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30.07.2014

Cassettendeck Nakamichi 1000 ZXL

Das Über-Deck

Es war wohl das teuerste Cassettendeck aller Zeiten, mit Sicherheit aber das ­luxuriöseste und das innovativste seiner Zeit: Nakamichis „Computing Cassette Deck“ mit Einmessautomatik für alle wichtigen Parameter

von Ulrich Wienforth

Nein, es gab noch ein teureres Modell: das Nakamichi 1000 ZXL „Limited“ mit goldbeschichteter Front. Aber schon die Standardausführung dieses Decks kostete mit 7500 Deutsch­mark „so viel wie ein Kleinwagen,“ wie Kollege Michael Trömner damals in STEREO schrieb. Jaja, Autos sind verdammt teuer geworden in den letzten 30 Jahren...

„Computing Cassette Deck“ – bei diesem Begriff müssen Technik-Freaks damals leuchtende Augen bekommen haben. Denn unter „Computer“ stellte man sich Anfang der Achtziger riesige Rechenzentren vor, in denen wuchtige Magnetbandspulen rotierten. Der Mikroprozessor war ja gerade erst erfunden worden, und die Herren Gates und Jobs bastelten noch in der Garage.

Streitpunkt Wiedergabefrequenzgang: Die leichte Anhebung oberhalb 1 kHz war typisch für Nakamichi-Decks. Selbst bei Monowiedergabe, wie hier im Diagramm, stehen die Höhen sehr stabil. Beschriftet wurde damals noch von Hand

Was hatte nun ein solcher Computer in einem Cassettendeck zu suchen? Er tat das, was Nakamichi immer tat, wenn Präzision allein nicht weiterhalf: Wenn Toleranzen der Medien, auf die man als Gerätehersteller keinen Einfluss hat, zu klanglichen Einbußen führen, dann müssen diese Toleranzen eben durch automatische Regelsysteme ausgebügelt werden. Nach diesem Motto hat Nakamichi Exzentrizitäten von Schallplatten kompensiert, und beim Cassettendeck wurden Vormagnetisierung, Aufnahmepegel und -entzerrung an das eingelegte Band angepasst.

So müssen höhenarme Bänder mit geringerer Vormagnetisierung gefahren werden, unempfindliche Bänder brauchen eine höhere Aufnahmeverstärkung, damit die Pegelverhältnisse des Dolby-Systems nicht aus dem Ruder laufen, und um den Frequenzgang noch perfekter einzuebnen, wurden Stellschrauben im Aufnahmeentzerrer justiert.

Mit seinen getrennten Tonköpfen, die Hinterbandkontrolle während der Aufnahme erlaubten, bot das Nakamichi-Deck die ideale Voraussetzung für computerisiertes Einmessen. Es zeichnete Töne verschiedener Frequenzen auf, gab sie über Band wieder und maß deren Pegel.

Azimut-Stellmotor (schwarz) mit Bowdenzug (blau). Das Kabelgestrüpp war damals bei Geräten aus Japan üblich

Nun war das automatische Einmessen zu jener Zeit nicht völlig neu. Auch andere Hersteller verwendeten dieses Prinzip – aber keiner mit der Perfektion eines Nakamichi 1000 ZXL. An insge-samt vier Stützfrequenzen wurde der Frequenzgang in die Zange genommen: Die Vormagnetisierung wurde auf identische Pegel bei 400 Hertz und sieben Kilohertz justiert und dann die Aufnahme-Entzerrung bei 2,4 und 20 kHz abgeglichen. Nakamichi garantierte für sämtliche Markenbänder eine Frequenzgangabweichung von maximal ±0,75 dB! Die vom Computer ermittelten Werte konnten für verschiedene Bandtypen gespeichert werden. Nakamichis Vertrauen in den Einmesscomputer ging so weit, dass er sogar die Bandsortenklasse (Eisenoxid, Chrom, Metall, etc.) selbstständig ermittelte. Sie wurde weder manuell vorgewählt noch automatisch anhand der Kennlöcher im Cassettenrücken abgefragt.

