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22.12.2014

Test: Tonabnehmer Lyra Dorian

Frischzelle

Dorian Gray ließ ein Bild an seiner Stelle altern. Uns hält die Vinyl-Leidenschaft jung. Gerade, wenn Lyras Dorian aufspielt. An diesem MC hätte sogar Oscar Wilde Gefallen gefunden

von Matthias Böde

Vom großen irischen Schriftsteller Oscar Wilde ist das Bonmot überliefert, er habe einen ganz einfachen Geschmack: immer nur das Beste. Den Jugendwahn unserer Tage hat der Bohemian in der Romanfigur des Dorian Gray vorweggenommen, dessen Bildnis alterte, während er jung und frisch blieb. Auch dem Schallplattenhören scheinen Zeit und neue Medien nichts anhaben zu können.

Rund 25 Jahre nach Einführung der CD gibt’s immer noch neue Vinylscheiben, Laufwerke und Tonabnehmer. Letztere bietet seit 1985 das Tokioter Unternehmen Lyra an, unter denen das knallrote, rund 820 Euro teure Dorian das kleinste Modell ist. Ohne seinen die gesamte Armatur abdeckenden Nadelschutz wiegt es 6,4 Gramm und passt auch aufgrund seiner Compliance zu mittelschweren bis etwas schwereren Tonarmen, also zu denen, die heute üblich sind. Um Resonanzen zu vermeiden, verzichtete Entwickler Jonathan Carr auf ein dafür anfälliges Gehäuse. Das offene Abtastsystem wurde vielmehr auf einen massiven Block aus einer Aluminiumlegierung montiert, der eine breite Auflagefläche zum Headshell hin bietet und mit zwei Befestigungslöchern versehen ist, in die praktischerweise die Gewinde für die mitgelieferten Schräubchen geschnitten sind.

Die eigentliche Abtasteinheit mit den im Magnetfeld bewegten Mikrospulen wird auf ihrer Unterseite mit japanischem „Washi“-Papier gegen Schmutz geschützt, das keiner Pflege bedarf. „Hervorstechendes Merkmal“ des Dorian ist sein aus einem massiven Borstäbchen gefertigter Nadelträger. Bor ist extrem leicht, dabei hart und deshalb besonders verwindungssteif.

Gesuchte Eigenschaften, wenn es gilt, die Bewegungen des Diamanten möglichst unbedämpft und verlustfrei an die Schwingarmatur weiterzuleiten. Bewährt hat sich auch die Verwendung des so genannten „Micro Ridge“-Schliffs, den ich schon vor gut 15 Jahren an meinem betagten Audio-Technica Art 1 zu schätzen lernte, dem er ebenfalls zu bestechender Abtastfähigkeit bei moderatem Auflagedruck verhalf. Typisch für japanische MCs ist der angegebene Innenwiderstand von weniger als zehn Ohm. Hier sind es 9,5 Ohm,weshalb das Dorian nach der Faustformel – Innenwiderstand x 10 = Abschlussimpedanz – an die gängigen 100-Ohm-Phono-Eingänge passt, was sich in der Praxis bestätigt. Man darf dieses MC ruhig auch etwas höher abschließen, was die oberen Lagen minimal aufhellt und die Dynamik ein wenig leichtfüßiger macht.

Aufgeweckter klingt das Dorian deshalb jedoch nicht. Ganz im Gegenteil trumpft es vom ersten Ton an mit prägnanter Rasanz auf.Um seine Sensibilität für delikate Farbschattierungen sowie die Aura feinster Hochtongespinste zu entwickeln, benötigt das Lyra-MC mindestens 20 Stunden Einspielzeit, doch Energie und kerniger Druck sind von Anfang an vorhanden.

Gut zu hören etwa mit den trockenen Schlägen zu Beginn des neuen Friedemann-Albums „Saitensprünge“. Nicht nur hier unterfüttert das Dorian seine ansatzlose Dynamik aus den rhodinierten Anschlussstiften mit einem guten Pfund Sonorität. Denn es erkauft seine sprudelnde Lebendigkeit keineswegs durch Zurückhaltung in den unteren Lagen. Stimmen haben einen ausgeprägten Brustbereich und geraten nie zu kehlig, Streicher oder auch Blues-Gitarren kommen mit sämigem Schmelz, Ray Browns akustischer Bass lässt es trotz aller Kontur nicht an Fülle mangeln.

Dieser Artikel wurde in STEREO 10/2007 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.

Profil

Lyra Dorian

um €820
Typ: Moving Coil
Befestigung: Halbzoll
Garantie: 2 Jahre
Vertrieb: Fast Audio
Tel.: 0711/4808888

www.fastaudio.com

Labor

Ein emotional packender Tonabnehmer, der dem druckvollen Punch wie strahlenden Funkeln durch leichte Betonungen an den Frequenzenden ein wenig nachhilft. Top-Abtastfähigkeit bei 20 Millinewton Auflagedruck, angenehm hoher Pegel, volle Verträglichkeit mit 100-Ohm-Amps.