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22.10.2014

Service: HiFi-Vorurteile

Falsch gedacht

Beim Thema HiFi ist längst nicht alles so, wie es scheint oder wie es vielleicht mal gewesen ist. Eine Liste der elf beliebtesten „Überzeugungen“ und was da­von stimmt

von Matthias Böde

Röhre und Transistor

„Röhren klingen warm, Transis­toren aber kühl“

Dieses Vorurteil aus der Urzeit der High Fidelity wird sich wohl nie mehr ausmerzen lassen. Es stammt noch aus der Anfangszeit der Transistor-Verstärker, als deren ungradzahlige Oberwellen (Klirr) sowie andere charakteristische Verzerrungsarten den Hörern zu Recht sauer aufstießen. Diese Punkte sind zwar längst kein Thema mehr, doch das Gerücht hält sich hartnäckig und wird hin und wieder sogar von Herstellern bemüht, die es eigentlich besser wissen müssten, wenn es etwa heißt, man habe diesen oder jenen Amp auf den warmen Klang von Röhren hin entwickelt. Nun mag es zwar Produzenten geben, die ihre Röhrengeräte bewusst auf einen soften Sound abstimmen. Mit dem Bauteil an sich hat dies jedoch nichts zu tun.

Armdrücken

„Ein Verstärker darf höchstens so stark sein wie die Nennbelastbarkeit der Box“

Es sind die ersten beiden Größen, an denen sich der Neuling auf den schwankenden HiFi-Brettern festhält: Verstärkerleistung und Boxenbelastbarkeit. Sie scheinen so eindeutig – und sagen für sich doch gar nichts. Gibt die Belastbarkeit bestenfalls an, wann ein Lautsprecher zerstört wird, so beschreibt die Verstärkerleistung zwar die zur Verfügung stehende Energiemenge, doch was man damit erreicht, besagt sie nicht. Es ist, als ob man den Tankinhalt eines Autos erfährt und meint, man kenne damit seine Reichweite. Die hängt jedoch vom Motorverbrauch ab. Ebenso ist es bei der HiFi-Anlage. Der Wirkungsgrad des Lautsprechers ist das entscheidende Maß. Im Extremfall erzielt ein Fünf-Watt-Verstärker an einem Horn mit hoher Effizienz lautere Pegel als eine 500-Watt-Endstufe an einer Box mit nur durchschnittlicher Empfindlichkeit. Dieser Sachverhalt führt uns gleich zum nächsten HiFi-Irrtum:

Schwächelnde Box

„Der Lautsprecher ist das schwächste Glied der Anlage“

Wenn das so ist, dann fragen wir uns, warum man auch über einfachere Boxen mühelos die Klassenunterschiede zwischen allen möglichen Quellgeräten und Verstärkern nachvollziehen kann. Der schottische Hersteller Linn hat schon früh erkannt und gelehrt, dass der Lautsprecher der Sklave der Elektronik ist. Das stimmt, denn er muss das wiedergeben, was ihm aufgezwungen wird. Aber er ist auch ihr Zuchtmeister. Er setzt zwar um, was er bekommt, doch er offenbart dabei scheinbar mühelos die Schwächen.

„Englische Lautsprecher tönen dumpf, amerikanische basslastig, und deutsche haben eine eingebaute Loudness“

Da war mal was dran. Vor 20 Jahren noch konnte man diese Tendenzen finden. Sie gingen übrigens weniger auf nationale Geschmacksunterschiede zurück, sondern hatten vor allem mit den Eigenheiten der Wohnsituationen zu tun. Viele Amerikaner leben in Holzhäusern, deren Wände stark mitschwingen und so Bassenergie vernichten. Klar, dass eine für solche Bedingungen konzipierte Box in einem Zimmer mit massiven Wänden basslastig wirkt. Deutsche haben sich zumindest in der Vergangenheit eher plüschig eingerichtet, was Höhen schluckt, und sie hatten größere Räume zur Verfügung als etwa die Engländer, die in der Regel dichter an ihren Lautsprechern sitzen und Boxen aus hiesiger Produktion, die in unseren Wohnzimmern genau richtig waren, als schrill empfanden. Im Zuge der Internationalisierung der Marken orientierten sich die Hersteller zunehmend am Gebot der Linearität, weshalb heute eine britische Tannoy tonal kaum anders abgestimmt ist als eine deutsche Canton oder eine in den USA entwickelte Infinity.

„MC-Tonabnehmer klingen besser als solche mit MM-Technik“

Jein. Die hochwertigsten Systeme, die es gibt, sind tatsächlich MCs, und die Entwickler werden nicht müde zu betonen, dass sich die feinsten Rillenmodulationen nur mit einem Top-MC erfassen lassen. Mag sein, doch manchem Hörer sind viele MCs zu analytisch und exakt. MM-Tonabnehmer wirken oft musikalisch verbindlicher, tonal geschlossener und „analoger“. Sie haben sich ihre Anhängerschaft zu Recht bewahrt.

