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24.07.2014

Klassiker: Tuner Marantz ST-7/ST-8

Der Zyklop

Marantz-Tuner mit „Oszilloskop-Auge“ sind sehr gesuchte Oldies. Sie ­zählten in Europa gewiss nicht zu den empfangsstärksten, aber schöns­ten und haptisch wie klanglich interessantesten Geräten ihrer Zunft

von Tom Frantzen

Auch in Sachen UKW-Tuner genießt der in Amerika geborene und später gewissermaßen nach Europa und vor allem nach Japan ausgewanderte Hersteller Marantz einen Ruf wie Donnerhall.

Mitte der 60er Jahre erschien mit dem legendären Röhren­tuner 10B der wohl bekannteste und am meisten gesuchte Marantz-Empfänger. Weitaus weniger exotisch und hinsichtlich der bei alten Tunern praktisch unausweichlichen Wiederaufbau-, zumindest aber Wartungsarbeiten unproblematischer folgt auf Platz 2 der Be-liebtheitsskala bereits der hier besprochene. Der heiß begehrte Marantz-Tuner ST-8 – in der raren, schwarzen Version heißt er ST-7 – erschien 1979, also während der so genannten „Superscope“-Ära und damit noch unter großem amerikanischen Einfluss.

Er war Bestandteil der „Esotec“-High End-Serie, die mit beträchtlichem Aufwand die audiophile Marantz-Seite betonen sollte. Immerhin kostete der ST-8 bei Markteinführung 750 und der schwarze ST-7 650 US-Dollar. In Deutschland stand der helle Marantz mit 2200 Mark in der Preisliste und damit zugleich als Gegner für Kenwood KT-917, Revox B 760, Sansui TU-X1 und Yamaha T2 fest.

Dabei knüpften beide Marantz-Tuner technisch an die optisch etwas weniger opulenten, ein bis zwei Jahre älteren Tuner der „normalen“ Baureihe 2100 an, in diesem Fall konkret an den nahezu baugleichen 2130 (600 Dollar).

Tuner Marantz 10B
Der Röhrentuner Marantz 10B – natürlich ebenfalls mit Oszilloskop – ist der legendäre Urahn

Dessen Oszilloskop war im Gegensatz zur veredelten Esotec-Version mit rundem Auge eckig eingefasst, und er musste auf fixe, sprich zusätzliche, nicht lautstärkegeregelte Ausgänge verzichten. Dafür hatte der 2130 – heute unwichtig – Dolby an Bord, was bekanntlich bei UKW dann doch nie zum Einsatz kam. Das Gerücht, ein defektes Oszilloskop sei für einen alten Marantz häufig ein K.O.-Kriterium, muss Audiotronic, Marantz-Werkstatt in Heidelberg (www.audiotronic-service.de), leider bestätigen. Wer aber ein entsprechendes Problem hat, der wende sich trotzdem dorthin.

Wer sich alternativ zum Esotec ST-7/8 für die günstigeren, weil auch in größeren Stückzahlen gebauten 2100er interessiert, sollte übrigens den erheblich empfangsstärkeren 2130 statt der kleineren, mit weniger Abstimmkreisen ausgestatteten Modelle 2100/ 2110 (mit Oszilloskop)/ 2120 wählen. Diese werden – rein technisch gesehen – aufgrund ihres attraktiven Äußeren und der Ähnlichkeit zu den Spitzenmodellen gelegentlich überschätzt und entsprechend in Internet-Auktionen auch mal zu teuer erworben.

Der schwarze ST-7 wurde im Hinblick auf die Technik-Fans im professionellen Studiodesign mit Rackgriffen ausgeliefert, während sich der ST-8 mit seiner anodisierten, gold-champagner schimmernden Front und einem recht massiven Gehäuse aus Walnussholz eher an den Augenmenschen und Wohnästheten wandte.

Rückansicht eines Marantz ST-7
Das Heck bietet neben fixen und variablen Aus- und Antenneneingängen auch Justagemöglichkeiten fürs Oszilloskop

Ähnlich wie bei den handverlesenen schwar­zen Accuphase-Geräten wurde der ST-7 sehr wenig verkauft. Die typische Klientel wollte ihr Gerät eben im traditionellen Champagner-Look. Das macht den ST-7 aber andererseits zur sehr seltenen Ausnahmeerscheinung auf dem Gebrauchtmarkt.

Die Ausstattung mit einem kleinen Oszilloskop für die Senderabstimmung (Ratiomitte, Signalstärke, minimierter Mehrwegeempfang usw.) war mehr als ein attraktives Gimmick, für viele Fans war dieses Feature gar kaufentscheidend. Es ist natürlich auch als Hommage an den legendären, bereits genannten Röhren-Tuner 10B zu verstehen, dessen Entwicklung wir Richard Sequerra verdanken.

Und es kann zudem weitaus mehr als nur zur Sendersuche herangezogen zu werden, denn es erfüllt auch andere Diagnoseaufgaben im Audiobereich.

Die meisten „Super-Tuner“ dieser Zeit, etwa   die der Firmen    Kenwood, Klein+Hummel, Revox oder Sansui, lassen den Anschluss an ein Oszillo­skop nicht nur zu, sondern verfügen eigens für diesen Zweck über entsprechend gekennzeichnete Ausgänge.

Marantz hat das interessante Messgerät aber konsequenterweise (wie auch SAE bei mindestens einem Modell sowie Sequerra in eigenen Tunern) gleich eingebaut und damit etwas ersetzt, was viele bewusst oder unbewusst vermisst hatten: das von Röhrenempfängern bekannte „magische Auge“. Das kleine Oszilloskop steht dank entsprechender Eingänge auch externen Geräten zur Verfügung und ist beileibe kein Spielzeug!

