Klassiker: Vorstufe Audio Reserch SP-15
Hybride Zentrale
Obgleich sich bei Audio Research Ende der 80er Jahre Röhrentechnologie nur noch im Phonoteil findet, galt – und gilt – die SP-15 für den damaligen Neupreis von 18500 Mark als eine der besten Vorstufen der Welt
von Tom Frantzen
Bill Johnson, seines Zeichens Chef und Entwickler der Edel-Verstärkerschmiede Audio Research aus Minnesota, verließ mit der 1988 präsentierten Vorstufe SP-15 erstmalig konsequent den lange für den einzig gültigen Königsweg gehaltenen Röhrenpfad. Und traf damit zunächst durchaus auf Skepsis. Was, so die Fangemeinde, solle man wohl an einer erst vor Jahresfrist vorgestellten und überragend klingenden SP-11mkII noch verbessern können? Erst recht durch weitestgehenden Wegfall der heiß und innig geliebten Glühkolben?
Nun, es war offenbar der komplette Hochpegelteil, den Johnson da im Sinn hatte. Lediglich die Phonostufe mit drei vereinsamten ECC 88-Doppeltrioden blieb abgesehen von einer sinnvollen Umplatzierung weitgehend unangetastet – und das vor allem, weil diese legendäre Spanngitterröhre neben ihrer Rauscharmut und Breitbandigkeit ein überlegenes Großsignalverhalten an den Tag legte.
Dass sich gerade die ECC 88 als Treiberröhre enormer Beliebtheit erfreut, ist kein Zufall, sie hat einen klanglichen Ruf wie Donnerhall und ist, nebenbei bemerkt, auch etwa bei Octave zu finden.
Ansonsten schien schließlich auch der äußerst renommierte amerikanische Audio-Guru, an dessen Kreationen sich der Wettbewerb nicht selten messen lassen musste, der Halbleitertechnologie sein Vertrauen zu schenken. Vor allem die Feldeffekt-Transistoren, kurz FET, denen etliche Entwickler röhrenähnliche Eigenschaften nachsagen, hatten es ihm angetan. Sie traten ja auch beispielsweise schon bei Luxman auf breiter Flur die Nachfolge der Glaskolben an.
Im Ein- und Ausgang des eher dezent weiterentwickelten SP-11-Phonoteils etwa sitzen bei der SP-15 besonders rauscharme Transistortypen, im Hochpegelteil verdrängten nun die dynamisch überlegenen Hochvolt-FETs die gläsernen Kollegen vollends. Dank der doppelten Auslegung der höchst potenten Ausgangsstufe sind neben einer schaltbaren Phasenumkehr auch symmetrische Anschlüsse für die anzusteuernde Endstufe kein Problem. 65 Volt Ausgangsspannung übertreffen selbst die aktuelle Lua-Röhrenvorstufe No.7 deutlich, die bereits mit 46 Volt mehr als verblüffte. Das dürfte theoretisch sogar für Lautsprecher reichen...
Natürlich bildete die ebenfalls zweiteilige SP-11/SP-11mkII die Basis für die 15er. Röhren und Halbleiter im kongenialen Team, das hatte es ansatzweise schon bei den Vorgängern gegeben, aber keine komplett glasfreie Verarbeitung von Hochpegelsignalen. Kein Sakrileg, keine Sensation eigentlich, sondern reiner Pragmatismus. Es gibt eben einerseits Aufgaben, die sich mit Röhren und solche, die sich mit Transistoren einfach besser lösen lassen, auch wenn diese Erkenntnis zuvor noch nicht erkennbar oder noch nicht ausgereift genug war. Auffallend dagegen ist sowohl der geradezu verschwenderisch anmutende Einsatz von Folienkondensatoren (Wonder-Caps) sowie die Bevorzugung direkter Kabelwege gegenüber Leiterbahnen über die Platinen. Das Innere dieser Vorstufe beeindruckt.
Die Auslagerung der Stromversorgung, praktiziert nur bei den Audio Research-Topmodellen, ist bei der Verarbeitung von Kleinstsignalen stets von Vorteil. Zumal der Ringkern im externen Netzteil von durchaus üppiger Dimensionierung ist und wiederum auch einem kleinen Vollverstärker durchaus gut zu Gesicht stünde. Immerhin gibt sich das ohnehin streufeldarme Teil in einer Ecke an der Gehäusewand so unscheinbar wie nur möglich. „High Definition Preamplifier“ prangt es denn auch selbstbewusst unter dem Impedanzwahlschalter für die Phonostufe.
Ein kleines „R“ verrät sogar, dass zumindest der Versuch stattgefunden haben muss, sich diesen Begriff schützen zu lassen. Heute ist man 20 Jahre weiter und „High Definition“ in den allgemeinen Technik-Sprachgebrauch übergegangen, man denke an HDCD, Flachbild-TV, Digitalfotografie und Projektion.
