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23.11.2014

Test: Standlautsprecher RF-62

Auf den Trichter gekommen

Bei Klipschs RF-62 erwarteten wir einen Maulhelden – und wurden zum Glück enttäuscht

Klipsch RF-62

Matthias Böde

Kann man uns die Vorbehalte verdenken? Schließlich reißt die Amerikanerin ihren Rand gehörig auf. Und das nicht nur in Form ihres Tractrix-Horns mit neu berechneter Halsgeometrie, das dem 26 Millimeter durchmessenden Kompressionstreiber mit Titanmembran vorsteht. Nein, die RF-62 ist schlicht und einfach laut. Ihr Wirkungsgrad liegt einige Dezibel über dem der Mitbewerber, was mehr Schalldruck aus der Verstärkerleis­tung macht und gerade im lauten Betrieb dessen Watt-Resourcen schont.„Partybox“ mit Anspruch lautete denn auch oft das Testfazit eines Modells aus Klipschs Reference-Serie. Ich fürchte, nach deren Überarbeitung müssen wir umdenken. Zwar springt einen die Lebendigkeit der sich auf Spike-bewehrte Ausleger abstützenden Säule nach wie vor förmlich an, geben ihre beiden 16,5-Zentimeter-Tieftöner, die bis 1800 Hertz hinauf arbeiten, dem Klangbild eine gehörige Portion Punch, doch fehlt ihr die gewohnte Krawall-Attitüde, besticht die RF-62 mit ausgeprägtem, aber gezügeltem Temperament.

Das „großmäulige“ Tractrix-Horn wird von einem rund 25 Millimeter durchmessenden Hochtöner mit Titanmembran geladen

So enthält sich die Box jeglicher Übertreibung im Bass oder Grundton, spielt stimmig, knackig und tro­cken. Im direkten Vergleich mit ihren Klassenkameradinnen fiel anfangs allenfalls eine leicht bissig-heisere Note in den Höhen auf, die Streicher zuweilen etwas sandig tönen ließ, die jedoch mit zunehmender Einspielzeit mehr und mehr verschwand.
Kurz und auf den Punkt arbeiten die rückwärtig über zwei mächtige Reflexöffnungen beatmeten Woofer mit golden schimmernder „Cerametallic“-Kompositmembran, der Klipsch eine hohe Steifigkeit bei starker innerer Dämpfung zuschreibt. Das glauben wir gern, denn obwohl der Hersteller die Stabilität des verstrebten Gehäuses betont, resoniert das beim seitlichen Klopfen hohl wie ein leerer Waschmitteleimer. Aber was zählt, ist nun mal das, was hinten, Verzeihung, vorne rauskommt.

Seien ihre Wände dünn und Schallwand samt Horn aus Kunststoff – die Klipsch hat eine audiophile Seele. Ihre Fein- wie Grobdynamik ist hervorragend, ebenso die Plastizität und das exakte Tiefenrelief. Der Spaß ist geblieben, doch die Amerikaner sind bei der RF-62 auf den hifidelen Trichter gekommen. Da darf die auch eine große Klappe riskieren.

Fazit

Klipsch RF-62

Paar um 1000 Euro
Maße: 22 x 103 x 40 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Osiris Audio
Tel.: 0231/87800440
www.osiris-audio.de

 

Hatten Klipschs frühere „Reference“-Boxen oft gezielt auf die Spaßfraktion geschielt, punktet die RF-62 doch tatsächlich vor allem mit hifidelen Tugenden. Geblieben ist die Impulsivität und der knackige Bass, der hier ohne Überhöhung kommt und gehörigen Tiefgang hat. Erstaunlich sind die Exaktheit in der Dreidimensionalität und die natürliche Homogenität.

Labor

Dass Klipsch ein echter Spezialist für Hornlautsprecher ist, zeigt der im Bereich der Mitten erstaunlich glatte Verlauf des Frequenzschriebs. Die Höhen steigen auf Ach­se (rote Kurve) zwar etwas an, doch schon unter einem 30-Grad-Winkel sind sie deutlich schwächer. Bei linearerer Abstimmung wäre das Ergebnis zu matt. Im Hörtest gab sich die mit hohem Wirkungsgrad ausge­stattete, im Bass tief hinabreichende RF-62 jedenfalls nicht zu hell. Im Gegenteil. Für diese Ausgeglichenheit war wohl einige Weichenarbeit nötig. Die Impedanzspitzen reichen bis 50 Ohm. Die Sprungantwort zeigt die fast gleichzeitige Reaktion der Chassis, jedoch auch einige Resonanzen.

Frequenzgang
Sprungantwort