Service/Test: RoHS und Marantz
Folle Fahrt trotz Bleifrei
Marantz hat sein Vollverstärker-Flaggschiff PM 11-S1 auf die neuen EU-Materialrichtlinien umgestellt und den Spaßfaktor des ohnehin umwerfenden Verstärkers dabei deutlich erhöht
von Carsten Barnbeck
RoHS – wie ein grausiges Schreckgespenst machten diese vier Buchstaben beim Bekanntwerden aller Details die Runde. Knapp drei Jahre ist das jetzt her. Die EU hatte mal wieder eine ihrer grandiosen Ideen ausgebrütet und ganz nebenbei einen verzwickten neuen Weg aufgetan, Geld in ihre hungrigen Kassen zu spülen. So konnten wir es damals zumindest immer wieder in Gesprächen mit Industrievertretern vernehmen.
Ein Gesetz (Details siehe Kasten) verpflichtet Hersteller seit Frühjahr letzten Jahres, schon im Vorfeld für die irgendwann einmal anfallenden Entsorgungskosten ihrer Ware zu sorgen. Gleichzeitig verbietet RoHS eine Reihe gefährlicher oder gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe. Das Blei, mit dem der Schmelzpunkt von Lötzinn früher herabgesetzt wurde, ist ein sehr passendes Beispiel aus der Elektrotechnik. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass eine solche Verordnung auf wenig Gegenliebe seitens der Produzenten stößt.
Man kann RoHS – aller berechtigten und ungerechtfertigten Kritik zum Trotz – natürlich auch vieles abgewinnen, stellt das Gesetz doch ein realisiertes Stück Umweltpolitik dar. Die Regelung ist eine Motivation, schädliche Materialien schon bei der Entwicklung neuer Geräte zu vermeiden. Auch das Argument, HiFi müsse ausgenommen werden, schließlich lande so etwas Herrliches wie ein großer, edler High End-Amp nie auf der Müllhalde, ist fadenscheinig. Auf ein Menschenalter bezogen oder im Vergleich zu einem iPod mag das stimmen, aber irgendwann wird auch er den Weg alles Irdischen beschreiten.
Natürlich mussten die Hersteller in unserer Branche durch die veränderten Materialien und die teilweise daraus resultierenden, neuen physikalischen Bedingungen umdenken, die Konzepte ihrer Geräte anpassen und viele HiFi-Komponenten völlig neu abstimmen. Während einige Entwickler uns damit das Ende des guten Musikgenusses prophezeiten, sahen andere wiederum Chancen hinter dem Zwang, da man willkommene Gelegenheit bekam, sich mal wieder mit den inneren Qualitäten seines gesamten Portfolios auseinanderzusetzen.
Zu den optimistischer ausgerichteten Herstellern gehörte von Anfang an Marantz. Das belegt ein munteres Interview, das STEREO für einen Bericht über die neue EU-Richtlinie in Ausgabe 12/05 mit Rainer Finck, dem damaligen Geschäftsführer des deutschen Vertriebes, führte. Mit dem PM-11 S1, dem größten Vollverstärker ihrer Premium-Linie, gaben uns die Osnabrücker nun erstmals die Möglichkeit, einen direkten Vergleich zwischen einem RoHS- und einem Non-RoHS-Gerät gleicher Bauart anzustellen. ..weiter..
Gesetz mit Haken
Umweltschutz ist wichtig! Das verzeiht aber keine Ungereimtheiten in Gesetzen
Giftstoffe lassen sich, einmal in Umlauf gebracht, nur mit hohem Aufwand wiederverwerten oder beseitigen. Das gilt besonders dann, wenn sie mit anderen Materialien vermengt wurden und vorher aufwändig getrennt werden müssen. Obwohl man das schon lange weiß, schaffte erst der aufkeimende Billig- und Wegwerfboom bei Elektrogeräten – darunter fallen neben Handys auch Computer-Bauteile, DVD-Spieler und andere Kleingeräte wie Navis oder Portis – die Sensibilität und das Bewusstsein für Handlungsbedarf in den Entscheidungsgremien der Europäischen Union. Unter den Namen „2002/95/EG“ wurde am 1. Januar 2003 eine Richtlinie verabschiedet, mit der die Verwendung bedenklicher Inhaltsstoffe minimiert beziehungsweise verboten werden sollte. Um den Umgang mit der Materie zu erleichtern, gab man der Vorlage außerdem den Namen RoHS. Das steht für „Restriction of Hazardouz Substances“ und heißt frei übersetzt so viel wie „Regelung zur Verwendung gefährlicher Inhaltsstoffe“.
RoHS besagt zum Beispiel, dass Materialien wie Blei, Quecksilber, Cadmium und bestimmte Chrom-Sorten gar nicht mehr oder nur bis zu einem festgesetzten Grenzwert vorkommen dürfen. Das gilt für alle Arten von Elektronik, ausgenommen sind lediglich Medizin- und Militärtechnologie, sowie einige wenige Randbereiche.
Hierzulande formulierte man, um aus der Richtlinie geltendes Recht zu machen, kurz darauf das „Elektro- und Elektronikgerätegesetz“, kurz ElektroG genannt. Dieses Gesetz vereint RoHS mit der WEEE, einer EU-Verordnung, die Hersteller für den von ihnen produzierten, zukünftigen Elektroschrott haftbar macht. Im Klartext bedeutet ElektroG, dass neben den veränderten Materialien auch jährlich eine Pauschale für die Entsorgung zu entrichten ist. Die Unternehmen sind aufgefordert, ihre kommenden Produktionsmengen zu schätzen, abgerechnet wird nämlich nach Gewicht.
Aber genau hierin liegt ein Fallstrick, der nicht nur in der HiFi-Branche große Probleme bereitet: Alle Produkte werden am selben Maßstab gemessen. Allerdings enthält ein leichter DVD-Spieler sehr viel mehr an Platinen und Bauteilen, als eine wuchtige 80-Kilo-Box, deren problemlos verwertbares, großes Holzgehäuse ja ohne Kompromiss mitgewogen wird. Auch wenn man Lautsprechern nicht den grünen Umweltengel verleihen kann, ist das Argument der betroffenen Hersteller, man müsse die Formen der Elektrogeräte intelligenter unterscheiden, nachvollziehbar und gerechtfertigt. Das gilt natürlich in gleichem Maße für einen Vollverstärker, dessen Gewicht größtenteils aus seinem Metallgehäuse und dem riesigen, unbedenklichen und wiederverwertbaren Ringkerntrafo resultiert.