Wichtige Voraussetzung für zuverlässiges Einmessen war ein weiteres Automatiksystem, das Nakamichi schon 1979 beim Vorläufer 680 ZX vorgestellt hatte: Es nannte sich „Auto Azimuth Alignment“ und war in der Lage, über einen Stellmotor den Kopfspaltwinkel des Aufnahmekopfes zu justieren. Denn Nakamichi verwendete keine Doppelköpfe, sondern separat taumelbare Tonköpfe für Aufnahme und Wiedergabe. Weil aber unpräzise Cassettengehäuse das Band mitunter auf einer leicht gekrümmten Bahn über die Köpfe führen, können selbst bei exakter Parallelstellung des Aufnahme- und des Wiedergabekopfspaltes Azimutfehler entstehen – und die Höhen ba­den gehen. Deshalb also die automatische Justage vor der Aufnahme. Dazu zeichnete das 1000 ZXL einen 400-Hz-Ton auf und justierte den Sprechkopf auf minimalen Phasenfehler zwischen linkem und rechtem Kanal.

Das Allerheiligste: separat montierte Tonköpfe für Aufnahme und Wiedergabe mit automatischer Azimutjustage des Aufnahmekopfes

Tatsächlich waren Azimutfehler die gefährlichsten Höhenkiller des Cassettensystems – vergleichbar mit einem unscharf eingestellten Objektiv beim Fotografieren oder bei der Dia-Projektion. Nicht umsonst arbeiten moderne Diaprojektoren mit einer automatischen Schärfenachregelung, die eingreift, falls sich das Dia wirft oder sich in seinem Magazinfach bewegt. Genau diese Art von Regelautomatik hat Nakamichi schon Anfang der Achtziger beim Cassettendeck realisiert. Allerdings beschränkte sich die Azimutkorrektur beim 1000 ZXL noch auf den Aufnahmekopf – sie konnte also nur bei Eigenaufnahmen wirken, nicht bei Wiedergabe fremdbespielter Cassetten. Den Wiedergabekopf anhand des Musiksignals ins Lot zu bringen, ganz ohne Testtöne, war dem Nakamichi Dragon vorbehalten, der 1982 auf den Markt kam.

Nicht nur die Azimutkorrektur, sondern auch das Antriebskonzept hat der 1000 ZXL weitgehend vom Vorgänger 680 ZX übernommen. Es handelt sich um einen ausgeklügelten Dual-Capstan-Antrieb, der das Band im Tonkopfbereich von den Ruckelkräften der Bandwickel entkoppelt und einen definierten Bandzug herstellt. Deshalb konnte Nakamichi auf den Andruckfilz der Cassette verzichten und drückte ihn mit einem Abweisblech vom Tonkopf weg. Denn Andruckfilze bringen das Band ebenfalls zum Ruckeln – es entsteht das so genannte Modulationsrauschen, das Stimmen rau und Klavieranschläge belegt klingen lässt. Die filzfreie Wie­dergabe ist sicherlich einer der Schlüssel für die legendäre, überragende Klangqualität der Nakamichi-Decks.

Ein Feature des 680 ZX hat Nakamichi beim 1000er nicht übernommen: die alternative Bandgeschwindigkeit 2,4 cm/s. Dank der aufwändigen Regelsysteme hätte sich dieses Deck sicherlich das halbierte Tempo leisten können, aber man munkelt, dass damals Philips als Lizenzgeber des Cassettensystems gegen die zweite Geschwindigkeit interveniert hat, um eine Zersplitterung des Standards zu verhindern. Immerhin ließ sich beim 1000er die Wiedergabetonhöhe in gewissen Grenzen variieren.