ST-7/8 sind 5-Gang-Tuner, verfügen also über fünf UKW-Abstimmkreise (für Mittelwelle sind es drei) mit als rauscharm beworbenem Dual Gate-MOS FET-Frontend samt LC-Filtern sowie einem „Surface Acoustic Wave“-Filter. Laut Fmtunerinfo (siehe Links) besaß der 2130 davon sogar zwei.

Marantz Oszilloskop

Das Abstimmrad namens „Gyro Touch“ ist bedienungstechnisch ein Gedicht. Die den eingestellten Sender elektronisch arretierende Quartz-Lock-Schaltung gibt ihn bei Berührung dieses horizontal eingelassenen Rades zur Neu- oder Feinabstimmung frei. Ferner gibt es eine umschaltbare Bandbreite, eine variable Mutingschwelle, die Zwischenfrequenzrauschen und leise Sender unterdrückt, einen für die variablen Ausgänge zuständigen Lautstärkesteller sowie einen Pegeltongenerator zwecks leichterer Aussteuerung von Tonbandaufnahmen.

Gebraucht durchbricht der ST-7 nicht selten auch die 1000-Euro-Schallmauer noch recht deutlich, wenngleich sich die UKW-Tuner-Preise derzeit etwas beruhigen. Das – gleichwohl fast sicher unzutreffende – Szenario einer UKW-Abschaltung in den nächsten 10-15 Jahren sorgt wohl dafür. Wie soll ein anderes System so schnell 90 Prozent der Haushalte abdecken und zugleich mehrere Hundert Millionen Empfangsgeräte ablösen? Eben.

Doch zurück zum Marantz: Der ST-7 hält klanglich, was er hinsichtlich des Empfangs als amerikanischer Tuner unter den ganz andersartigen europäischen Senderverhältnissen eher verspricht. Wir konnten ihm in den vergangenen Jahren gleich mehrfach lauschen und dürfen ihm eine sehr gute Klangqualität attestieren.

Das gilt erst recht – und mit entsprechender Steigerung für den Empfang – bei Überholung und Neuabgleich durch eine Fachwerkstatt.

Profil

Marantz ST-7 Schwarz
Marantz ST-8 Champagner

UKW/MW-Drehkondensator-Tuner mit manueller Gyro Touch-Abstimmung und integriertem Oszilloskop

Neupreis 1980 um 2200,- DM
relativ selten (schwarz sehr selten), gesucht

Die Fachpresse

Die „Oszis“ wurden nahezu regelmäßig getestet

So schrieb der Kollege Peter Lanzendorf in Hobby 7/1980 zum Marantz ST-8 (im Test gegen Braun TS501, Klein+Hummel FM 2002, Revox B 760, Sansui TU-X1 und Yamaha T2 von einem „Klangmeister“: „Marantz hatte schon immer Probleme, die fragwürdigen Ansprüche an den ­Fern­empfang zu befriedigen. Doch wer beispielsweise in Frankfurt HR3 vom Feldberg und nicht vom für Kassel zuständigen Sender Hoher Meisner empfangen will, der bekommt eine erstklassige Klangqualität. Mehr als eine Spielerei ist das eingebaute Oszilloskop zur Senderabstimmung und zur Darstellung aller anderen HiFi-Signale.“

AUDIO ging im März 1980 bei verblüffend ähnlichem Testfeld etwas härter mit dem Marantz ins Gericht, da er beim Empfangstest mit sieben von 13 möglichen sauber empfangenen Stereo-Stationen unterdurchschnittlich abschnitt: „Doch auch bei Angeboten, die deutlich unter den veröffentlichten Preisangaben liegen, muß AUDIO bei zwei Tunern vom Kauf abraten: Luxman 5T10 und Marantz ST-8... Obwohl sein integriertes Oszilloskop sicher manchen Technikfan anspricht, konnte der Tuner gegen die starken Konkurrenten technisch nicht bestehen."

Zum sehr bauähnlichen Marantz 2130Q nahm HiFi-Stereophonie (im Testjahrbuch ‘80/’81) wie folgt Stellung: „Die Eingangsempfindlichkeit ist in allen Punkten sehr gut, was sich in der Bewertung mit 8 Punkten ausdrückt... Die Werte aus dem Bereich der Wiedergabegüte verdienen durchweg das Prädikat ausgezeichnet... Im breitbandigen Betrieb wird sogar die Höchstwertung von 10 Punkten spielend erreicht... Ein nicht ganz so gutes Ergebnis lieferte die Messung der Trennschärfe. Die Selektionskurven zeigen, daß das Gerät für schwierige Empfangsverhältnisse nicht ausreichend schmalbandig ist... Die Stärke des Marantz liegt demnach zweifellos in seiner hochwertigen Klangqualität bei der Wiedergabe ungestört zu empfangender Ortssender.“

Das hat der Marantz übrigens mit einigen anderen amerikanischen und japanischen Spitzen-Tunern aus jener Zeit gemein.

So unterschiedlich auch unter dem Strich die Gewichtung der Empfangseigenschaften für das jeweilige Endergebnis, so einig sind sich die diversen Tester also in Sachen Wiedergabequalität, die finden allesamt spitze. Da das Großsignalverhalten gut ist, ist der Marantz recht kabeltauglich.

Die Firma Audiotronic in Heidelberg bestätigt leider, dass ein defektes Oszilloskop irreparabel ist
Der Marantz ST-7 ist noch ein waschechter Drehkondensator-Tuner mit manueller Senderabstimmung
Das eingebaute Oszilloskop – beim ST-7 und 8 rund, bei der 2100er-Reihe eckig – ist der absolute Blickfang