Sie sind hier: HiFi-Test / Lautsprecher / Standboxen / Dali Mentor 6
25.11.2014

Zuckerbrot und Peitsche

Der Name ist Programm: Dalis neue Mentor 6 fühlt sich zum Lehren berufen. Mit buchstäblicher Strenge, aber auch mit angemessener Nachsicht vermittelt sie Klangerlebnisse auf ihre ganz eigene Art

von Carsten Barnbeck

Es gibt zwei Wege, ein Produkt zu benennen: Entweder, man verpasst ihm einfach eine mehr oder weniger logische Abfolge von Ziffern und Buchstaben. Die andere Variante sieht hingegen vor, dem Gerät, Lautsprecher oder was auch immer einen „echten“ Namen zu verpassen, der nicht nur die schnelle, einwandfreie Identifikation ermöglicht, sondern auch eine Identität verleihen kann.

Den Charakter einer Ware in einem treffenden Wort zusammenzufassen, das gleichzeitig auch noch plakativ, klangvoll und somit verkaufsfördernd sein sollte, erfordert allerdings ziemlich viel Geschick. Wir halten ja den Namen unseres Magazins immer noch für ein außerordentlich gelungenes Beispiel dieser Methode. Dali bevorzugt diese zweite, kniffligere Vorgehensweise und hat sich bei der neuen Produktlinie für den bedeutungsschwangeren Namen „Mentor“ entschieden.

Ein Mentor, ein Lehrer also, sollen Dalis Boxen sein. Allerdings keiner, der von oben herab Wissen eintrichtert oder im Befehlston zum Pauken animiert, sondern eher ein freundschaftlicher, väterlicher Fürsorger und Betreuer. „Berater“ wäre eine weitere mögliche Übersetzung des Begriffs. Definitionsgemäß sieht der dänische Hersteller seine neuen Wandler folglich als Botschafter des guten Klangs, als ein Medium, das nicht nur Töne reproduziert, sondern Klangerlebnisse vermittelt und den akustischen Erfahrungsschatz seiner Zuhörer gleichzeitig erweitert.

Wenn Sie nun meinen, diese blumige Interpretation könne ebenso gut aus einem Werbeprospekt der Skandinavier stammen, liegen Sie sicher nicht ganz verkehrt. Sie werden allerdings noch sehen, dass man den Lautsprecher problemlos unter derartigen Aspekten betrachten kann – und dass er solchen Ansprüchen zweifelsfrei gerecht wird. Aber immer der Reihe nach: Die Mentor ist zunächst einfach eine neue Produktlinie aus dänischem Hause, deren verschiedene Modelle – neben unserer großen Mentor 6 gibt es noch die Kompakte Mentor 2, einen Center und den passenden Subwoofer – sich zwischen der günstigen Ikon und den edlen, schmelzig aufspielenden Helicons ansiedeln. Mit diesen beiden Serien teilt sich die Lehrmeisterin unverkennbare Ähnlichkeiten zu der hochklassigen Euphonia-Linie.

Gemeint ist damit der markante Dali-Doppel- Hochtöner, der eine konventionelle Gewebe-Kalotte mit einem Bändchen für die sphärischen Höhenbereiche oberhalb von zehn Kilohertz kombiniert.Aber auch die braunen Bass-Membranen, die aus einer Mischung von Gewebe und speziell vorbehandelten Holzfasern bestehen, gleichen denen anderer Dali-Modelle zunächst bis ins Detail. Einer genaueren Prüfung hält dieser Eindruck jedoch nicht stand. Tatsächlich wurden die bestehenden Treiber für die Mentor vollständig überarbeitet, die Bässe etwa mit einem neuen, strömungsoptimierten Aluminium-Korb versehen und wie das Netzwerk an die Eigenheiten des stabilen, mit Verstrebungen versteiften MDF-Bassreflexgehäuses angepasst. Für extreme Schwingungsarmut sind die Seitenwände 19, Front und Rückwand sogar stattliche 28 Millimeter stark.

Die beiden Hochtöner der Mentor, links das Bändchen, rechts die Kalotte, sind in einem gemeinsamen Gehäuse untergebracht

Profil

Dali Mentor 6
Paar ca. €3000
Maße: 20 x 103 x 39 cm (BxHxT)
Garantie: 5 Jahre
Vertrieb: Dali
Tel.: 06028/4390
www.dali.dk

Fazit

Dalis Mentor 6 ist eine scharfsinnige Beobachterin, der kein Detail entgeht und die in Sachen Auflösung und Spielfluss so machem Konkurrenten das Wasser abgräbt. Der straffe, knorrige Bass fügt sich ausgesprochen harmonisch und angenehm füllig in den Frequenzgang ein, auch, wenn man von einer insgesamt schlanken Abstimmung sprechen darf. Für die superbe Verarbeitung gibt es einen vierten Stern.

Labor

Der schlanke Tonfall der Dänin findet Bestätigung im Frequenzgang, der leichte Schlagseite aufweist, ab etwa 300 Hertz sanft zu den Höhen hin ansteigt und zudem etwas wellig verläuft. Der Bass reicht bis knapp unter 50 Hertz, während der Hochtöner sensibel auf unterschiedliche Ausrichtungen des Wandlers reagiert (gestrichelte Linie bei 30 Grad Achsabweichung). Es lohnt sich, die Mentor gewissenhaft aufzustellen und mit verschiedenen Winkeln zu experimentieren. Der Impedanzverlauf ist unkritisch und die Impulsantwort belegt mit ihrem geringen Versatz ein ordentliches Zusammenspiel der drei Chassis.