Eine Übertreibung ist es jedenfalls keineswegs. Im Zusammenhang mit diesem Klassiker-Artikel hatten wir ausgiebig Gelegenheit, die SP-15 mit den Zuspielern Kuzma Reference und Oracle CD in Bi-Amping-Konfiguration an zwei Classic 250-Endstufen von PS Audio und großen Duntech Sovereign zu hören.
Und ich muss sagen, das war auch für mich langgedienten STEREO-Redakteur ein großartiges und unbedingt wiederholungsbedürftiges Erlebnis der Extraklasse. Durchsichtigkeit, Klangfarben, Kraft und Kontrolle von den untersten Registern bis hin zu den feinsten Schwebungen, Ober- und Zwischentönen. „Brutalstmögliche“ Trockenheit bei Schlagzeugattacken und zart-seidiger Schmelz bei Frauengesang sowie eine umwerfende Räumlichkeit, vor allem in die Tiefe. Es fehlt an rein gar nichts.
Auffallend gut funktioniert hier die Energiebalance. Es gibt pfeilschnelle und ungemein klare Vorstufen, die dafür die unterste Oktave verschweigen oder nicht mit entsprechender Autorität reproduzieren, andere wiederum, die mit mächtig Schub vorpreschen, es dafür aber gleichermaßen an Transparenz und Temperament vermissen lassen, stattdessen wohlwollend abrunden. Hier aber kommt die vollständige Information ‘rüber, ohne Weichzeichner. Zensur findet nicht statt. Schlechte Aufnahmen klingen schlecht, gute gut und ausgezeichnete eben ausgezeichnet. So einfach kann das zuweilen sein. Okay, man möchte dann auch lieber auf Kim Wildes kompressionsradiooptimierte Greatest Hits verzichten, nicht aber auf Norah Jones.
Die SP-15 war und ist eine höchstgradig charismatische, ehrliche und musikalische Vorstufe. Gut möglich, nein, fast sicher, dass sie bei einer Umfrage unter den Fachjournalisten dieser Welt einen Stammplatz unter den All-Time-Favourites ergattern würde.
Wem eine SP-15 auch gebraucht noch zu kostspielig ist – gut erhaltene Exemplare dürften kaum unter 3000 Euro zu bekommen sein, da Legenden selbst nach langer Zeit selten deutlich unter ein Drittel ihres ehemaligen Neupreises fallen –, der sollte sich mal bei den kleineren Modellen umschauen, beispielsweise der SP-9, SP-10 oder SP-14.
Pressestimmen
Großer Test in STEREO
Reinhard Wendemuth hat die SP-15 im Januar 1989 begutachtet
Auch äußerlich wirkt der SP-15 wertvoller als ein Vorgänger. Seine dickere, polierte Frontplatte ist in Schwarz oder im klassischen Grau erhältlich. Sie signalisiert selbst dem Laien, dass sich etwas Besonderes hinter ihr verbirgt. Das spannendste Kapitel unserer Untersuchungen begann mit dem Hörtest. Im entscheidenden Match gegen seinen phantastischen Vorgänger SP-11mkII musste der Newcomer SP-15 seine Weltklasse beweisen. Wir waren sicher, dass es kein leichtes Spiel würde, denn schließlich hatte der alte Spitzenvorverstärker von Audio Research im letzten Jahr viele Triumphe gefeiert.
Deshalb waren wir schließlich überrascht, wie einfach sich der SP-15 durchsetzte. Die kleinen Schwächen, die uns beim SP-11 in den vielen Vergleichen aufgefallen waren, sind ihm unbekannt. Dafür verfügt er aber über dieselben Stärken.
Zuerst beeindruckte uns die überlegene Dynamik des neuen Stars. In diesem Punkt hatte die mkII-Version den ursprünglichen SP-11 bereits übertroffen. Ihre Schnelligkeit war überdurchschnittlich. Der SP-15 besitzt die Sprintfähigkeiten eines Champions.
Zweitens gelingt ihm eine noch höhere räumliche Auflösung mit klareren Konturen. Er leuchtet den Raum genauso tief aus wie sein Vorgänger, wirkt aber insgesamt noch breiter. Am deutlichsten macht sich die gesteigerte Präzision in bassstarken oder lauten Passagen bemerkbar. Frühere Transistorverstärker erkauften ihre Abbildungsschärfe häufig mit einem zu schlanken, wenig körperlichen und kaum luftigen Klang. Da der SP-15 diese Fehler nicht kennt, ist er an Natürlichkeit zurzeit kaum zu übertreffen.
Besonders erfreulich ist auch, dass der neue Vorverstärker von Audio Research einen leiseren Rauschuntergrund besitzt und mit leisen Tonabnehmern besser harmoniert ... Bill Johnson ist der Grand Slam gelungen. Zum vierten Mal hintereinander setzt er den Maßstab, an dem sich die Konkurrenten orientieren müssen. Fazit: Klanglich ist der neue SP-15 eine Klasse für sich. High End. Drei von drei Sternen.“