„Je dicker ein Boxenkabel ist, desto besser klingt es“

Am Anfang der Kabeldiskussion in den frühen Achtzigern ging es hauptsächlich um eins: um Querschnitt. Je dicker, desto besser lautete die Devise im Zeitalter des typischerweise 0,75 Quadratmillimeter dünnen Klingeldrahts. Das ist längst Geschichte. Doch auf das Vorurteil stößt man immer noch. Zwischenzeitlich hat man ganz andere Parameter entdeckt, weshalb es viele exzellente Lautsprecherkabel ohne üppigen Querschnitt gibt. Und vielleicht kann man sogar zu dick werden. Gängige Stegleitungen haben qualitativ bis vier, maximal bis sechs Quadratmillimeter Querschnitt zugelegt. Im Zusammenhang mit den eine Zeit lang angesagten Zehn-mm2-Kabeln klang’s oft merkwürdig träge, fett und breiig. Und das war für viele von uns kein Vorurteil, sondern eine klare Hör-Erfahrung.

„SACDs und DVD-Audio-Discs sind CDs klanglich überlegen“

So grundsätzlich geäußert, ist die Aussage falsch. Was man hört, hängt vor allem von der Aufnahmequalität ab und weniger vom Digital-Format des Tonträgers. So wie es hervorragend klingende CDs gibt, trifft man auch auf eher mäßig tönende Hochbit-Scheiben. Zwar bieten die SACD sowie die DVD-Audio-Disc ein noch höheres Potenzial als die gängige CD, doch ob das bei der Produktion stets genutzt wurde, ist mehr als fraglich. Es mag sein, dass jedes Format seinen individuellen akustischen „Fingerabdruck“ als feine Struktur der Wiedergabe aufdrückt, doch absolut betrachtet ist das noch kein Vor- oder Nachteil. Was auf jeden Fall gilt: Gut aufgenommene Tonträger klingen besser als mies eingespielte.

Boxen und Verstärker

„Große Boxen brauchen große Amps und kleine Boxen kleine“

Genau falsch herum gedacht. Da großvolumige Stand­boxen in der Regel einen höheren Wirkungsgrad aufweisen als Kompaktmodelle, benötigen sie weniger Leistung für dieselbe Lautstärke, ergo sogar schwächere Verstärker. Ein Unterschied von sechs Dezibel Wirkungsgrad kann bei hohen Pegeln zu vielfach höheren Leistungsanforderungen führen. Noch eine falsche Annahme ist, dass man einen schwachen Amp an einer höher belastbaren Box gefahrlos voll aufdrehen darf. Tatsache ist, dass man viel leichter mit einem Zehn-Watt-Verstärkerchen eine mit 100 Watt belastbare Box zerstören kann als mit einem 500-Watt-Verstärker. Denn die Clipping-Verzerrungen, die der Mini-Amp beim Übersteuern erzeugt, killen unweigerlich den Hochtöner, wäh­rend die kräftige Endstufe lange sauber arbeitet. Ihre Power schadet deshalb in der Regel nichts, selbst wenn die Spitzen kurzzeitig über der nominellen Belastbarkeitsgrenze liegen.

Fifty-Fifty

„Beim Anlagenkauf sollte man die Hälfte des Preises in die Lautsprecher ­investieren“

Noch so eine Weisheit, die nicht totzukriegen ist. Na­türlich wird man in der Praxis auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Komponenten achten. Dabei wird jedoch oft übersehen, dass auch der beste Verstärker und die tollsten Boxen nur das übertragen können, was von vorne geliefert wird. Investieren Sie deshalb im Zweifelsfall mehr in einen guten CD-Spieler. Ein Referenzlautsprecher klingt an einer mittelmäßigen Kette letztendlich auch immer nur mittelmäßig. Eine mittelmäßige Box an einer Super-Anlage kommt dagegen groß ‘raus. Dass hier so häufig Fehler gemacht werden, liegt am nächs­ten Vorurteil:

„Symmetrischer Anschluss der Geräte ist stets überlegen“

Das gilt nur, wenn es sich um vollsymmetrisch ausgelegte Geräte handelt. Viele Vor- und Vollverstärker mit symmetrischem Alibi-Eingang sind in Wirklichkeit unsymmetrisch ausgelegt, weshalb das via XLR-Buchsen eingehende Signal erst wieder desymmetriert werden muss, was dem Klang nicht zuträglich ist. Symmetrisch ausgelegte Amps mit doppelten Signalwegen fürs normale und fürs invertierte Signal profitieren von der dreipoligen Anschlussart. Sie erspart das Symmetrieren der Signale am Eingang. Viele CD-Spieler sind heute mit symmetrischen Wandlern und Ausgangsstufen ausgerüstet und kreuzen beim Aufsummieren der Signale Störungen und Fehler elegant aus. Doch merke: Symmetrie für sich genommen ist kein Qualitätskriterium, und unsymmetrische Geräte werden auch besser per Cinch verkabelt. So klingt’s meist besser.

„Der Tonabnehmer macht beim Plattenspieler die Musik“

Ganz großer Irrtum! Viele Analog-Hörer machen den Fehler, ein Basis-Laufwerk mit einem sündteuren Tonabnehmer auszustatten. Doch das wird immer mickrig klingen. Mehr noch: Ein hochäuflösendes Sys­tem stellt einen einfacheren Plattenspieler, der mit einem weniger gnadenlosen Abtaster noch ganz nett geklungen hätte, förmlich bloß. Im Zusammenhang mit einem Top-Laufwerk wachsen Abnehmer der unteren bis mittleren Klasse dagegen geradezu über sich hinaus und bieten ein überzeugendes Klangerlebnis. Letztlich sollte man natürlich auf ein ausgeglichenes Verhältnis der Qualitäten achten.