Ausleger“ hier lediglich als Kippschutz. Die S-3 steht auf drei Spikes und gibt sich damit auf unebenen Böden unkomplizierter.

Beiden Modellen ist gemein, dass sie unproblematisch sind. Auch die Kleine kommt mit praktisch jedem Verstärker zurecht, stellt keine übermäßigen Forderungen an die Leistung und ist somit unter anderem der ideale Spielpartner für hochklassige Röhrenamps. Aller­dings verlangt sie Auslauf. Es sollte sich von selbst erklären, dass man zwei 48-Kilo-Kolosse nicht in der Besenkammer aufstellt.

Klanglich zeichnen sich die massigen Lautsprechertürme insbesondere durch ihre äußerst lebendigen und glaubwürdigen Farben und die enorm große, bestens durchorganisierte und konturenscharfe Bühne aus. Die Höhen bieten eine hervorragende Auflösung und vermitteln viele Details. Sie bleiben selbst bei hohen Lautstärken stets mild und geschmeidig.

In den tiefen Lagen dominiert dagegen die pure Energie. Die Dreier konnte gehörigen Schub in unseren Hörraum pusten und vermittelte den Zuhörern eine kompromisslose Vorstellung davon, was die Worte „Punch“ und „Druck“ bedeuten. Das Ganze geschieht allerdings auf klanglich sehr hohem Niveau und wirkt niemals aufgesetzt oder künstlich. Kein Wunder, denn zur Endabnahme musste sich auch die neue Pioneer-Box den kritischen Ohren von Toningenieuren der Londoner Air-Studios stellen. Und die hätten eine Loudness-Charakteristik nach „Bumm-Zisch-Manier“ wohl nie zugelassen.

Genau an dieser Stelle – bei den anmachenden Kraftreserven einer S-3 EX – schließt sich der Kreis: Die S-1 ist in den unteren Lagen spürbar kultivierter, sie musiziert straffer und ist neutraler wie nüchterner abgestimmt. Die S-3 packt unter 150 Hertz deutlich beherzter zu, verliert dadurch zwar etwas an analytischer Präzision, gewinnt jedoch an Anmachfaktor und Spielfreude.

Ein „größer = besser“ mag bei diesen äußerlich wie innerlich so ähnlichen Geschwistern also wie gewohnt zutreffen. Bezogen auf die persönlichen Vorlieben kann es aber ohne weiteres sein, dass die lebhafte S-3 die bessere Wahl darstellt. Über Geschmack kann man ja bekanntlich streiten.

Standfuß einer Pioneer S3-EX
Die beiden „Fuß-Ausleger“ am hinteren Ende der Pioneer dienen nur als Kippschutz. Die S-3 EX steht auf einem mittig angeordneten Spike

Profil

Pioneer S3-EX

Paar um 5000 Euro
Maße: 35 x 122 x 54 cm (BxHxT)
Garantie: 2 Jahre
Vertrieb: Pioneer
Tel.: 02154/9130

www.pioneer.de

Fazit

Pioneers jüngster Lautsprecher-Nachwuchs beweist, dass sich ein hoher musikalischer Anspruch, Spielfreude und eine fantasti­sche Raumabbildung wunderbar unter einen Hut bringen lassen. Die S-3 EX hat wie die große Schwester das Potenzial zum „Eck­pfeiler“ in ihrer Preisklasse und braucht dank ihrer enormen Natürlichkeit den Vergleich mit keinem Mitbewerber zu scheuen. Materialaufwand und Verarbeitungsqualität sind sehr hoch.

Labor

Auch messtechnisch ist die Verwandtschaft zwischen S-1 EX und S-3 EX unverkennbar. Der Frequenzgang sieht fast aus wie mit dem Lineal gezogen und reicht bis etwa 40 Hertz hinab. Ab fünf kHz kommt eine leichte Welligkeit ins Spiel, der bei einer Achsabweichung von 30 Grad (gestrichelte Linie) jedoch kaum ins Gewicht fällt. Gerade in den Raum ausgerichtet klingt die Pioneer tatsächlich auch etwas dunk­ler und noch stimmiger. Der Impe­danzverlauf ist unkritisch, und die Sprung­antwort geht in Ordnung, mit der enormen Zeitrichtigkeit ihrer Schwester kann es die S-3 EX aufgrund des verzögerten Basses aber nicht aufnehmen.

Frequenzgang
Sprungantwort

Stichwort

Koax
Beim Koaxchassis der S-3 EX sitzt der Tweeter im Zentrum des Mitteltöners, so dass beide Systeme gemeinsam eine punktartige Schallquelle bilden, was insbesondere die Raumabbildung fördert.

Im Bild erkennt man gut, dass Pioneers S3-EX (rechts) nur etwas kleiner ist als ihre große Schwester, die S1-EX (links). Letztere hat allerdings rundere und ausladendere Formen, was ihr spürbar mehr Gehäusevolumen einbringt