Ein Traum von einer Aussteuerungsanzeige: 2x56 Leuchtsegmente haben wir gezählt. Ein Mischpult für Line und Mikrofon ist integriert

Was beim 1000 ZXL wie bei keinem anderen Deck faszinierte, waren die riesigen Laufwerkstasten mit ihren verschiedenen Formen und den aufleuchtenden Farben. Das gab’s sonst allenfalls bei Studio-Bandmaschinen. Profi-like auch die Cue-Funktion: Mithören beim Umspulen mit verringerter Geschwindigkeit, bis die gewünsch­te Stelle silbengenau gefunden ist. Und das intelligente Memory stoppte aus dem Schnelllauf nicht einfach beim Passieren der Nullmarke, sondern rangierte das Band exakt dorthin.

Eine weitere Nakamichi-Spezialität war „RAMM“: Random Access Music Memory. Dabei wurden während der Aufnahme in den Pausen 5-Hz-Codes mit der Nummer des jeweils folgenden Titels aufgezeichnet. Später bei der Wiedergabe konnte man eine beliebige Titelfolge programmieren – so wie das einige Jahre später beim CD-Spieler selbstverständlich war. Außerdem wurden in den Codes noch Informationen über Entzerrung und Rauschunterdrückungssystem gespeichert – und bei der Wiedergabe dann automatisch eingestellt. Zur Rauschunterdrückung stand das interne Dolby B oder ein extern einschleifbares System zur Verfügung.

Beim Test anno 1980 wa­ren wir von den Dynamikwerten schier aus dem Häuschen: „Die besten, die wir je gemessen haben“, notierte der damalige Laborchef. Und die Frequenzgänge „stellten dem 1000 ZXL den Meisterbrief aus“.  Nur die Gleichlaufwerte fanden wir „einigermaßen enttäuschend“.

Bis 1984 war der Nakamichi 1000 ZXL am Markt – verdrängt nicht zuletzt vom eigenen Stallgefährten Dragon. Heute ist er ein begehrtes Sammlerstück bei Ebay & Co: Preise von 2000 Euro sind keine Seltenheit. (Ende)

Profil

Nakamichi 1000 ZXL
Cassettendeck mit getrennten Tonköpfen für Aufnahme und Wiedergabe und automatischer Azimut­justage sowie Einmessautomatik.

Markteinführung: 1980
Damaliger Neupreis: 7500 DM

Ein Stern geht unter

Mit dem Niedergang der Compact Cassette verblasste auch der Name Nakamichi

Wie kaum eine andere HiFi-Marke ist Nakamichi verbunden mit der Compact Cassette. 1972 erschienen die ers­ten hochkarätigen Nakamichi-Decks, 1973 sogar schon der erste „1000er“ – und 1996 zog sich das Unternehmen vom Markt zurück, nachdem die Cassette massiv an Bedeutung verloren hatte. Zwar gab es 1999 einen Relaunch unter den neuen Eignern aus Singapur, doch die Produkte – kompakte Designanlagen – waren nur noch ein Abklatsch dessen, wofür der Name Nakamichi einst stand.

Wie so oft, wenn sich ein Hersteller vom Markt zurückzieht, bleiben Service und Ersatzteilversorgung im Argen. Eine geregelte Nachfolge hat es lediglich in Großbritannien gegeben, wo der einstige Nakamichi-Vertrieb Bowers&Wilkins den Servicebereich weiter betrieb. Auch heute gibt es dort noch Ersatzteile (www.bowersandwilkins.co.uk), wenn auch nicht für den 1000 ZXL, so doch für die 680er-Modelle mit weitgehend identischem Laufwerk. In Deutschland haben sich einige Werkstätten auf Nakamichi-Reparaturen spezialisiert, darunter Audiotronic in Heidelberg (www.audiotronic-service.de, Tel.: 06221/28714). „Bisher haben wir noch jedes Nakamichi-Deck wieder flott gekriegt,“ sagt Audiotronic-Chef Roger Weber.